Jury prüft Kreisstadt als „fahrradfreundliche Kommune“

Rotenburg will landesweit vorne mit radeln

Angefahren wurden nicht nur die Vorzeige-Stellen für Radfahrer, sondern auch kritische Stellen – wie die Verdener Straße, wo Radler und Schwerlastverkehr nicht weit getrennt sind. - Foto: Krüger

Rotenburg - Von Michael Krüger. Stephan Lohmann hat vorgesorgt. Es ist zwar noch früh an diesem Donnerstagmorgen, aber an jedem der zehn Diensträder der Stadt, die für die Gäste auf Anweisung des Rotenburger Verkehrsamtsleiters für die wichtigen Gäste zum Bahnhof gebracht werden, steckt eine Flasche Wasser. Es ist der nicht nur vielleicht heißeste Tag des Jahres, es ist auch der, an dem sich entscheiden könnte, ob die Kreisstadt als „Fahrradfreundliche Kommune Niedersachsen“ zertifiziert wird.

Rotenburg ist Mitglied in der vor einem Jahr gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundlicher Kommunen Niedersachsen / Bremen“ (AGFK), einem Verein unter der Schirmherrschaft von Niedersachsens Verkehrsminister Olaf Lies (SPD). Was 14 Jahre lang ein Wettbewerb des Landes war, ist nun Aufgabe der AGFK: Bei ihr kann der Antrag gestellt werden, fünf Jahre lang das Label „Fahrradfreundliche Kommune Niedersachsen“ tragen zu dürfen.

Doch dafür gibt es harte Kriterien – und die nimmt die Jury ganz genau unter die Lupe. Es ist der erste Besuch dieser Art für die illustre Gästeschaft, die am Morgen gegen 8.30 Uhr am Rotenburger Bahnhof eintrifft. Abgeholt werden die zehn Jury-Mitglieder aus dem Verkehrsministerium, von kommunalen Spitzenverbänden, aus Politik und Verwaltung von einer überzeugten Radfahrerschaft aus Rotenburg: Bürgermeister Andreas Weber (SPD) und seine Erste Stadträtin Bernadette Nadermann vorne weg, Verwaltungspersonal, ADFC-Chef Manfred Petersen als Sprecher des städtischen Arbeitskreises Fahrrad, Touristikverband-Chef Udo Fischer und einige mehr. Vier weitere Bereisungen dieser Art hat sich die Jury in diesem Jahr noch vorgenommen. Rotenburg könnte damit zu den ersten Kommunen landesweit gehören, die den neuen Titel tragen dürfen.

Dafür muss aber einiges getan werden. Nachdem die Verwaltung eine umfangreiche Selbstdarstellung seiner Vorzüge als Fahrradstadt abgegeben hat, gilt es nun, bei um die 30 Grad zu strampeln. Jury und Bewerber machen sich auf den Weg, die wichtigen Punkte der Stadt anzuradeln. Natürlich steht die kreisweit einzige Fahrradstraße Hemphöfen auf dem Programm, der Sandhasenweg als innerstädtische Rad-Straße, die idyllisch gelegenen Wege entlang der Wümme. Aber auch Problemzonnen werden nicht ausgeklammert: die unklaren Regelungen in der beengten Goethestraße, das dichte Beieinander an der Verdener Straße, der durch die Bundesstraßen im Stadtgebiet fließende Schwerlastverkehr. Es wird viel angepriesen, auf kleine Serviceleistungen wie E-Bike-Tankstellen hingewiesen, Anekdoten aufgetischt: Tourow-Chef Fischer packt eine zehn Jahre alte aus, als die Kicker aus Trinidad und Tobago damals bei ihrem WM-Besuch immer radelnd vom Wachtelhof zu den Sportanlagen in der Ahe unterwegs waren. „Mit großem Erfolg“, scherzt Bürgermeister Weber bei einer kurzen Rast im Schatten.

Tatsächlich hat sich in der Kreisstadt nicht erst seit dem Radwegeverkehrskonzept von 2012, für das die Stadt 30.000 Euro investiert hat, viel verändert für Radfahrer – was aber nur ein Anfang sein dürfe, so Weber: „Es muss gut durchdacht sein, was man tut.“ Diesbezüglich ließen sich auch für die nahe Zukunft einige wichtige Projekte skizzieren: So hat das Landesamt für Straßenbau laut Weber grünes Licht gegeben für die Komplett-Sanierung der Harburger Straße. Die Fahrbahn werde verengt, dafür sollen mehr Parkräume und breitere Radwege geschaffen werden. Zudem könnte am Neuen Markt ein Kreisel entstehen, der die Situation insbesondere auch für Radfahrer erleichtere. Zudem werde der Sandhasenweg und Ebberskamp komplett befestigt, ein neuer Radweg am Rönnebrocksweg komme auch.

Das Zusammenspiel aus Ist-Zustand und Plänen scheint auch bei der Jury gut anzukommen. „Man sieht, dass hier der Fahrradverkehr vorangebracht werden soll“, sagt Axel Priebs, Vorsitzender der AGFK. „Pädagogisch interessant“ sei die Absicht, die Gerberstraße entlang der Schulzentren zu einer Fahrradstraße umzufunktionieren, auch der Umbau der Goethestraße sei eine gute Idee. Und Vorhandenes wie die Parkstation am Bahnhof oder das Wegenetz abseits der Hauptverkehrsstraßen sprächen ebenfalls für Rotenburg.

Ob das alles reicht für die Zertifizierung? Ein Urteil wird erst noch fallen. Positiv sei die Situation in Rotenburg aber allemal zu sehen, zumal es für kleine Kommunen meist schwieriger ist als für große Universitätsstädte wie Oldenburg, sagt Priebe. „In kleinen Städten gibt es immer mehr Bedenken und Vorbehalte“, meint der Jury-Vorsitzende – und fällt damit vermutlich ein passendes Urteil über Fahrradaspekte hinaus.

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