Studie zu wirtschaftlichen Effekten des Tourismus 

Was ist ein Wanderweg wert?

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Lässt es sich wirklich beziffern, wie wertvoll ein Wanderweg ist? Nach den nun vorliegenden Zahlen einer Tourismusstudie ist darüber eine Diskussion entbrannt. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Für einen Umsatz von rund 102 Millionen Euro sorgen die Touristen im Landkreis Rotenburg pro Jahr. 911 Vollzeit-Arbeitsplätze ergeben sich aus der Wertschöpfung durch Urlauber. Das ist das abschließende Ergebnis der Tourismus-Studie von Regecon – der schon 2012 vom Landkreis beauftragten Gesellschaft aus Tostedt. Es gibt nun Zahlen und Berechnungen zum Tourismus im Landkreis – doch was damit nun anzufangen ist, weiß die Kreispolitik auch nicht wirklich.

Im jüngsten Ausschuss für Wirtschaft und Verkehr war man geschlossen etwas ratlos. Regecon-Geschäftsführer Thilo Ramms hatte bereits im April 2015 vor Vertretern der Kreispolitik und des Touristikverbandes des Landkreises (Tourow) sowie der Gastronomie die quantitativen Ergebnisse der Studie vorgestellt. Die Zahlen basieren auf der Auswertung von 1. 228 Fragebögen. 

Besucher des Landkreises konnten diese in Papierform ausfüllen, es gab eine Online-Version, zudem wurden persönliche Interviews durchgeführt. Die Zahlen waren relativ ernüchternd und machten deutlich, dass Tourismus im Landkreis im Vergleich zu anderen Gebieten im Norden insgesamt eine untergeordnete Rolle spielt: 517.200 Gäste gibt es nach den Daten jährlich im Landkreis, die hier über eine oder mehrere Nächte bleiben – zusammengenommen seien das 1 .300 .585 Übernachtungen. Hinzu kommen 1. 005. 963 Tagesgäste. 

Tagesgäste geben durchschnittlich 20,67 Euro pro Tag aus

Und nun also: die wirtschaftlichen Effekte dieses Tourismus’. Auch hier das erwartbare Fazit: „Die ermittelten Ausgabenwerte liegen im unteren Bereich der aus anderen Studien bekannten Spannweiten und sind typisch für ländliche Regionen außerhalb der klassischen Destinationen.“ Tagesgäste geben durchschnittlich 20,67 Euro pro Tag im Kreisgebiet aus, bei den Übernachtungsgästen schwanken die Zahlen zwischen etwa 75 Euro bei Hotelgästen und 13,50 Euro bei Privatübernachtungen bei Freunden und Verwandten. 61,3 Millionen Euro an Wertschöpfung falle durch Tourismus im Landkreis an, 1,7 Prozent der gesamten Wertschöpfung im Landkreis – oder mit 1,3 Millionen Euro Abgaben ein Prozent des Steueraufkommens. Immerhin.

Und nun? Wie gehen Politik und Verwaltung mit dem von Regecon in jahrelanger Arbeit ausgewertetem Wissen um, dass es kaum hochpreisige Tourismus-Angebote im Kreis gibt, vieles sich im Outdoor-Bereich auf Wander- und Radwegen abspielt, dass das Hurricane ein Magnet ist und es wenige Geschäftsreisende, dafür aber Dauercamper, Wochenendhaus-Besitzer und Monteure gibt? Die Frage bleibt offen. Gerd Hachmöller, Leiter der Stabsstelle Kreisentwicklung im Kreishaus, hatte stets betont, dass man „Licht ins Dunkel bringen“ will. Die Zahlen, die man sich aus der Befragung erhoffe, wären eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Politik. Hachmöller: „Aufwand der Förderung und Ertrag für die Wirtschaft stehen in einem Verhältnis – das ist bislang aber nicht erforscht.“

Zählbarer Tourismus-Mehrwert

Regecon stellt mit dem Abschluss der Studie Beziehungen her. Zum Beispiel ergäben sich pro neuem Arbeitsplatz im Tourismus Steuer-Mehreinnahmen für Kreis und Kommunen in Höhe von 400 Euro jährlich. Dieser Arbeitsplatz koste aber 112. 235 Euro oder 3. 234 Aufenthaltstage. Fördere der Landkreis nun zum Beispiel ein Projekt wie die Nordpfade mit der Summe X, müsste sich daraus ein zählbarer Tourismus-Mehrwert ergeben.

Doch das ist zumindest den Mitgliedern des Wirtschaftsausschusses zu wenig. Auch wenn die reinen Zahlen aussagen, dass Tourismus in der Region keine große Rolle spielt, müssen weitere Faktoren beachtet werden. Die Aufenthaltsqualität zum Beispiel für die Einwohner des Landkreises sei gar nicht zu beziffern. Deutlich wurde der neue Ausschuss-Vorsitzende, Gyhums Bürgermeister Lars Rosebrock (SPD): „Ich glaube, wir wollen unsere Wanderwege nicht einer Amortisierungsrechnung unterziehen.“ 

Diese seien in Geld nicht aufzuwiegen. Sowieso sei das Untersuchungsdesign wenig aussagekräftig, bemängelte Rosebrocks Parteigenossin Angelika Dorsch aus Scheeßel. „Mir scheint das Ergebnis überhaupt nicht repräsentativ.“ Der Rücklauf sei relativ schlecht, der Fragebogen schwer zu beantworten. Und überhaupt: Wer ist denn ein Tourist im Landkreis? Auch der Botheler, der in Rotenburg eine Jeans kauft, heißt es von Regecon. Für manch einen im Ausschuss viel zu weit gefasst.

Tourow-Geschäftsführer Udo Fischer zieht aus den Daten einen klaren Auftrag für die Angebote im Kreis. Die Zahlen seien ja gar nicht so schlecht, aber machten eben auch deutlich, dass der Tagestourist kaum Gelegenheit habe, Geld auszugeben. Neben Schwimmbädern wie dem Ronolulu, Delphino und Aquafit bliebe eigentlich nur noch der Landpark Lauenbrück. Alles andere sei im Grunde mehr oder weniger kostenlos. 

Fischer: „Ich bin überzeugt, dass Tagestouristen auch Geld ausgeben in der Region, wenn wir entsprechende Angebote schaffen.“ Zum Beispiel mit einem Kino in Rotenburg könne das „ganz anders werden“. Letztlich dürfe man aber, da stimmt er mit den Kreispolitikern überein, „weiche Standortfaktoren“ wie Lebensqualität bei der Bewertung der Studie nicht ausblenden. Und ob die Zahlen wirklich so aussagekräftig sind, wenn sich große Betriebe wie der Eurostrand Fintel oder das Reha-Zentrum in Gyhum gänzlich ausklinken, sei fraglich.

Knapp 25 .000 Euro hat der Landkreis für die Studie bezahlt. Gut angelegtes Geld? Kreissprecherin Christine Huchzermeier sieht das so, wie sie auf Nachfrage bestätigt: „Die Studie liefert eine gute Basis sowohl für zukünftige Entscheidungen in den politischen Gremien als auch für die mit der Tourismusförderung betrauten Institutionen im Kreisgebiet.“

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