Menschen sprechen wieder mehr Plattdeutsch 

Die kleine Renaissance

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Plattdeutsch in der Grundschule? Das gibt es im Landkreis nur noch sehr vereinzelt. 

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Die beiden jungen Frauen aus dem Rheinland haben ein Pflichtprogramm. Immer dann, wenn sie in Norddeutschland unterwegs sind, hören sie die plattdeutschen Nachrichten vom NDR und von Radio Bremen. „Das klingt so urig“, freut sich eine der beiden Frauen, „das hat sowas Leichtes“. Worte wie diese dürften Menschen wie Julia Schulte to Bühne runtergehen wie der sprichwörtliche Honig. Die Geschäftsführerin des Niedersächsischen Heimatbundes findet nämlich auch, dass Platt „lebendig, schön und leicht“ klingt. Und dass die Sprache aussterbe beziehungsweise schon tot sei, stimme nicht mehr, im Gegenteil. Platt erlebe zurzeit so etwas wie eine kleine Renaissance.

Darauf deuten die ersten vor einigen Wochen veröffentlichten Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung hin. Wie viele Menschen noch des Plattdeutschen mächtig sind, haben das Institut für Niederdeutsche Sprache (INS) und das Institut für Deutschen Sprache durch eine repräsentative Telefonumfrage ermitteln lassen. Daran beteiligten sich gut 1 600 Interviewpartner aus den Bundesländern Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Die letzte Erhebung stammt aus dem Jahr 2007.

Präsentiert werden sollen die Ergebnisse im Herbst. Erste Befunde sind schon jetzt auf der Internetseite des Instituts unter der Adresse www.ins-bremen.de nachzulesen – natürlich auf Platt: „47,8 Perzent vun de Minschen in Noorddüütschland verstaht Platt goot oder sehr goot.“ Und: „15,7 Perzent vun de Minschen in Noorddüütschland snackt Platt goot oder sehr goot.“ Bei der bislang letzten Untersuchung im Jahr 2007 gaben nur 46 Prozent an, Platt gut oder sehr gut zu verstehen. Auch der Anteil der Plattschnacker war mit 14,3 Prozent geringer. Diese Zahlen sind für Schulte to Bühne der Beleg dafür, dass sich Wettbewerbe und Aktionen wie „Plattsounds“ und „Platt is cool“, die Förderung von Plattdeutsch schon im Kindergarten und andere Idee positiv auf die Entwicklung der Sprache auswirken. Ausgedacht hat sich das alles der Landschaftsverband Stade. In dessen Zuständigkeit fällt auch der Landkreis Rotenburg. Er hat in den vergangenen Jahren ein ganzes Bündel von Veranstaltungen und Angeboten geschnürt – mit einigem Erfolg.

Außer dem Musikwettbewerb „Plattsounds“ und „Platt is cool“ mit der Zielgruppe Jugendliche gibt es beispielsweise die „Plattdüütsch Schatzkist“. Auf der Internetseite www.landschaftsverband-stade.de steht, dass die Schatzkiste „eine aktuelle plattdeutsche Mediensammlung“ zum Einsatz in Kindertagesheimen, Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung wie den Volkshochschulen sei. Zum Paket des Landschaftsverbandes gehört überdies das Jugendtourneetheater „Wellenbreker“. Es gastiert heute im Heimathaus Visselhövede. Vormerken sollten sich die Plattdeutsch-Fans insbesondere den 21. September. An diesem Tag steht im Rotenburger Heimathaus der „34. Plattdüütsche Schoolmiesterdag“ auf dem Programm. Dabei geht es um „Theorie un Praxis ut de School“.

Landkreis fördert Wiederbelebung

Mit dem „Schoolmiesterdag“ kehren die Akteure in Sachen Förderung des Plattdeutschen ein Stück weit zurück an ihren Ausgangspunkt zurück. Hintergrund: Der Landkreis Rotenburg und viele seiner Institutionen spielen bei der Wiederbelebung dieser alten Sprache eine gewichtige Rolle. Ende der 1990er Jahre entwickelte sich aus der Veranstaltungsreihe „Plattdüütsch, een Spraak stellt sich vör“ der Heimat- und Fördergemeinschaft Heeslingen der Arbeitskreis „Mehrsprachigkeit in Kitas und Spielkreisen“. Darin arbeiteten Vertreter aus 14 Einrichtungen mit. Im nächsten Schritt gab es das Modellprojekt „Twee Spraken sünd mehr as een“.

