Sozialpraktika in der ganzen Stadt

Menschliche Konfrontation

Anna Büstgens übt mit den Lindenschülern unter anderem Rechnen. Wie ihr ganzer Jahrgang macht sie derzeit ein Sozialpraktikum.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Einen neuen Blick auf die Wirklichkeit, das erarbeiten sich in dieser Woche die Neuntklässler des Rotenburger Ratsgymnasiums. An verschiedenen Stellen in der Stadt absolvieren sie derzeit ein Sozialpraktikum und schaffen sich neue Perspektiven. So auch in der Lindenschule.

Stephan Slomma (v.l.), Eberhard Thamm und Norbert Bitzer freuen sich über eine gute Zusammenarbeit.

Es ist ein ganz anderes Lernen, als sie es kennen. Kein Frontalunterricht an der Tafel, sondern stark handlungsorientiert. Das ist ungewohnt für die Ratsgymnasiastinnen Jana Wessels und Anna Büstgens, aber alles andere als problematisch, wenn man den Worten des Leiters der Lindenschule, Eberhard Thamm, glauben darf. „In fünf Minuten waren sie ,drin‘“, sagt dieser. Das gilt aber auch für die anderen 18 Gäste vom Ratsgmynasium, die in dieser Woche das Sozialpraktikum an der Förderschule der Rotenburger Werke absolvieren. „Bewusst“ ist das kein Berufspraktikum, betont Stephan Slomma, Koordinator der Freiwilligendienste bei den Werken. Die Idee dazu kam aus dem Gymnasium. „Wir bieten den Schülern eine neue Wahrnehmung der Realität“, erläutert Norbert Bitzer, der Mittelstufenkoordinator und Inklusionsbeauftragter dort. Er berichtet von „irritierten ersten Reaktionen“ der Gymnasiasten auf die Schüler der Lindenschule. Aber darum gehe es schließlich. „Es ist eine Konfrontation auf menschliche Weise.“

Stephan Slomma (v.l.), Eberhard Thamm und Norbert Bitzer freuen sich über eine gute Zusammenarbeit.

Auch Slomma hat sich eingehend mit den Gästen bei den Werken unterhalten. Viele seien demnach überrascht gewesen, wie die Menschen in den Werken tatsächlich leben. Sätze wie „Ich hätte nicht gedacht, dass hier alle so nett sind“ oder „Der sitzt im Rollstuhl und ist trotzdem gut drauf“ seien gefallen. Slomma findet das gut. „Anhand dieser Sätze können wir aufdröseln, was eigentlich genau gesagt wird und welche Vorurteile es durch Unkenntnis gibt“, erklärt er. Diese baue man mit den Begegnungen bei den Praktika ab. „Man kann ja auch mit Behinderung ein erfülltes Leben haben“, sagt er. Wessels und Büstgens hätten das Praktikum ohne große Erwartungen an die Menschen in den Werken begonnen, seien aber überrascht gewesen, wie anstrengend die Arbeit mit den Schülern mit Behinderung ist. Kochen, Basteln oder Vorlesen sind nur ein paar ihrer Aufgaben. Ob sie eher auf der Seite der Lehrer oder der Schüler stehen, wechselt.

Jana Wessels hat sich schnell mit den Schülern der Rotenburger Lindenschule angefreundet. - Fotos: Röhrs

Drei Stunden am Tag sind sie beim Unterricht dabei, anschließend stehen für die insgesamt 83 Praktikanten bei den Werken Vorträge zu Themen über Behinderungen, Krankheiten und Inklusion auf dem Stundenplan. Die Werke sind allerdings die einzige Institution, die sich an den Sozialpraktika des Gymnasiums beteiligt. Manche Schüler helfen auf dem Campus Unterstedt mit, einzelne sind im Krankenhaus und „relativ viele“, so Bitzer, verteilen sich auf verschiedene Altenheime in der Kreisstadt und Umgebung. Was seine Schüler angeht, hat Bitzer bei ihnen ein Umdenken festgestellt. Meistens seien sie zuvor sehr zielorientiert gewesen und hatten genaue Vorstellungen davon, was sie machen wollen und seien dementsprechend enttäuscht gewesen, wenn es mit der Wunschabteilung nicht klappte. Nach einigen Tagen seien sie laut Bitzer allerdings froh darüber gewesen. „Sie wurden sozusagen zur Offenheit gezwungen.“

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