„Es muss nicht immer gefällig sein“

„La Strada unterwegs...“: Künstlerische Leiterin Julia von Wild im Interview

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Julia von Wild ist seit 2009 mit ihrer Kollegin Kathrin Bahr für das Programm bei „La Strada unterwegs...“ verantwortlich. 

Bremen/Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Wenn bei „La Strada unterwegs...“ vom 12. bis 14. August in Rotenburg die Besucher aus dem Staunen nicht mehr heraus kommen, kann Julia von Wild von der Agentur „zweifellos.net“ zufrieden sein. Sie und Kathrin Bahr sind die künstlerrischen Leiterinnen des Straßenkunst-Festivals in der Kreisstadt und somit für das Programm zuständig. Für das Interview am Wochenende haben wir von Wild in Bremen getroffen und über die Anspannung vorab, dem Treiben hinter den Kulissen und die Auswahl der Künstler gesprochen.

Frau von Wild, am 12. August beginnt „La Strada“ in Rotenburg. Sind Sie schon aufgeregt?

Julia von Wild: Ja, jetzt kommt es immer näher, es geht in die heiße Phase. Im Moment kümmern wir uns um die Vorbereitungen, wie Produktionsabläufe, Technik, Hotels, Catering, die letzten Feinabstimmungen mit den Künstlern – die organisatorischen Dinge. Das ist manchmal gar nicht so einfach.

Wann kommt denn der Moment, in dem Sie durchatmen können?

Von Wild: Eigentlich bei der Eröffnung oder wenn am Samstag jede Gruppe aufgebaut hat und es einfach läuft. Es gibt anfangs ja immer ein paar kleine Schwierigkeiten, die man bewältigen muss. Doch wenn alles steht, dann kommt auch der Moment, in dem wir das Festival genießen können, durch die Stadt gehen und uns die Shows angucken.

Was für eine Stimmung herrscht denn bei „La Strada“ hinter den Kulissen??

Von Wild: Das ist eine positive Anspannung, würde ich sagen. Es ist natürlich jeder im Stress, aber weil es so eine schöne Veranstaltung ist, macht es natürlich auch Spaß. Dann gibt einem die Anspannung auch Energie.

Haben Sie denn Zeit, sich auch selbst die Künstler anzugucken?

Von Wild: Das kommt immer darauf an, wie gut wir organisiert sind. Im besten Fall können wir uns die Shows auch ansehen. Das ist in Rotenburg meistens der Fall und ein großer Luxus.

Bei anderen Veranstaltungen von Ihnen, beispielsweise in Rastatt, geht das nicht?

Von Wild: Da ist das schwieriger, einfach aufgrund der Anzahl und der Fülle der Shows. Und in Rotenburg hat das eine Größe, die, glaube ich, auch dem Publikum gut gefällt. Sie ist auf ihre Art überschaubar.

Welche Aufgaben haben Sie vor Ort?

Von Wild: Erstmal dafür zu sorgen, dass alle ankommen (lacht). Das ist immer aufregend, wer noch im Stau steht, bei wem das Auto kaputt gegangen ist, wo der Flieger gestrichen wurde und so weiter. Aber im Prinzip ist unsere Aufgabe, das alles bei den Künstlern und bei der Produktion läuft – also der reibungslose Ablauf.

Was unterscheidet eigentlich die Organisation eines Straßenfestivals beispielsweise von einem Konzert?

Von Wild: Erstmal ist es open-air, und das ist wohl die größte Herausforderung beim Straßentheater: Es findet im öffentlichen Raum statt. Das heißt, man muss die Plätze finden, die sich dafür eigenen. Theater ist dann noch ganz anders als Musik. Bei Musik stelle ich eine Anlage auf die Bühne, verkabel’ die Band, und dann spielt sie. Beim Theater haben wir ganz andere und verschiedene Anforderungen.

Zum Beispiel?

Von Wild: Beispielsweise an Requisiten und Gebäuden. Was braucht der Künstler an Platz oder für einen Untergrund? Wir haben in diesem Jahr Tanzgruppen in Rotenburg, die brauchen einen bestimmten Boden, und es darf kein Gefälle geben. Dann muss das Surrounding passen. Man kann nicht einfach jede Show irgendwo hinstellen, das funktioniert nicht. Wir gucken immer danach, dass die Shows in der entsprechenden Umgebung sind und sich entweder harmonisch einfügen oder aber diesen Ort komplett aufrütteln und verändern.

Woran machen Sie das denn fest?

