Mazedonische Familie mit behinderter Tochter soll ausreisen

Die kranke Kibra soll zurück

Nahida Kurtishova (v.l.), Tochter Kibra und Vater Orhan Kurtishov sollen mit den beiden Söhnen nach Mazedonien ausreisen. Christina Rotondo-Renken, Freundin der Familie, setzt sich für ihren Verbleib ein. - Foto: Quebe

Rotenburg - Von Inken Quebe. Kibra geht es gut. Sie lacht, wirkt aufgeweckt. Immer wieder schaut sie zu ihren Eltern – Mutter Nahida Kurtishova weint, während Vater Orhan Kurtishov erzählt, was passiert ist. Dass es der Achtjährigen, die unter Hemiparese mit Spastik leidet, also einer schweren Halbseitenlähmung, überhaupt eines Tages so gut gehen würde, damit hatten Ärzte und Familie nicht gerechnet, denn im Heimatland Mazedonien könne sie nicht ausreichend medizinisch versorgt werden. Nun sollen aber Vater, Mutter, die zwei Söhne und Kibra – die in Gnarrenburg leben – zurück dorthin.

Eigentlich war Deutschland ein Funken Hoffnung: Nachdem Nahida Kurtishova bereits zwei gesunde Söhne zur Welt gebracht hatte, wurde am 21. November 2007 Kibra geboren. Aufgrund von Sauerstoffmangel während der Geburt leidet sie unter der Halbseitenlähmung, erklärt Dr. Heinrich Hahn. Er ist Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg und behandelt das Mädchen, seit die Familie 2013 nach Deutschland gekommen ist. Laut Kurtishov hatte der Geburtsthelfer aufgrund einer anderen politischen Gesinnung – Kurtishov engagiert sich für die Sozialdemokratie – damals seine Hilfe untersagt und den Kreißsaal verlassen. Die Behinderung der Tochter führen die Eltern darauf zurück.

In Mazedonien kann Kibra nicht behandelt werden

Ein Arzt habe den Vater gefragt, ob es nicht Verwandte in Europa gebe, die Kibra adoptieren könnten. „Ich bin sicher, dass kein Vater auf der Welt sein Kind weggeben würde“, ist Orhan Kurtishov überzeugt. Er berichtet von der mangelnden Versorgung, die es für Kibra in Mazedonien gegeben habe. „Dort kann Kibra nicht behandelt werden“, sagt Christina Rotondo-Renken, eine Freundin der Familie. Das habe man sogar schriftlich. Das einzige Krankenhaus, das sich um Kinder mit solch einer Behinderung kümmern könnte, wäre 150 Kilometer vom Heimatort der Familie entfernt. Kurtishov: „Wenn man das überhaupt Krankenhaus nennen kann. Es ist eine Katastrophe.“

Schließlich entschied sich die Familie 2013 dazu, nach Deutschland zu gehen, denn der Vater hat selbst von 1986 bis 1993 in Ostwestfalen gelebt, seinen Schulabschluss gemacht, spricht fließend Deutsch. Weil er noch minderjährig war, zog Kurtishov mit seinen Eltern zurück nach Mazedonien. „Dort gibt es eine Art Diktatur“, sagt Kurtishov. Als Sozialdemokrat werde er politisch verfolgt. Kurtishov wird nicht müde zu betonen, dass er für alles Beweise hat. Auch an diesem Tag hat er sie dabei, verwahrt in einer schwarzen Tasche, die so schwer ist, dass man sie kaum tragen kann.

Gutachten bestätigen, dass Kibra die Förderung benötigt

Durch die Erkrankung besteht das Risiko, so Hahn, dass Kibra eines Tages unter einer Wirbelsäulenfehlhaltung leidet. Auch die inneren Organe könnten betroffen sein. Derzeit sei sie schon kognitiv eingeschränkt. „Es liegt an der bisherigen Therapie, dass sich Kibra so gut entwickelt hat“, sagt Hahn. So eine Förderung könnte es Mazedonien nicht geben – als Kibra nach Deutschland kam, habe sie nur wenige Schritte mit Hilfe gehen können und konnte nicht sprechen. „Ich sehe den Bedarf einer weiterführenden Diagnostik und Therapie.“ Es gebe verschiedene Gutachten darüber, dass Kibra die Förderung benötigt, die sie in Deutschland bekommen könnte.

