Ein syrische Arzt erzählt

Alaa Kadoura: „Wir wollen doch nur in Frieden leben und arbeiten“

Alaa Kadoura (links) im Gespräch mit einem der Mitbewohner auf dem Campus. Es geht um Fragen zum Konto. J Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Die Geschichte von Alaa Kadoura – es ist DIE Geschichte unter den Flüchtlingen, die in den vergangenen zwölf Monaten Rotenburg erreicht haben. Denn der 38-jährige Arzt hat so eindrucksvoll wie kaum ein anderer gezeigt, dass Integration gelingen kann und wie das funktioniert. Ohne Kenntnisse der deutschen Sprache hat er im August 2015 die Kreisstadt erreicht. Jetzt wartet er bereits auf die Ergebnisse der C1-Prüfung. „Ich spreche immer besser, aber verstehen kann ich eigentlich alles“, sagt der zweifache Familienvater, der hofft, schon bald auch seine Familie bei sich zu haben. „Aber ich muss noch warten“, sagt er und übt sich auch weiterhin in Geduld.

Zwischen Geduld und Langeweile liegt ein nur schmaler Grat. „In der ersten Zeit war die Langeweile ein Problem. Jetzt geht es den meisten hier wesentlich besser – sie haben zu tun, und sie machen was“, sagt Kadoura, der bereits seit mehreren Monaten als Bufdi selbst für Hilfe auf dem Campus sorgt, sich um viele Fragen der Flüchtlinge kümmert, mit anpackt, übersetzt und damit für ein gutes Miteinander auf dem Campus sorgt. Die Menschen lernen Deutsch, und viele von den Campus-Bewohnern haben bereits ein Praktikum gemacht oder stehen kurz davor. Kadoura und viele andere Flüchtlinge haben zudem ihre Anerkennung in der Tasche. Das biete neue Möglichkeiten und lasse die Hoffnung wieder zu.

„Wir haben diese Hoffnung auch, weil hier viel für und mit uns gemacht wird“, erklärt Kadoura. Seine Augen glänzen. „Ja, es geht mir gut“, sagt er stolz, um von seinem dreiwöchigen Praktikum im Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg zu berichten. Falle das Ergebnis seiner Sprachprüfung gut aus und erhalte er die Anerkennung für seine medizinische Ausbildung, will er sich im Diako bewerben. Denn Kadoura möchte mit seiner Familie am liebsten in Rotenburg leben. „Ich war vor kurzem in Berlin. Eine schöne Stadt, aber hier ist es besser, viel ruhiger und nicht so anonym.“

Seine Familie wartet in Aleppo, nachkommen zu können

Kadoura versuchte sich als Praktikant im Krankenhaus, zehn andere Campus-Bewohner schnupperten bei den BBS, bei einem Fahrdienst, in der Sparkasse, in Pflegeeinrichtungen, beim Tischler, Klempner oder auch in einer Gärtnerei in die deutsche Arbeitswelt. Auch Autowerkstätten und Restaurants haben diese Möglichkeit angeboten. „Wenn die Menschen beschäftigt sind, kommt keine Langeweile auf“, weiß der syrische Arzt, der sich Zeit nimmt, für das Gespräch mit der Kreiszeitung noch schnell einen Kaffee aufzusetzen. Bis der fertig ist, erzählt Kadoura von seiner Familie, die immer noch in Aleppo darauf wartet, nachkommen zu können. Es gebe noch viele Dinge zu klären, vor allem mit den Botschaften, aber auch bei der Frage, wie seine Frau und die Kinder aus Aleppo herauskommen. Gedanken, die den jungen Arzt kaum loslassen, ebenso wie die schlimmen Erinnerungen an den Krieg. Kadoura hat einen guten Freund verloren, der einen Kopfschuss abbekam, eine Kollegin starb durch einen Bombeneinschlag, ein anderer Mann aus seinem Umfeld sei enthauptet worden. „Man sollte nicht versuchen, es zu vergessen. Das geht nicht. Wir müssen damit leben“, sagt der Anästhesist. Doch auch er bekommt natürlich mit, was hier in Deutschland um ihn herum passiert. Die Stimmung hat sich im Laufe eines Jahres gewandelt. Die große Politik streitet täglich über die Flüchtlingspolitik. „Ich verstehe das nicht, auch nicht den Zulauf der AfD.“ Feindseligkeiten verspüre er in Rotenburg nämlich nicht. Ganz im Gegenteil: „Die Menschen helfen uns, sie sind tolerant und nett.“

Sauer mache ihn der Stimmungswandel nicht, aber eben traurig, denn vielen anderen Menschen aus den betroffenen Ländern werde damit die Chance auf einen Neuanfang in Frieden und Sicherheit sowie mit Zukunft genommen. „Wir wollen doch nur eines: in Frieden leben und arbeiten.“ Ohne Hilfe gehe das aber nicht. In Rotenburg gibt es sie für die Flüchtlinge. Also: Haben wir es geschafft? Klare Antwort des Mediziners: „Ja, haben wir!“

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