Zwillingsduo Stegmann brilliert

Vierhändiges aus einem Guss

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Zwei, die sich blind verstehen und Zuschauer wie Fachjurys mit ihrer Synchronität verzücken: die Zwillinge Karolin und Friederike Stegmann. Sie gastierten am Donnerstagabend in der Aula der Rotenburger Realschule.

Rotenburg - Das Leben von Karolin und Friedrike Stegmann ist eine Erfolgsgeschichte, wie sie sich Hollywood nicht besser ausdenken könnte: Die eineiigen Zwillinge – mit langen schwarzen Haaren und identischen roten Abendkleidern so bildhübsch, dass bei ihrem Auftritt am Donnerstagabend ein Raunen durch den Konzertsaal der Realschule Rotenburg geht – erhalten im Alter von fünf Jahren den ersten gemeinsamen Klavierunterricht.

Wenig später räumen sie landauf landab allerlei Duo-Wettbewerbe ab, als Krönung 2015 den Deutschen Musikwettbewerb des Deutschen Musikrats inklusive Stipendium; und das neben einem Musik- und Latein-Studium. Dass hinter dieser beachtlichen Vita zwei sympathische Ausnahme-Künstlerinnen stehen, davon konnten sich am Donnerstag die Zuhörer der Rotenburger Konzerte überzeugen.

Auf dem Programm: Neben Mozarts Sonate D-Dur, einem der anspruchsvollsten Werke für zwei Klaviere überhaupt, vor allem osteuropäische Komponisten. Sind die Zwillinge bei der Ungarischen Rhapsodie wie auch nach der Pause bei Rachmaninows launiger „Polka Italienne“ zunächst gemeinsam an einem Flügel zu erleben, so bestreiten sie den Rest des Abends an zwei Instrumenten. 

Und lösen nebenbei bei den Zuhörern das Ratespiel aus: „Wer ist wer?“ Während bei den Künstlerinnen eine Unterscheidung schier unmöglich erscheint, wird bei den Instrumenten eifrig spekuliert: Welches ist der Steinway – der langjährige Partner Hellmich aus Verden verleiht bekanntlich Flügel –, welches der momentan an die Stadtkirche entliehene Bechstein?

Egal – die Musik erscheint, so viel Floskel muss erlaubt sein, aus einem Guss. Ob das, wie von vielen Zuschauern vermutet, an der Genetik oder den familiären Banden liegt oder an dem intensiven Augenkontakt, auch über zwei Flügel hinweg – auch egal. Der Hörgenuss ist jedenfalls immens, ob beim sphärisch-spätromantischen Präludium und Fuge von Rachmaninovw-Schüler Sergei Tanejew oder bei den Variationen des zeitgenössischen Lutoslawski über ein Thema von Wundergeiger Paganini.

Und immer schwebt über Komposition wie Interpretation ein Hauch der Dramatik und Tragik. Kein Wunder – durftre Lutoslawski während des Zweiten Weltkriegs in Warschau keine eigenen Kompositionen spielen, sondern lediglich die Werke großer Meister von Bach bis Debussy im Kaffeehaus interpretieren. Nur eine seiner dichten Kompositionen überlebte den Warschauer Aufstand. Sie ist heute zu hören und geht ebenso unter die Haut wie Rachmaninows „Fantaisie-tableaux“ in vier Sätzen, jeder einem Gedicht nachempfunden. 

Da konnte man die verflossene Liebe des Schiffers nachempfinden, die er sich, zum Plätschern und Wogen des Wassers am zweiten Flügel, von der Seele sang. Eine musikalische Erzählung, genau wie im dritten Satz „Die Träne“ – ein bedrückendes, gequältes Werk unerfüllten Sehnens, das repetitiv allmählich in einem Trauermarsch mündete. Und sogar das Glockengeläut im Abschlusssatz geriet dank des intensiven Spiels der Künstlerinnen bedrohlich und bewegend.

Die niemals überbordende, sondern eher sachlich-kraftvolle Interpretation prägte denn auch die entschlossen erklatschten Zugaben; neben Piazollas bekanntem „Libertango“ die versöhnlich-heitere „Brasiliana“ aus Darius Milhauds „Scaramouche“. Der finale, von vielen mitgesummte und -geklatschte Gassenhauer „Entertainer“ aus dem Film „Der Clou“: ein liebevoller Rausschmeißer nach einem denkwürdigen Abend.

hey

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