Im Kunstturm graduierte Absolventin stellt mit anderen Studierenden aus

Trojaner, ein Master und die Umkehr von Sehgewohnheiten

Eine fruchtbare Kooperation: Peter Mokrus vom Kunstverein (2.v.r.) eröffnete gemeinsam mit Professor Michael Dörner (r.) und den Studenten Florian Münchow und Leonie Nowotsch die Vernissage.
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Eine fruchtbare Kooperation: Peter Mokrus vom Kunstverein (2.v.r.) eröffnete gemeinsam mit Professor Michael Dörner (r.) und den Studenten Florian Münchow und Leonie Nowotsch die Vernissage.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Ein Novum konnte Peter Mokrus vom Kunstverein Rotenburg stolz verkünden: Dort, wo sich am Samstagabend zahlreiche Kunstliebhaber zur Vernissage dreier Studierender der Hochschule für Künste im Sozialen Ottersberg einfanden, war 24 Stunden zuvor die erste Master-Prüfung in der Geschichte des Kunstturms erfolgreich abgenommen worden.

Für die frisch gebackene „Master of Fine Art“ Andrea Firnkes war es naheliegend, sich als Ort für das Kolloquium den Kunstturm zu suchen: „Ich komme aus Rotenburg, hier gibt es viele Kooperationen zwischen der Hochschule und dem Kunstverein.“

So war auch der Redner des Abends, Michael Dörner, dem Publikum kein Unbekannter, hatte der Künstler und Dozent hier zuletzt mit Installationen wie einer hängenden Toilettenschüssel für Aufmerksamkeit gesorgt. In seinen Ausführungen spürte er den möglichen Gemeinsamkeiten der drei Ausstellenden – die kein gemeinsames Thema verband – genauso nach wie dem Thema des Trojanischen Pferdes: „Ist die Kunst ein trojanisches Pferd, will der Künstler den Betrachter betrügen?“

Bei aller lohnenswerter Gedankenakrobatik Dörners wohl unbestritten: Die Werke der drei Ausstellenden bargen Geheimnisse, die es zu entdecken galt, Perspektivwechsel, auf die man sich einlassen musste: Da fand sich Firnkes Sternenhimmel auf Krepp und mit schwarzen Klebepunkten geklebt, im Erdgeschoss; unter dem Dach dagegen eine plakative Videoinstallation zum geerdeteren Thema Wohnen. Ganz im Rhythmus des unterlegenden „Bolero“ von Ravel zogen Wohnungsanzeigen über den Bildschirm, die sich mit der Steigerung von Tempo und Intensität des Orchesterstücks immer intensiver durchmischten mit Verträgen, der Aufforderung zu Schufa- und Selbstauskünften – ein Aufschrei gegen den „Wahnsinn der gegenwärtigen Lage auf dem Wohnungsmarkt“, wie Dörner erläuterte.

Ähnlich aufrüttelnd die Kiste mit toten Küken von Leonie Nowotsch. Die seit 2015 in Ottersberg immatrikulierte Künstlerin hat sich Objekten zugewandt, weil Malerei ihr irgendwann nicht mehr gereicht habe: „Ich reize jetzt alle Ausdrucksformen aus.“ Die präparierten Küken empfindet sie nicht als schockierend: „Die sind Realität!“ An der Wand zeugen Skriptol-Zeichnungen von Hähnchen vor einem angedeuteten Fastfoodketten-Emblem von ihrem Nachdenken über Natürlichkeit und Künstlichkeit: „Da ist der Begriff ‚Künstler‘ schon fast ein Paradoxon!“

Ähnlich paradox, und ebenso plakativ, kommen die Objekte von Florian Münchow daher: Feuerlöscher, die sich aufzulösen scheinen, eine Wand voller Nothammer, nicht zufällig direkt neben dem Fenster platziert. So manchen Besucher scheint es in den Fingern zu jucken – und das ist beabsichtigt: Er spielt mit alltäglichen Gegenständen an ungewöhnlichen Orten, will „die Wahrnehmung manipulieren“. Das Spiel ist ein zentraler Punkt des Schaffens des Gamers: Auch dort sucht Münchow nach dem „Schlupfloch“, tut Dinge, „die man sonst nicht tun darf“, stellt Ordnung in Frage und löst Hierarchien auf. Die Forderung des Pädagogen: „Stellt Regeln in Frage!“. Sie gilt für alle hier: Ausstellende wie Betrachter.

Die Ausstellung unter dem Titel „In the beginning there was rhythm“ ist zu den gewohnten Öffnungszeiten noch bis zum 21. Februar zu sehen.

www.kunstverein-row.de

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