Kritiker sehen Gesundheitsgefahren durch Fracking-Gesetz nicht gebannt

„Unseriös und Unglaubwürdig“

Schützt das neue Fracking-Gesetz die Menschen? Die Demonstranten zum Empfang der Bundesumweltministerium Ende Juni hatten ihre Zweifel. - Foto: Menker

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Kritik bleibt laut, vor allem aus der Region. Auch wenn das Fracking-Gesetzespaket mit der Zustimmung des Bundesrates vor zwei Wochen politisch endgültig beschlossene Sache geworden ist, stören sich viele Initiativen an den Regelungen. Zwar gibt es Verbesserungen in Sachen Kontrolle und Umweltschutz, aber ein zentraler Punkt werde weitgehend ausgeklammert, heißt es: Der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung – Zündstoff in Zeiten, in denen die Suche nach den Gründen der erhöhten Krebszahlen in Bothel und Rotenburg noch läuft.

„Das ganze Gesetz müsste auf die Menschen zielen, aber das tut es nicht“, sagt Paul-Matthias Bantz. Der Umweltmediziner und Betriebsarzt des Rotenburger Diakonieklinikums war es, der gemeinsam mit 200 Ärzten der Debatte um gesundheitliche Folgen der Erdgasförderung Anfang des Jahres mit einem offenen Brief an die Landesregierung wieder kräftig Schwung verliehen hat. Europaweit gab es große Resonanz, weil sich nie zuvor eine so große Gruppe an Fachpersonal in der Sache positioniert hat. „Wir haben für große Öffentlichkeit gesorgt“, so Bantz. Allerdings: Im neuen Fracking-Regelungspaket findet sich davon wenig bis gar nichts wieder.

Das sieht auch Kathrin Otte aus Amelinghausen (Heidekreis) so. Maßgeblich auf die Initiative der zweiten Vorsitzenden des „Gemeinnützigen Netzwerks für Umweltkranke“ (Genuk) hin haben sich Ende Juni 17 niedersächsische Bürgerinitiativen zusammengeschlossen, um sich mit einer Stimme mehr Gehör zu verschaffen. Was den durch Umweltgiften erkrankten Menschen im Gesetz fehlt? „Eigentlich alles“, sagt sie. Für künftige Vorhaben der Erdgasindustrie wird weiterhin keine Gesundheitsverträglichkeitsprüfung notwendig sein. Für den hiesigen SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil war genau das einer der Gründe, warum er dem Gesetz nicht zugestimmt hat.

Ärzte planen eigenes Register

Otte: „Wenn wir davon ausgehen, dass allein die hochgefährlichen Stoffe wie Benzol, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, andere leichtflüchtige Substanzen, Quecksilber und das bisher immer noch hier untersuchungstechnisch im Dunkeln liegende Thema Radioaktivität aus der Tiefe nach oben gefördert werden, müsste es ganz andere Gefahreneinschätzungen und Maßnahmen geben.“ Nachdem diese möglichen Gefahren endlich Teil der öffentlichen Debatte geworden seien, ist es ihrer Meinung nach umso unerträglicher, dass die Menschen mit einer Abstandsregelung von 100 Metern diesen Frackingvorgängen praktisch hinter dem Gartenzaun ausgesetzt würden.

Auch Bantz sagt, dass es in Grenzen zwar Verbesserungen beim Trinkwasserschutz gebe, aber die Produktion von Erdgas aus den hier vorliegenden Gesteinsschichten sei weiter erlaubt. „Unternehmen müssen die Stoffe zwar angeben, aber sie dürfen sie weiter benutzen.“ Und die seien, entgegen alle Beteuerungen der Industrie, nun einmal in vielen Fällen gesundheitsschädlich. Bantz verweist diesbezüglich zum Beispiel schon auf 40 Jahre alte Studien der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Bei Untersuchungen unter Mitarbeitern der Gaswerke Hamburg sei schon damals festgestellt worden, dass diejenigen, die mit Kohlenwasserstoffen zu tun hatten, deutlich häufiger an Krebs erkrankten.

Dass „ExxonMobil“ jetzt verkünde, seine Mitarbeiter seien alle gesund und die Krebszahlen hätten nichts mit der Erdgasproduktion zu tun, bezeichnet Bantz als „voreilige Lobbyarbeit“ im Hinblick auf das Gesetzgebungsverfahren. Das könne nicht stimmen. An der Gesundheitsgefahr durch Benzol und Quecksilber könne niemand ernsthaft zweifeln. Otte bezeichnet das Vorpreschen von Exxon im Mai als „peinlich“. Diese „sachlich in wirklich jedem Punkt zu widerlegende Selbstreinwaschung war schlichtweg unangemessen, unseriös und unglaubwürdig“.

Und Otte befürchtet, dass Krebs nur ein Teilaspekt eines viel größeren Gesundheitproblems durch die Erdgasförderung ist. Aus den USA würde im Zusammenhang mit Fracking von weiteren Problemen wie Atemwegserkrankungen, Kindersterblichkeit, Haut- und Schleimhautreizungen und Unfruchtbarkeit sowie Fehlgeburten und Geburtsschäden berichtet, auch wissenschaftlich bereits in Zusammenhang gestellt. Otte: „Dass wir außer einem gerade erst funktionsfähigen Krebsregister keine weiteren Krankheitsregister in Deutschland haben, erschwert wegen des Mangels an statistischem Daten- und Vergleichsmaterial enorm jegliches Nachweisverfahren.“ Grundsätzlich sei das Thema ein Problem der Politik, die Wirtschaftsinteressen weiterhin vor Gesundheitsschutz stellen.

Um selbst zur Aufklärung beizutragen, plant ein Verbund niedersächsischer Ärzte bereits eigene Maßnahmen. So ist ein klinisches Krebsregister angedacht, mit dem sich früher Gemeinsamkeiten erkennen lassen als mit den behördlichen Daten. Denn dass aus der Befragung der Bevölkerung in Bothel, deren Ergebnisse Ende des Jahres vorstellt werden sollen, tatsächlich Rückschlüsse auf die Ursachen gezogen werden können, daran zweifeln nicht wenige.

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