Drogen, Gewalt und falsche Freunde: Amtsgericht verurteilt 22-Jährigen

„Wir wollen Ihnen noch eine Chance geben“

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Das Urteil im Rotenburger Amtsgericht könnte für den 22-Jährigen, der in Rotenburg auf die ganz falsche Bahn geraten ist, ein Ausweg aus dem Drogen- und Gewalt-Sumpf sein. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Nur ein Täter – oder auch ein Opfer? Bei vielen Fällen, die Strafrichterin Petra Stein-Simon im Rotenburger Amtsgericht verhandelt, verwischen die Grenzen der Justiz. Das ist auch an diesem Dienstagmorgen nicht anders, als der 22-jährige H. im kargen Verhandlungssaal sitzt und sich wegen fünf Taten verantworten muss: Diebstahl, Körperverletzung und Bedrohung.

Nach drei Stunden zäher Verhandlung wird der drogenabhängige, hagere, junge Mann verurteilt. Er kauert neben seinem Pflichtverteidiger Eckhard Schlobohm, eine Mütze tief ins Gesicht gezogen, in eine dicke Daunenjacke gepackt: ein Jahr Gefängnisstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, dazu die Auflage, sich möglichst bald in eine Drogenentzugstherapie zu begeben. Ob das reicht? „Wir wollen Ihnen diese Chance geben“, sagt die Vorsitzende Richterin, wohlwissend, dass nicht mehr viel Zeit bleibt. Denn das Leben, so wie es H. momentan in Bremen führt und in das er während seiner Zeit in Rotenburg hineingerutscht ist, ist ein fatales. „Bleibt er in Bremen, ist das ein Todesurteil“, sagt Anwalt Schlobohm. Der 22-Jährige weiß das.

Gefährliche Körperverletzung

Es sind Fälle aus den vergangenen zwei Jahren, die ihm zur Last gelegt werden, für die er im Sinne der Staatsanwaltschaft verurteilt wird. Als H. in Rotenburg bei einer Bekannten unterkommt, ist er aus seinem zerbrochenen Elternhaus hinausgeworfen worden. Der Vater Alkoholiker, die Mutter will ihn nicht. H. lebt in einem Kinderheim, später in den Steinfelder Werkstätten. Er bricht eine Lehre ab, sucht neue Freunde und gerät ins falsche Milieu. 

Mit 17 fängt er an zu kiffen, ist aus den während der Verhandlung verlesenen Gutachten zu erfahren. Alkohol, dann kommen die harten Drogen dazu. H. ist mehr oder weniger obdachlos, schlägt sich durch, muss „liefern“ und sich beweisen. Mal klaut er ein Fahrrad, dann bricht er mit anderen einen Kaugummiautomaten auf. 60 Euro Beute, von denen er selbst nichts sieht. Hinzu kommen die für das Urteil maßgeblichen Taten: Nach einem Streit mit einem Freund aus der Kifferszene, bei dem er Gras (Marihuana) besorgen will, greift er zum Teleskop-Schlagstock und schlägt zu. Gefährliche Körperverletzung. 

Im zweiten Fall verprügelt er mit seinem damaligen besten Freund einen jungen Mann an einer Bank vor dem Rotenburger E-Center. Dieser war der „Neue“ der Ex-Freundin seines Kumpels. Es hagelt Schläge, ein zur Hilfe eilender Autofahrer wird mit einem Messer bedroht. Noch einmal gefährliche Körperverletzung. Er soll auch Drogen an Minderjährige abgegeben haben, aber das wird an diesem Dienstag nicht in Rotenburg verhandelt. Recht großzügig blickt selbst die Anklage über mehrere Vermerke in der Akte des 22-Jährigen hinweg, „Jugendsünden“, auch hier Diebstähle, Drogendelikte, Körperverletzungen. 

Schöffengericht hält H. für schuldfähig

„Ein netter Antrag der Staatsanwaltschaft“, stellt Richterin Stein-Simon in ihrem Urteil fest, mit dem sie den Forderungen von Oberstaatsanwalt Jann Scheerer vollumfänglich folgt. Anders als die Verteidigung hält das Schöffengericht H. für vollständig schuldfähig. Die angeklagten Taten seien passiert, bevor die harten Drogen wie Heroin im Spiel waren, und die in der Psychiatrie attestierten Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung und seiner Hyperaktivitätsstörung seien damals nicht ausschlaggebend gewesen.

„Ich kann echt ein netter Kerl sein“, beteuert H., dem die Richterin attestiert, „kein falscher Typ“ zu sein – weil er geständig ist und viele Taten damit begründet, Freunden helfen zu wollen: „Ich habe den Eindruck, dass Sie etwas ändern wollen, aber jemanden brauchen, der Sie an die Hand nimmt.“ Das sollen nun ein Bewährungshelfer und der gesetzliche Betreuer, der nach mehreren Klinikaufentalten in der Rotenburger Psychiatrie bestellt wurde, gewährleisten. Ob das reicht? „Er hängt voll auf der Nadel“, sagt Staatsanwalt Scheerer. Und dafür sei Beschaffungskriminalität notwendig. H. selbst beteuert, schnell weg zu wollen aus der Unterkunft in Bremen, wo er jetzt lebt, eine Umgebung, die von Drogen und Gewalt geprägt sei. Die Therapie könne helfen: „Ich muss zusehen, dass ich hier oben wieder fit werde.“

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