Von Wild: Ich glaube, das ist Gefühlssache, ob die Show zum Ort passt. Es ist auch die Kunst dahinter, alles zu einem harmonischen Gesamtbild zu machen. Manche Shows sind eher leise und brauchen eine intimere Umgebung, andere können größere Plätze bespielen. Es gibt bestimmte Faktoren, und da ist es gut, dass wir die Künstler auch kennen. Dadurch wissen wir, worauf wir uns mit den Darstellern einlassen oder können auch Shows für die besonderen Plätze in Rotenburg explizit suchen.

Kennen Sie die Künstler, die Sie buchen, gut?

Von Wild: Wir versuchen, möglichst alle Shows zu kennen. Allerdings entdecken wir auch gerne Neues. Dann hat man vielleicht die Show noch nicht live gesehen, aber man kennt die Gruppe und ihre Arbeit und hat ein gewisses Vertrauen darin. Richtige Blindbuchungen machen wir aber nicht. Wir reisen viel und gucken uns viele Auftritte an. In diesem Jahr kommt beispielsweise mit dem neuen Programm der niederländischen Gruppe „Compagnie Mobil“ eine Deutschlandpremiere nach Rotenburg. Diese Show haben wir schon gebucht, bevor wir sie selbst erst vor drei Wochen bei einem Festival in Holland gesehen haben.

Wonach suchen Sie die Künstler denn aus?

Von Wild: Wir versuchen immer, das Programm auf das Publikum und auf die Stadt zuzuschneiden. Uns ist immer wichtig, eine gute Mischung zu haben. Auf der einen Seite wollen wir alle Genres abdecken, auf der anderen Seite soll es natürlich unterhaltsam, aber nicht immer nur leicht und gefällig sein. Dann wollen wir immer möglichst neue Sachen, aber auch die Publikumslieblinge zeigen.

Ist es schwer, bei all den internationalen Acts den Überblick zu behalten?

Von Wild: Es gibt einen großen, europaweiten Austausch mit anderen Festivals, wo man sich über die neuen Shows und Aktuelles aus der Szene informiert. Zudem gibt es verschiedene Börsen, wo man hinfährt, und hat ein großes Netzwerk. Viele Künstler melden sich auch selbstständig, sobald sie eine neue Produktion haben.

Woher kommt Ihre Verbindung zum Straßentheater?

Von Wild: Bei mir war das eher zufällig durch ein Praktikum. Da habe ich auch Kathrin Bahr kennengelernt, und wir haben festgestellt, dass wir die Leidenschaft und Begeisterung für dieses Genre teilen, weil es im Prinzip alle Facetten abdeckt. Es kann Musik sein, aber auch Theater oder Zirkus. Und das Besondere ist, dass es im öffentlichen Raum stattfindet und jeden erreichen kann. Es ist nichts Exklusives hinter verschlossenen Mauern, sondern es ist öffentlich. Das ist allerdings auch eine Herausforderung, weil das Publikum auch immer wieder gehen kann, anders als im Theater. Es ist eine ganz spezielle Energie, die Straßentheater auf die Straße bringt.

Haben Sie selbst schon einmal Straßenkunst gemacht?

Von Wild: Um Gottes Willen, nein (lacht).

Nie neugierig gewesen?

Von Wild: Nein. Ich glaube, jeder hat seine Talente. Und meine liegen hinter den Kulissen.

Gibt es etwas, das Sie sich für das „La Strada“ in Rotenburg vorgenommen haben?

Von Wild: Rotenburg ist als ganz kleines Festival gestartet und hat sich in den vergangenen Jahren ganz toll entwickelt. Wir haben uns vorgenommen, dass es sich weiterentwickelt und nicht stehen bleibt. Diesen international guten Ruf, den das Festival besonders in der Szene mittlerweile genießt, wollen wir ausbauen und stärken. Und auch das Engagement der Rotenburger bei diesem Festival wollen wir fortschreiben, damit dieses Festival gemeinsam mit den Rotenburgern und den internationalen Künstlern zu einer festen Größe im Veranstaltungskalender wird.

Zur Person

Julia von Wild ist eine Hälfte der Agentur „zweifellos.net“, die die 34-Jährige zusammen mit Kathrin Bahr in Bremen betreibt. Seit zwölf Jahren arbeiten sie zusammen. Neben „La Strada unterwegs...“ in Rotenburg, das Bahr und von Wild seit 2009 künstlerisch betreuten, waren die Beiden bis 2011 auch an „La Strada“ in Bremen beteiligt. Ähnliche Veranstaltungen leiten Bahr und von Wild unter anderem auch in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg künstlerisch. So sind sie beispielsweise beim „ParkPerPlex“ in Norderstedt und beim Straßentheaterfestival „Tête à Tête“ in Rastatt bei Karlsruhe mit mehr 100 000 Besuchern für das Programm zuständig.

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