Lukas Tohoff arbeitet ein Jahr an indischen Schulen

Zurück aus einer anderen Welt

30 Stunden in voll besetzten Zügen – in Indien keine außergewöhnliche Reise. Auch Lukas Tohoff musste auf diese Weise fahren. Immerhin, das Ticket hat umgerechnet nur drei Euro gekostet. - Fotos: Tohoff/Röhrs

Unterstedt - Von Matthias Röhrs. Aus einer Parallelwelt, wie er sagt, ist Lukas Tohoff zurückgekehrt. Ein Jahr lang hat der 19-Jährige in Indien gelebt und dort an Schulen gearbeitet, sich mit den Menschen vor Ort auseinandergesetzt und Freundschaften geschlossen. Nun ist er wieder zuhause in Unterstedt.

Ein Jahr hat Lukas Tohoff im indischen Jeypore verbracht.

Schon auf der Rückreise hat er sich wieder heimisch gefühlt. Es war am Pariser Flughafen, als er für den Flieger nach Hamburg einchecken wollte. Eine Mitarbeiterin der Fluggesellschaft fuhr Tohoff und seinen Begleiter schroff an. Sie hatten unerlaubt eine gelbe Linie überschritten. „Sie hat gar nicht verstanden, warum wir sie so angegrinst haben“, erzählt der 19-Jährige. Ein bisschen habe er sie schon vermisst, die deutsche Schroffheit – ihren direkten Charakter, ihre Effizienz. „Da weiß man, woran man ist“, sagt Tohoff. Kein Vergleich zur indischen Gelassenheit, durch die alles auch mal etwas länger dauern kann. Obwohl sie natürlich ihre Vorzüge hatte.

Unterricht auf Englisch und Oriya

Auch auf den Klassenfotos kam der Spaß in Tohoffs Unterricht nicht zu kurz.

Kurz nach seinem Abitur am Rotenburger Ratsgymnasium, im August 2015, ist Tohoff nach Indien gereist. Das Ziel: Die Region um Jeypore im Osten des Landes. Dort hat er über den Freiwilligendienst „Weltwärts“ vom deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung an zwei Schulen die Lehrer unterstützt, und teilweise sogar selbst unterrichtet – auf Englisch und auf Oriya.

„Ich wusste anfangs gar nicht, wie ich diese Herausforderung meistern sollte“, gibt er zu. Mit Gesten und Bildern schaffte er schließlich nicht nur auf Oriya zu unterrichten, sondern auch denen etwas beizubringen, die schlecht Englisch können. „Irgendwann klappte das ganz gut, wohl auch dank der Erkenntnis, dass es ohnehin keine perfekte Lösung gebe.“

Unterstedt sei in dieser Zeit „total weit weg“ gewesen – auch im Kopf. Auch nach seiner Heimkehr erscheinen ihm Deutschland und Indien als zwei Parallelwelten – trotz sozialer Netzwerke und seines Blogs, den er in den vergangenen zwölf Monaten geschrieben hat. Doch damals wie heute: „Die Distanz ist gefühlt größer als die tatsächlichen rund 10 .000 Kilometer“, sagt der Unterstedter nachdenklich.

Zugreisen über 30 Stunden

Distanz spielt für den Unterstedter mittlerweile keine Rolle mehr. Zugreisen von bis zu 30 Stunden pro Richtung in einem Land, das etwa neun Mal so groß wie Deutschland ist. „Früher war die Stunde Fahrt nach Hamburg schon eine Reise“, sagt Tohoff. Dieses neue Empfinden von Entfernungen will er nun nutzen, und auch öfter innerhalb Europas verreisen.

„Am Anfang habe ich mir viele Gedanken über die Armut in Indien gemacht“, räumt er ein. Doch vor Ort hat er einiges gelernt. Wenig zu besitzen heiße nicht, unglücklich zu sein, so der 19-Jährige. Auch wenn die Menschen in den Dörfern schneller vor dem Nichts stehen können – durch ein Unwetter oder den plötzlichen Tod des Familienoberhaupts. Doch Armut, habe Tohoff sich letztendlich ganz anders vorgestellt.

Viele neue Freunde hat er in Indien gefunden. Und er steht auch noch im Kontakt mit ihnen – nur halt von der anderen Parallelwelt aus. Autogramme habe er geben müssen, auch Fotos mit dem großen blonden Deutschen waren bei den Indern sehr beliebt. Am Ende hat der Abschied aus Indien fast zwei Wochen gedauert. Viele galt es ein letztes Mal zu besuchen. Die wollten ihn kaum gehen lassen, luden ihn erst einmal zum ausgiebigen Essen ein.

Erwachsener sei er geworden, selbstständiger – „ich weiß, das klingt abgedroschen“, sagt er. Eine große Karriere erscheint ihm nicht mehr so wichtig, er legt jetzt mehr Wert auf das Gemeinschaftliche, wie in Indien. Dennoch: Ab Herbst will er Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie an der Universität Lüneburg studieren. Bewerben musste er sich noch von Jeypore aus. Tohoff: „In einem Internetcafé und immer hoffend, dass der Strom nicht ausfällt.“

Seine Erlebnisse während des Aufenthalts in Indien hat Tohoff in seinem Blog festgehalten.

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