SPD nominiert Bundestagsabgeordneten als Direktkandidaten

Klingbeil soll es richten

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Genossen unter sich: Mit Lars Klingbeil (2.v.r) freuen sich der Kreisvorsitzende Klaus Manal, die stellvertretende Heidekreis-Landrätin Claudia Schiesgeries und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. 

Walsrode/Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Mindestens einen Fürsprecher hat Lars Klingbeil schon: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz. Er hat sich am Freitagabend aufgemacht in die norddeutsche Provinz – nach Walsrode. In der dortigen Stadthalle befinden die Sozialdemokraten über ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2017. Für den Wahlkreis 35 „Heidekreis-Rotenburg 1“ soll es Lars Klingbeil richten. Der 38-Jährige hat keinen Gegenkandidaten – von 159 Stimmberechtigten votieren 156 mit Ja.

Die Mehrheit der Genossen kommt aus dem Heidekreis, nur wenige aus dem Landkreis Rotenburg. Immerhin, so das Tagungspräsidium, seien 1 221 Mitglieder eingeladen worden, 159 sind als Stimmberechtige erschienen – 129 aus dem Heidekreis, 29 aus dem Kreis Rotenburg.

Einer von ihnen ist Piet van Zeijl aus dem Ortsverein der Börde Sittensen. Für ihn ist der EU-Parlamentspräsident einer gewesen, „der Feuer gemacht hat“. Van Zeijl, Vorstandsbeisitzer in seinem Ortsverein, findet: „Wir brauchen solche Menschen wie den Schulz.“ Zwei Mitglieder aus Schneverdingen nicken zustimmend. Schließlich seien die vergangenen Kommunalwahlen enttäuschend für die Partei ausgegangen. Ob es sie es vor diesem Hintergrund und bei den anhaltend schlechten Umfragewerten schafft, ihre eigenen Mitglieder für einen engagierten Wahlkampf zu gewinnen, das bezweifelt der eine oder andere ein bisschen.

Doch das ist an diesem Abend erstmal Nebensache. Die Zuhörer möchten wissen, was sich Klingbeil vorgenommen hat. Vor allem aber möchten sie und nicht zuletzt die Medienvertreter wissen, ob sich Schulz zur Frage einer möglichen Kanzlerkandidatur, der K-Frage, äußert. Das tut er an diesem Abend nicht. Für einen Genossen ist die K-Frage sowieso schon geklärt. „Der heißt für mich Lars Klingbeil“, wirft er scherzhaft in die Diskussion nach der Vorstellungsrede des Kandidaten ein. Klingbeils Lachen wirkt ein wenig gequält.

Digitalisierung ist großes Thema

Aber dass sich der gebürtige Munsteraner „mehr in bundespolitische Fragen einmischen“ wird, das ist für ihn schon jetzt klar. Es ist einer der Punkte, mit denen er versuchen wird, der Konkurrenz von der CDU in Person von Kathrin Rösel das Wahlkreis-Direktmandat abzujagen. In den jetzigen 18. Deutschen Bundestag war Klingbeil im Jahr 2013 über die Landesliste eingezogen – geschlagen vom damaligen CDU-Gegenspieler Reinhard Grindel.

Kostenlose Kindergartenplätze, eine gute Bildung für alle und die Altersversorgung stehen bei Klingbeil ganz oben auf der Liste. Der Bund sei gefordert, die Länder, in erster Linie aber die Kommunen zu unterstützen. Das Kooperationsverbot zwischen den Städten, Gemeinden und Landkreisen auf der einen sowie dem Bund auf der anderen Seite „gehört ohne Wenn und Aber weg“, findet Klingbeil und bekommt dafür Applaus. Eine Archillesverse der Sozialdemokraten ist auch die Altersversorgung – immerhin sind heute mehr als 52 Prozent der rund 460.000 SPD-Mitglieder älter als 60 Jahre. Angesichts dessen sagt Klingbeil: „Ich möchte, dass Menschen im Alter gut leben können.“

Das ganz große Thema ist für den Abgeordneten indes die Digitalisierung. Für dieses Thema ist Klingbeil der Obmann der SPD-Bundestagsfraktion – und er mischt sich auf allen Ebenen immer wieder in die geführten Debatten ein. „Wir brauchen Glasfaser in jedes Haus“, ruft er seinen Genossen zu. Doch das ist für Klingbeil nur eine Seite der Medaille. Digitalisierung, macht er deutlich, betreffe inzwischen jeden gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Bereich. Von der Kaffeemaschine bis zur Produktion. Klingbeil erwartet bei dieser Herausforderung, „dass die Partei nicht in Schockstarre verfällt“.

„Schulz ist rhetorisch sehr gut“

Diese Worte gefallen dem EU-Präsidenten. Er sitzt ein bisschen in sich gekehrt auf seinem Stuhl in der ersten Reihe und nickt zustimmend. Klingbeil und der EU-Präsident schwenken auf eine Linie ein. Die Menschen seien angesichts der tiefgreifenden Veränderungen in der Welt verunsichert, die SPD müsse Haltung zeigen und Respekt voreinander einfordern. „Vieles gerät unter Druck, was wir in 60 Jahren aufgebaut haben“, wirft Klingbeil seinem prominenten Gast geschickt den Ball zu.

„Schulz ist rhetorisch sehr gut“, attestiert Piet van Zeijl dem EU-Parlamentspräsidenten. Dieser hält ein flammendes Plädoyer für den europäischen Zusammenhalt, erinnert an die Grundwerte seiner SPD und an die Vorstellungen „unserer Mütter und Väter, ein liberales und weltoffenes Europa“ aufzubauen. Doch das alles sei in Gefahr, und dafür machte Schulz Politiker wie den künftigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump, Marine Le Pen vom rechtsgerichteten Front National in Frankreich sowie Geert Wilders in den Niederlanden verantwortlich.

Sie alle, die Kräfte und Parteien von rechts, würden die niederen Instinkte der Menschen ansprechen. Damit schlägt Schulz den Bogen zur aktuellen Diskussion über den neuen Begriff „postfaktisches Zeitalter“: Nicht mehr Tatsachen zählten, sondern nur Emotionen. Wenn er, Schulz, den Begriff hört, „dann krieg’ ich die Krise“. Gegen solche Entwicklungen müsse die SPD angehen und „Haltung“ zeigen.

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