Die Zeiten ändern sich

Uwe Ehlbeck wird Ortsvorsteher in Borchel

Die Borcheler Gemeinschaft funktioniert, und die Wahl eines Ortsvorstehers ist stets ein Ereignis. Die Stimmung ist gut, während die Wahlurne in Keksdosengröße über den Tisch wandert. Auch, wenn sich Borchels letzter von 20 Bürgermeistern und erster Ortsvorsteher nach nun 48 Jahren aus dem Amt verabschiedet. Fast jeder dritte Dorfbewohner ist dabei und zeigt sich dankbar. - Fotos: Menker

Borchel - Von Guido Menker. Borchel ist klein. 279 Einwohner zählt die Ortschaft, die acht Kilometer von Rotenburg entfernt liegt und sich innerhalb der Kreisstadt nur selten Gehör verschafft. So, wie etwa 2014, als es um die Stellungnahme der Stadt Rotenburg zum Änderungsentwurf des Landesraumordnungsprogramms ging und die Borcheler um die Existenz ihres Ortes bangten.

Es ging um das Vorhaben der Landesregierung, Vorranggebiete für Torferhaltung und Moorentwicklung vorzusehen. „Wir haben Angst“, erklärte seinerzeit Ortsvorsteher Hans Worthmann, der mit rund 100 Menschen und einer Kuh aus seinem Dorf nach Rotenburg gekommen war, um Einfluss auf die Stellungnahme der Stadt zu nehmen. Fast genau auf den Tag genau zwei Jahre danach sitzt Hans Worthmann mit genauso vielen Borchelern im Dorfgemeinschaftshaus. Seine Verabschiedung steht auf der kurzen Tagesordnung. Zuerst aber muss ein neuer Ortsvorsteher gewählt werden.

Die 80er-Jahre-Vorhänge sind zugezogen, und schon eine Viertelstunde vor Beginn der Bürgerversammlung zeichnet sich ab, dass die Stühle an den Tischen nicht ausreichen werden. Am Ende ist der Saal komplett gefüllt, viele nehmen in der zweiten Reihe Platz, darunter auch Feuerwehr-Chef Helgo Schieber in Uniform. Sie alle warten darauf, dass es losgeht. Eine Situation, in der normalerweise alle ihre Handys zücken und schauen, was in der Welt da draußen gerade so los ist. Hier nicht. „Bringt nichts“, sagt einer. Es gibt kein Netz. Also wird geschnackt und gelacht. Bevor die Wahl beginnt, weist Worthmann auf die Veranstaltung zum Volkstrauertag hin und erinnert an die Grabenschau im Dezember. Und er erklärt, dass die Wahl schriftlich erfolgt. „Damit keiner in Verlegenheit kommt.“ Am Ende sind 99 Stimmzettel auszuzählen. 81 Ja-, acht Nein-Stimmen und zehn Enthaltungen – Uwe Ehlbeck soll in die großen Fußstapfen von Hans Worthmann treten. Das erfahren die 99 Borcheler nach einer kurzen Pause, die viele für eine Zigarette unter dem Vordach nutzen, während mehrere Damen dafür sorgen, dass was zu trinken auf den Tisch kommt. Es gibt Bier, Alster, Cola, Wasser und Limonade. Der Sekt steht auch schon bereit – aber das kommt später.

Als Worthmann begonnen hat, sich politisch für die frühere Gemeinde Borchel zu engagieren, die seit der Gebietsreform zur Stadt Rotenburg gehört, war Uwe Ehlbeck noch gar nicht auf der Welt. 1968 ist Worthmann angetreten – und es folgten 48 Jahre, die von einer tiefen Liebe zu diesem Ort geprägt sind. Ratsmitglied, stellvertretender Bürgermeister, Bürgermeister und Gemeindedirektor. Als Borchel zu einem Teil Rotenburgs wurde – vor 42 Jahren – setzte Worthmann seine Arbeit bis zu diesem 1. November als Ortsvorsteher fort. Die Borcheler haben gesammelt und schenken dem 75-Jährigen an diesem Abend einen Urlaub in einem Wohlfühl-Hotel. Sie sind dankbar.

Vor 20 Jahren in den Ort verliebt

Um die Zeit der Auszählung zu überbrücken, erklärt Bürgermeister Andreas Weber (SPD) den Borchelern, was ein Ortsvorsteher eigentlich alles so zu machen hat. Dafür gibt es eine Dienstanweisung. „Können wir die auch mal bekommen? Dann wissen wir, womit wir uns an ihn wenden können“, sagt einer der Bewohner. Weber verspricht, Ehlbeck am Donnerstag den Kopierer im Rathaus dafür zur Verfügung zu stellen – ob er die Möglichkeit nutzt, sei ihm überlassen. Denn heute Abend setzt der Stadtrat die Empfehlung um und benennt ihn zum Ortsvorsteher. Ein formaler Akt. Diesen hat aber auch Weber abzuwarten – mit Blick auf die offizielle Verabschiedung Worthmanns.

Bürgermeister Andreas Weber (SPD, l.) gratuliert Uwe Ehlbeck (M.) und dankt Hans Worthmann für seine langjährige Arbeit.

Die Wahl ist also durch, und Worthmann nutzt die Gelegenheit für einen Rückblick auf die vergangenen 48 Jahre. Alles auf Platt, versteht sich. Eine gute Stunde nimmt er sich Zeit. Er erinnert vor allem an die Gebietsreform und an den Bau des Dorfgemeinschaftshauses. Damals in den 70ern war nämlich eine Ära zu Ende gegangen, als die „Moorquelle“ für immer die Türen schloss. Das einzige Gasthaus im Ort sollte den Borchelern fehlen. Plötzlich hatten sie keinen Treffpunkt, keinen Veranstaltungsraum mehr. Es dauerte und war ein schwieriger Weg, bis der Wunsch nach einer Gemeinschaftsanlage Wirklichkeit wurde.

Jetzt kümmert sich Uwe Ehlbeck ums Dorf. Seit zehn Jahren lebt er in Borchel, verliebt in den Ort hat er sich schon zehn Jahre zuvor. Dass er der CDU angehört, erfahren die Borcheler – also die, die es noch nicht wissen – während die Wahlurne in Keksdosengröße bereits über die Tische wandert. „Kann ich bitte noch mal meinen Stimmzettel haben“, ruft einer vorne in der Ecke. Er hat die Lacher auf seiner Seite.

Das Ergebnis schreit eigentlich danach, in die weite Welt geschickt zu werden. Aber W-Lan gibt es hier auch nicht. Ehlbeck verspricht: „Das wird meine erste Amtshandlung sein.“ Die Zeiten ändern sich.

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