Wie die Rotenburger Polizei Fahrraddiebstähle aufklärt

Rotenburger Modell macht Schule

Karsten Wittke mit seinem „Megaschloss“. Damit will er verdeutlichen, wie wichtig ein ordentliches Fahrradschloss im Alltag ist. - Foto: Röhrs

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Es kann ganz schnell gehen. Nur kurz zum Bäcker, das Fahrrad ein, zwei Minuten aus den Augen gelassen und schon sieht man sich einer Diebin hinterher rennen. So ist es auch Kristin Bremer und ihrem Freund Dominik Gundlach in der vergangenen Woche in der Rotenburger Innenstadt passiert. Schon das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit sind die beiden Opfer von Fahrraddieben geworden. „Gerade erst Ende September wurden uns zwei Räder nachts von unserem Hinterhof geklaut“, erklärt Bremer. Mithilfe einer Facebook-Gruppe konnten diese aber schnell wieder gefunden werden. Dennoch zwei Fälle, die für Rotenburger Verhältnisse fast schon exemplarisch sind.

„Viele stehlen Fahrräder, weil sie gerade eins brauchen“, sagt Karsten Wittke, Kriminaloberkommissar und für Fahrraddiebstahl Zuständiger bei der Polizei in Rotenburg. Ein Verdacht, den auch Bremer hat. „Wir vermuten, das diese Dame wohl spät dran war und sich ein schnelleres Mittel beschaffen musste“, erklärt sie. Auch der Tatort Innenstadt ist nicht ungewöhnlich, doch auch der Diebstahl in Wohngebieten kann in der Kreisstadt durchaus System haben. Der Brennpunkt ist der Bahnhof.

Vor 2009 sind etwa 100 der durchschnittlich 400 jährlich in Rotenburg gestohlenen Fahrräder in Rotenburg am Bahnhof entwendet worden, erläutert Wittke. Die Dimensionen haben sich mittlerweile verschoben, wenn man seinen Zahlen folgt. Auf etwa 150 Diebstähle jährlich kommt die Statistik mittlerweile in der Stadt, zehn waren es im September, drei davon am Bahnhof.

Doch Bremer und Gundlach können hoffen. In den meisten Fällen blieben die gestohlenen Fahrräder in Rotenburg oder im örtlichen Bereich, so Wittke. Die Rotenburger Aufklärungsquote ist nach Angaben des Kriminaloberkommissars im Bundesvergleich ohnehin überdurchschnittlich. Die liege derzeit bei 15 bis 20 Prozent, früher war sie nur halb so hoch.

2009 markiert eine Trendwende. Die Arbeitsgemeinschaft „Sattel“ der Polizei setzt seitdem ein neues Konzept um, um den Fahrraddiebstählen Herr zu werden. Zunächst hat sie die Anzeigenaufnahme verändert – anstatt auf die Fragen des Beamten zu antworten, müssen die Betroffenen jetzt selbst ein entsprechendes Formular ausfüllen. „Die Daten haben jetzt eine bessere Qualität“, berichtet Wittke. Der Geschädigte müsse sich so mit dem Diebstahl beschäftigen, so fielen ihm mehr Details seines Fahrrads ein – wie zum Beispiel Aufkleber, die die Wiedererkennung erleichtern.

Landesweit höchste Aufklärungsquote

Zudem arbeiten die Polizeibeamten bei Fahrradkontrollen nun gründlicher und hinterfragen die Eigentumsverhältnisse. „Das führt immer wieder zum Erfolg“, so Wittke. Besonderheiten, wie zum Beispiel ein fehlender Ständer, Farbe, Name des Fahrers und ein Lichtbild kommen auf eine Kontrollkarte, Wittke prüft später, ob eines der kontrollierten Räder als gestohlen gemeldet wurde. Die dritte Säule ist der sogenannte Speichenkommissar, die Fahrradregistrierung.

Nachdem die Rotenburger dieses Konzept eingeführt haben, übertrug 2011 die für den Landkreis zuständige Polizeidirektion Lüneburg dieses auf all ihre Inspektionen. Dadurch konnte sie ihre Aufklärungsquote von landesweit unterdurchschnittlichen 13,55 Prozent im Jahr 2009 auf 21,68 Prozent im Jahr 2012 erhöhen. Seitdem nimmt sie im Vergleich mit den anderen Direktionen in Niedersachsen bei der Aufklärung von Fahrraddiebstählen den ersten Platz ein, im Jahr 2015 mit 18,57 Prozent bei 5 239 bezirksweit bekannt gewordenen Fällen. Das fällt auf – bundesweit. Kollegen aus Hannover, Berlin oder aus München hätten sich bereits bei Wittke nach dem Konzept erkundigt.

Doch wer klaut eigentlich Fahrräder? Beschaffungskriminalität ist ein Hauptgrund und verbreitet unter Fahrraddieben. „Alkohol-, Drogen- und Spielsüchtige“, sagt Wittke. Aber es gebe auch organisierten Diebstahl. Die Täter kämen dann meist aus den umliegenden Großstädten wie Bremen nach Rotenburg. Dort treffen sie sich mit einem Ortskundigen, der die Fahrräder aufbricht und schnell in den Wagen schafft. Am Bahnhof würden mittlerweile aber die Taxifahrer besser aufpassen. Ein anderes Ziel mit diesem Schema sind Wohngebiete, wo Fahrräder häufig gar nicht angeschlossen sind. In einem konkreten Fall habe ein später festgenommener Dieb zehn Euro pro Rad bekommen, so Wittke.

Zur Aufklärung gibt es aber auch noch andere Methoden. Wittkes erster Klick am Morgen geht auf eine bekannte Kleinanzeigen-Seite im Internet. Auch dort werde er immer wieder fündig. „Absatzwegeermittlung“, nennt er das. Erfolge erziele man zudem immer wieder durch den Videobeweis. „Viele Einrichtungen in Rotenburg überwachen mittlerweile ihre Fahrradstellflächen mit Kameras“, weiß Wittke – wie das Ronolulu oder das Krankenhaus. Am Bahnhof gibt es indes keine Kameras bei den Fahrradständern.

Mehr zum Thema:

Mobiler Massagesalon: Wohlfühloase Auto 

Mobiler Massagesalon: Wohlfühloase Auto 

Weihnachtsmarkt in Twistringen

Weihnachtsmarkt in Twistringen

Feuer in Mehrfamilienhaus in Bremen

Feuer in Mehrfamilienhaus in Bremen

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Meistgelesene Artikel

Rund 30 Jahre Löwen-Punsch

Rund 30 Jahre Löwen-Punsch

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Kommentare