Diakonieklinikum richtet muslimischen Gebetsraum ein

Die Welt unter einem Dach

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Matthias Richter zeigt: Es bleibt noch einiges zu tun, damit der muslimische Gebetsraum im Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg hergerichtet ist. 

Rotenburg - Von Inken Quebe. Noch ist es ganz schön karg: Farbeimer stehen herum, es liegt noch kein Fußboden. Schon bald aber soll der neue muslimische Gebetsraum im Diakoniklinikum in Rotenburg so hergerichtet sein, dass er zum Beten einlädt. Es ist vermutlich der bisher einzige muslimische Gebetsraum in einem christlichen Krankenhaus in ganz Niedersachsen. „Ich rechne damit, dass nicht jeder versteht, warum wir so einen Raum einrichten“, sagt Matthias Richter, Theologischer Direktor des Krankenhauses.

Richter begründet diesen außergewöhnlichen Schritt ganz einfach: „Ein Krankenhaus ist für mich wie die ganze Welt im Kleinen unter einem Dach.“ Eine christliche Kapelle gibt es in dem Rotenburger Krankenhaus natürlich: Sie ist direkt von der Eingangshalle aus zu erreichen. Nun soll nur wenige Meter entfernt ein Gebetsraum für Muslime hinzukommen. Ausgestattet mit einem Teppich, einer Waschgelegenheit für die rituellen Waschungen, einem optischen Hinweis, in welche Richtung Mekka liegt, und einer spanischen Wand, falls der Wunsch besteht, nach Geschlechtern getrennt zu beten.

„Der Vorschlag kam von den Mitarbeitern, die nicht Muslime sind“, erklärt der 47-Jährige. Ihnen war aufgefallen, „wie ihre muslimischen Kollegen oder Patienten gezwungen waren, ihre Gebete im WC oder in einer Umkleide zu verrichten.“ Das werde dem Charakter von etwas Heiligem nicht gerecht. Also ging man den Schritt zu einer angemesseneren Örtlichkeit.

Vielfalt abbilden

Muslimische Mitarbeiter in einem diakonischen Krankenhaus? Die Regel ist, dass Mitarbeiter einer christlichen Kirche angehören sollen. Klar geregelte Ausnahmen gibt es in vielen Bereichen schon lange, wie Richter erklärt – auch im Gesundheitswesen. „Wenn wir als Krankenhaus allen, so unterschiedlichen Menschen helfen wollen, dann kann es wichtig sein, dass wir diese Vielfalt auch bei unseren Mitarbeitern abbilden“, sagt er.

Wichtig sei, dass jeder Mitarbeiter, unabhängig von seinem persönlichen Glauben, die christliche Wertebasis teile. Darüber unterhalte sich der Theologische Direktor auch mit den muslimischen Kollegen: „Ich spreche persönlich mit allen nicht-christlichen Mitarbeitern über ihren Glauben und das, was ihnen wichtig ist.“ Wenn dabei zum Beispiel deutlich würde, dass jemand Geschlechter nicht gleich behandelt, würde derjenige nicht im Diako arbeiten können.

Auch Vollverschleierung sei ein untragbares soziales Problem: „Einem Menschen, dem ich mich anvertraue, muss ich ins Gesicht gucken können.“ Das Tragen eines Hidschabs, also eines Tuches, das das Gesicht frei lässt, findet er dagegen unproblematisch. „Letztlich zählen Kompetenz, Freundlichkeit und Offenheit. Da machen wir keine Abstriche.“

Friedliches Miteinander fördern

Dass ein muslimischer Gebetsraum nicht nur auf Verständnis stoßen wird, darauf ist Richter vorbereitet. Es sei schon die Frage an ihn gerichtet worden, ob das Diako nun seine christlichen Wurzeln vergessen oder das christliche Profil verbergen würde. „Die Frage stellt sich mir nicht.“ Man habe verschiedene Veranstaltungen und Formen entwickelt, um das christliche Profil zu stärken. Dazu gehöre aber gerade auch, Grenzen zu überwinden und friedliches Miteinander zu fördern. „Die eigene Identität fördert man nicht durch Ausgrenzung. Wenn ich weiß, wer ich bin, dürfen andere auch sie selbst sein.“ Sehr oft werde Islam mit Islamismus und Gefahr verwechselt, das bereitet Richter Sorgen. „Die Masse der Gläubigen will ihren Glauben friedlich leben.“ Religiös begründete Gewalt gebe es in allen Religionen. Daraus dürfe man nicht schließen, dass Religion an sich gefährlich ist.

Auf der anderen Seite sei auch schon gefragt worden, warum man nicht gleich einen interreligiösen Raum einrichte – einen Raum für alle. Manche hielten das für das stärkere friedensstiftende Zeichen. „Meine Antwort: Wenn wir keine Kapelle hätten, könnte man sicher darüber nachdenken“, sagt der Theologe. Da es aber auch eine christliche Kapelle gebe, die zur Identität gehöre und die man nicht aufgebe, könne man auch Räume für andere einrichten, ohne die eigene Identität in Frage zu stellen. Im Augenblick sei der Bedarf bei den Muslimen da: „Da fände ich es inkonsequent, einen Raum für alle anderen Religionen gemeinsam zu errichten, wenn ich doch weiß, dass er nur von Muslimen genutzt wird.“ Man könne das aber im Auge behalten.

Die öffentliche Einweihung des Raumes beginnt am 29. September um 16 Uhr in der Krankenhauskapelle im Diako.

Im Zuge des neuen Gebetsraumes ist auch eine Vortragsreihe zum Thema Islam geplant. Diese beginnt am 8. November, 19.30 Uhr, im Versammlungsraum Aira. Dann berichtet Wolfgang Reinbold, Beauftragter für christlich-muslimischen Dialog in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, darüber, wie es um den Islam in Deutschland steht. Um „Salafismus made in Germany“ geht es an gleicher Stelle bei einem Vortrag am 13. Dezember, 19.30 Uhr. Diesen hält Salafismus-Expertin Nina Käsehage von der Universität Göttingen. „Mein Alltag als Muslima in Deutschland“ ist ebenfalls in dem Versammlungsraum Aira am 17. Januar, 19.30 Uhr, Thema. Referieren wird Du’A Zeitun, Mitarbeiterin für den interreligiösen Dialog in der katholischen Landvolk-Hochschule Oesede.

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