Tausende Besucher bei 8. Auflage von „La Strada“

Die Wurst, ein Häkelmonster und die verzauberte Stadt

Bei „La Strada“ in Rotenburg nehmen die Künstler – wie hier This Maag – ihr Publikum im wahrsten Sinne des Wortes auf den Arm. Allerdings nie auf eine böswillige, sondern immer auf eine nette Art und Weise. Gute Laune ist angesagt. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Michael Krüger. Es ist nur ein Lied seiner Helden, und rein textlich ist der Hinweis auch dieses Mal vollkommen überflüssig. „Don’t look back in anger“ von Oasis steht auf dem kurzen Programm von Thorsten Finner. Es ist Samstagmorgen, „La Strada“ startet erstmals mit einem kleinen musikalischen Frühschoppen in den Tag.

Eineinhalb Tage später sitzen die Veranstalter der Kulturinitiative Rotenburg (Kir) und der Agentur „Zweifellos.net“ im Biergarten vor dem Heimathaus und grinsen. Im Zorn zurückschauen? Keinesfalls. Denn auch die achte Auflage des Straßenzirkus-Festivals in der Kreisstadt ist ein voller Erfolg.

Gaya spielt alleine. Sie hat sich in ein verknotetes Häkelmonster verwandelt und muss jetzt alleine auf die Bühne, die es natürlich auch auf dem Kirchhof nicht in dieser Art gibt. Im Rund der Bierbänke windet sich die Clown-Dame, mit richtigem Namen Christine Geyer, sie muss auf ihren Partner Kaspar verzichten. Der hat sich das Schlüsselbein gebrochen, der einzige künstlerische Ausfall am Wochenende. 

Nun muss sich Gaya also helfen lassen, sich aus der Verwicklung lösen, das Publikum, wie fast überall, wird kräftig mit eingebunden. Dazu plappert die Schwäbin in irgendeinem Clown-Kauderwelsch vor sich hin, gibt Anweisungen, es verstehen alle. Wie sowieso die künstlerische Sprache sich meistens schnell erschließt, selbst wenn viel Fremdsprache eingesetzt wird, bei der das jüngere Publikum passen muss. 25 Künstler aus Großbritannien, den Niederlanden, der Schweiz, Belgien, Frankreich, Spanien, Polen und Deutschland bieten das Programm, das Rotenburg ein Wochenende lang verzaubert.

Nicht immer klappt das auf Anhieb. Der Samstag läuft etwas schleppend an, Kir-Sprecher Uwe Goldschmidt vermutet Rotenburger Gewohnheiten dahinter: „Die Leute müssen wohl erst zu Ende Rasen mähen.“ Und auch bei einzelnen Nummern bleibt es manches Mal zunächst reserviert – norddeutsch kühl, selbst wenn das Wetter hält.

Rampensäue wie Sid Bowfin kratzt das natürlich nicht. Er macht diesen Umstand zum Teil seiner Show. Also legt er einfach los, er plappert, greift tief in die trockene Kiste englischen Humors, rennt durchs Publikum und nimmt es mit. Am Samstagabend, als auf dem Pferdemarkt ein paar Tropen vom Himmel fallen, sogar ganz wörtlich: Es geht kurzerhand ins Café des Artistes, ins trockene Zelt. 

Da wird es eng, und Adrian Garratt alias Bowfin ist voll in seinem Element. Vor lauter Geschichten, die es zu erzählen gibt, vor Interaktion und Spontanität vergisst er fast, seine Violine zur Clownerie einzusetzen. Er spannt den Geigenbogen vom Brexit bis zu den Schlümpfen, und als dann nach weit über einer Stunde köstlicher Unterhaltung der Samstagabend auf der Straße künstlerisch beschlossen wird, stehen die Rotenburger artig Schlange, um etwas in den Hut zu werfen. Nicht das einzige Mal am Wochenende.

Bei der Begegnung von Straßenkünstlern und deren Publikum, die sich zwischen den Spielorten am Heimathaus, auf dem Pferdemarkt, auf dem Kirchhof und auf der Geranienbrücke hin und her bewegen, sowie Pokémon-Jägern wird es in der Fußgängerzone mitunter eng. Tausende, zehntausende Besucher? Genau zählen kann es niemand. „Alle Shows sind voll, aber es verteilt sich gut“, sagt Julia von Wild, eine der Organisatorinnen von „Zweifellos.net“. Die Stadt ist voll. Und gerade deswegen wundern sich insbesondere am Samstagnachmittag nicht wenige: Wieso haben die meisten Geschäfte geschlossen?

Mit Ladenöffnungszeiten haben zunächst auch Muzikanty zu kämpfen. Die Polen sind erst in der Nacht zum Sonntag angekommen, drei Auftritte stehen an. Und für die brauchen sie Bratwurst, möglichst eingeschweißt. Die Lösung ist dann doch gefunden, die Tankstelle hilft aus, die anarchistische, an manches Festivalerlebnis erinnernde Grill- und Bierbrau-Aktionskunst kann losgehen. Sowieso haben die rund 100 freiwilligen Helfer der Kir und das Team von „Zweifellos.net“ für jedes noch so kleine Problem eine Lösung. „Wir haben dieses Jahr selbst daran gedacht, die Kirchenglocken ausstellen zu lassen“, freut sich von Wild.

So stört das Geläute auch nicht die mitreißend akrobatische Nummer des Duos „HURyCAN“. Liebe und Hass werden auf die ebene Bretterbühne gezaubert, hochemotional, eigensinnig und genau hier genau passend. Tanztheater vor der herrlichen Kulisse der Stadtkirche – das funktioniert. Wie sowieso die Stadt ganz anders wahrgenommen wird. „Wir brechen die Orte auf“, sagt Organisatorin Kathrin Bahr. 

Den besten Beweis liefert die Eröffnungsshow am Freitagabend, als das Rathaus dank „Compagnia Sergi Estebanell“ aus Barcelona zum Katastrophen-Restaurant wird. Die auf den speziellen Ort abgestimmte Eröffnung ist ein voller Erfolg, mit lokalem Mehrwert, scherzt Goldschmidt: „So viel Aufmerksamkeit hat das Rathaus vermutlich noch nie gehabt.“

„La Strada“ gelingt es auch mit der achten Auflage, die Stadt und viele Gäste von außerhalb auf die Beine zu bringen und zu verzaubern. Das kann so weitergehen, und es geht so weiter: Vermutlich vom 18. bis 20. August 2017.

„La Strada“ in Rotenburg - der Sonntag

„La Strada“ in Rotenburg - der Samstag 

„La Strada“-Eröffnung in Rotenburg

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