Das Problem: Die Erkrankung der Tochter sei kein Asylgrund. Im Mai habe der Vater seinen Ausweis bei der Ausländerbehörde des Landkreises verlängern wollen, das ging nicht. Man habe ihm gesagt, dass er bei Landrat Hermann Luttmann (CDU) um eine Aufenthaltsgenehmigung bitten könnte. Wenige Tage später habe Kurtishov dann tatsächlich mit Luttmann gesprochen. Dieser sei besorgt gewesen, so der Eindruck der Eltern, bat jedoch um Zeit, um sich zu informieren.

Mitarbeiter von Behinderung angerührt

Der Landrat erinnert sich an das Gespräch. Schriftlich teilt er mit, dass er und seine Mitarbeiter von der Behinderung der Tochter emotional angerührt seien. „Richtig ist wohl, dass eine solche Behinderung gegenwärtig in Deutschland besser behandelt werden kann als im Heimatland der Familie Kurtishov, dies letztlich aber keinen Asylgrund darstellt“, so Luttmann. In einem Brief, der der Redaktion vorliegt, hat der Landrat Kurtishov darauf hingewiesen, dass der Asylantrag bereits im November 2014 als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt worden sei.

Die Familie hat viel versucht: Sie haben sich an die Härtefallprüfung gewandt, um Einzelfallprüfung gebeten. Allerdings sei Kibras Gesundheitszustand auch seit der Einreise nicht mehr von einer Behörde in Augenschein genommen worden, schildert der Vater.

Von der Landtagsabgeordneten Petra Tiemann und dem Kreistagsabgeordneten Bernd Wölbern (beide SPD) gab es schließlich einen neuen Grund zur Hoffnung: Die Familie könnte nach Bremen umziehen. Dadurch hätte Kibra weiterhin im Diako in Behandlung sein können. Damit sie umziehen können, müsse aber die Ausländerbehörde in Rotenburg zustimmen. Dass das abgelehnt worden sei, dementiert Landrat Luttmann: „Die Aussage, der Familie sei eine Übersiedelung nach Bremen nicht gestattet worden, ist nicht richtig. Unseren Akten lässt sich hierzu nichts entnehmen.“

Mehr als 200 Seiten Beweismaterial

Kurtishov sagt, dass er selbst die deutsche Demokratie in seinem Herkunftsland immer als gutes Beispiel erwähnt habe. Das tue ihm besonders weh. „Mein ältester Sohn hat mich gefragt: Papa, ist das dein Deutschland? Ich hatte keine Antwort darauf.“ Die Verwaltung in Deutschland funktioniere aus seiner Sicht nicht. Trotz mehr als 200 Seiten Beweismaterial, die auch dem Anwalt vorlägen, sei man überall abgelehnt worden. Der Vorwurf: Orhan Kurtishov habe sich nicht integrieren wollen, weil er nicht arbeitet. Dabei habe sich Kurtishov selbst mehr als ein Jahr ehrenamtlich für Flüchtlinge engagiert, und auch Arbeitsverträge lägen vor, aber die Ausländerbehörde habe die Zustimmung verweigert. „Sie verbieten der Familie zu arbeiten“, wirft Rotondo-Renken vor. Das streitet Landrat Luttmann ab: „Die Aussage, die Ausländerbehörde habe Arbeitsverträgen nicht zugestimmt, ist nicht richtig.“

Der Landrat selbst hat Orhan Kurtishov nun dazu geraten, einer freiwilligen Ausreise zuzustimmen. In seinem Brief heißt es: „Auch im Hinblick auf eine möglicherweise von Ihnen beabsichtigte Wiedereinreise kann ich Ihnen nur raten, es nicht zu einer Abschiebung kommen zu lassen.“ Das hat Kurtishov nun getan: „Ich habe die freiwillige Ausreise unterschrieben, weil ich meiner Tochter eine Abschiebung ersparen möchte.“ Statt also am kommenden Mittwoch zu einer angesetzten Röntgenuntersuchung der Tochter ins Diako zu fahren, fährt die Familie nach Mazedonien.

Lesen Sie auch

Spontandemo gegen Fremdenfeindlichkeit

17 Flüchtlinge schaffen A1-Zertifikate im Deutschkurs

Ausstellung „geflohen, vertrieben – angekommen!?“

Mehr zum Thema:

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Bartels hält Werder am Leben

Bartels hält Werder am Leben

Meistgelesene Artikel

Engel mit Kaugummi

Engel mit Kaugummi

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Mann nach Unfall auf Grünabfallsammelplatz schwer verletzt

Mann nach Unfall auf Grünabfallsammelplatz schwer verletzt

Kommentare