Rotenburger Schwarzpulverschützen werden 40

Die schlagen aus wie ein alter Muli

40 Jahre Schießsportverein Rotenburg (v.l.): Vorsitzender Stefan Marczak, Ehrenmitglied Helga Gronemeyer sowie Gründungsmitglied und Ehrenvorsitzender Hans-Dieter Gronemeyer mit historischen Waffen. - Foto: Bonath

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Stefan Marczak ist auf seine Brown-Bess-Muskete, den Nachbau eines Vorderladers aus dem Jahr 1762, besonders stolz. Nussbaum, glatter Lauf, 1,65 Meter lang (mit aufgepflanztem Bajonett 1,95 Meter), eingesetzt im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.

Geschossen wurde im Kampf gegen die Feinde, die Engländer, in Dreierreihen: liegend, kniend und stehend. Das Seitengewehr wurde zur grausamen Waffe, wenn die Zeit zum Nachladen fehlte. Die historischen Waffen, das Schwarzpulver und der Feuerstein sind bis heute geblieben beim Schießsportverein Rotenburg, die Begeisterung der „Schwarzpulverschützen“ für ihren ausgefallenen Sport ebenfalls. Den Verein gibt es inzwischen 40 Jahre, am kommenden Sonnabend wird in der Schießsportanlage am Alsdorfer Forst Rückschau gehalten und um Pokale sowie Scheiben geschossen.

Mit Pulver und Blei: Auszeichnungen und Ehrenzeichen als langjähriges Vereinsmitglied.

Der 51-jährige Grafikprogrammierer Stefan Marczak aus Hellwege steht seit wenigen Monaten an der Spitze des Schießsportvereins und ist Nachfolger von Hans-Dieter Gronemeyer (72), der nach 39 erfolgreichen Jahren die Geschicke der „Schwarzpulverschützen“ in jüngere Hände legte. Seine Leidenschaft für den Schießsport mit historischen Waffen hat Gronemeyer aber noch längst nicht beiseite gelegt. Genau wie seine Frau Helga, die die gleiche Zeit als Kassenwartin fungierte und jetzt von Geertje Marczak-van der Veen abgelöst wurde. Also ein perfekter und stiller Wachwechsel bei der Jahreshauptversammlung.

Die Vereinsgeschichte der Rotenburger begann am 21. Oktober 1976 mit der Gründungsversammlung in der Rotenburger Kaserne, im Flugeinsatzgebäude: Dort stationierte Soldaten, in der Mehrzahl Heeresflieger, und ihre Angehörigen riefen den „Schießsportverein Lent-Kaserne“ ins Leben. Dabei waren Hans-Dieter Gronemeyer und seine Frau Helga, Walter Morgner, Hans-Joachim Eggert und Ehefrau Angela, Horstmar Bussiek und Willi Lüttje. Heeresflieger Gronemeyer wurde einstimmig zum Vorsitzenden gewählt.

Auf Uniformen wurde verzichtet, beschafft wurde lediglich eine Schießweste mit dem Vereinsemblem. Der pensionierte Heeresflieger-Hauptmann Gronemeyer: „Wir konnten auf herkömmlichen Vereinsschießständen mit unseren großkalibrigen Waffen nicht schießen und verstanden uns nicht als Konkurrenz zum bestehenden traditionellen Schützenkorps Rotenburg von 1818, sondern als Ergänzung. In Schützenkreisen sind wir einfach die ,Schwarzpulverschützen’.“

Das Interesse am Vorderladerschießen sei so groß gewesen, dass sich der Verein 1979 auch für zivile Mitglieder geöffnet und sich den Namen Schießsportverein Rotenburg gegeben habe – als Mitglied im Deutschen Schützenbund.

Hans-Dieter Gronemeyer: „Der Verein führt Meisterschaften durch in den Disziplinen Perkussionsrevolver, Perkussionsgewehr und Ordonnanzgewehr. Schützen- könige werden im Schießsportverein Rotenburg nicht ausgeschossen. Regelmäßig nehmen die Schwarzpulverschützen aber am Rotenburger Schützenfest und am Umzug teil. Dabei wird mit historischen Waffen geböllert.“

Hier wird das Schwarzpulver gezündet und die Bleikugel auf die Flugbahn gefeuert.

Aber was ist zum „Böllern“ notwendig, wie funktionieren die historischen Waffen? Vorsitzender Stefan Marczak nimmt seine Brown-Bess-Muskete in die Hand und zählt die wichtigsten Phasen auf, um das Gewehr schussbereit zu machen. Die genau abgewogene Schwarzpulvermenge (5,1 Gramm) wird in den Stahllauf geschüttet, dann wird die selbstgegossene Bleikugel mit dem Ladestock nach unten gedrückt und der Hahn gespannt, das Zündkraut auf der Ladepfanne sorgt dafür, dass nach dem Funken des Feuersteins gefeuert werden kann.

Marczak: „Das Ganze dauert etwa eine knappe Minute. Dann gehe ich mit der Waffe in den Anschlag, ziele auf die 50 Meter entfernte Scheibe. Dann der Schuss, ein dumpfer Knall, wobei von uns Schützen grundsätzlich ein Ohrenschutz getragen wird. Übrigens, was den Rückschlag betrifft, da schlägt das Gewehr aus wie ein alter Muli ...“

Der Verein hat zurzeit 34 Mitglieder. Das Interesse von Schießsportbegeisterten ist groß, aber die Kapazitäten reichen nicht aus.

Hans-Dieter Gronemeyer, der für seine Verdienste zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde (seine Frau Helga wurde Ehrenmitlied), hat viele Jahre als Referent für Waffenkunde im Kreisschützenbund gearbeitet. Er weiß: „Wir sind schon eine spezielle Sparte beim Sportschießen. Bei uns verlangt das Schießen noch ,Handwerk’. Wir müssen sämtliche Komponenten selbst herstellen und können nicht einfach wie bei modernen Waffen eine Patrone laden.“

Auf diesen Aspekt macht Gronemeyer besonders aufmerksam: „Da die Vorderladerwaffen vom Gesetzgeber als weniger gefährlich eingestuft werden, treffen sämtliche vom Bundestag beschlossenen Verschärfungen des Waffengesetzes auch für uns als Vorderladerschützen zu. Und das, obwohl mir keine Straftat mit diesen Waffen bekannt ist.“

Am kommenden Sonnabend soll aber erst einmal der 40. Jahrestag der Rotenburger „Schwarzpulver- schützen“ ausgiebig begangen werden. In der Einladung heißt es übrigens ganz stilecht an die eigene Historie angelehnt: „In den Iden des Augustus, am XX. Tag, Anno MMXVI, sollen sich die geladenen Bürger des Ortes Rotenburg und des Umlandes um die 11. Stunde versammeln, um sich im Schießen mit Feuerrohren und schwarzem Pulver auf einen Zielfleck zu messen. Die Besten werden hervorgehoben und geehrt mit Pokalen und bemalten Scheiben.“

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