Seit Ende der 1990er Jahre hat sich viel getan, um das Platt nicht komplett untergehen zu lassen. So sind im Auftrag des Landschaftsverbandes sogenannte Obleute in den Schulen unterwegs, um Platt zu unterrichten. Auch die Freudenthal-Gesellschaft ist dabei. Sie bezahlt Platt-Referenten für ihren Einsatz in Schulen und Kindertagesstätten. „Das wird gut angenommen“, sagt Hans-Joachim Schmidt, Mitglied des Heimatvereins Fintel und langjähriger Vorsitzender der Freudenthal-Gesellschaft. Die aktuellen Zahlen des INS kommentiert er so: „Wir haben einen leichten Trend nach oben.“

Politische Forderungen

Die rechtliche Grundlage zum Plattdeutsch-Unterricht in den niedersächsischen Schulen bildet der Erlass „Die Region und ihre Sprache im Unterricht“ des Kultusministeriums. Danach begrüßt die Landesregierung ausdrücklich, dass das Plattdeutsche wieder Einzug in die Schulen hält. Allerdings hat die Sache einen Haken: Bei dem Erlass handelt es sich um eine Kann-Regelung. Den Schulen steht es frei, Plattdeutsch ins Lehrprogramm aufzunehmen. Dies geschieht im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften.

Bevor sie mit Leben gefüllt werden können, stehen Schulen, Eltern und nicht zuletzt die Schüler vor dem nächsten Problem. Schmidt sagt: „Es sind keine Lehrkräfte vorhanden.“ Die gleichen Erfahrungen haben Susanne Euhus und Elisabeth Steinkamp gemacht. Euhus ist stellvertretende Vorsitzende des Kultur- und Heimatvereins Visselhövede und zuständig für das Plattdeutsche, Steinkamp kümmert sich als Beisitzerin des Heimatvereins Sottrum um die Pflege der Sprache. Die Visselhövederin ist Grundschullehrerin und bietet für die Klassen 3 und 4 eine Arbeitsgemeinschaft an der Kastanienschule an. Dies lasse sich nur mithilfe von pensionierten Kollegen realisieren. Sie müssten die Sprache auch noch selbst sprechen. Ähnlich sieht es Steinkamp, selbst ehemalige Lehrerin: „Wer soll das machen?“ Um das Platt nicht aussterben zu lassen, stellen sie beziehungsweise der Heimatverein seit 20 Jahren den „Plattdeutschen Nachmittag“ für die Grundschulen der Samtgemeinde auf die Beine. In den vier bis sechs Wochen davor üben die Kinder nach Auskunft von Steinkamp Sketche und Lieder.

Zurück gehen die Aktionen unter anderem auf Heinrich Benjes. Der bekannte und beliebte Autor plattdeutscher Bücher und Geschichten war im Hauptberuf Schulleiter in der Samtgemeinde Sottrum. Trotz des leichten Aufwärtstrends sieht Benjes „unser herrliches Kulturgut im Bestand bedroht“. Das Plattdeutsche schwinde „im Umgang mehr und mehr“. Und: „Es gibt nur noch einen kläglichen Rest von der Vielfalt, die mal da war.“ Ein anderer Sottrumer will politisch gegensteuern. Der FDP-Landtagsabgeordnete Jan-Christoph Oetjen hat Mitte August den Landtag aufgefordert, die Förderung der niederdeutschen Sprache in die Niedersächsische Verfassung aufzunehmen.

Getan könne für das Platt außer an den Schulen und Kitas auch in den Volkshochschulen (VHS). In Rotenburg war der Literat selbst über viele Jahre aktiv. Dort unterrichtet Ute Voss inzwischen Plattdeutsch. Am 30. August hat der neue Kurs begonnen. Er geht bis zum 1. November. Michael Burgwald, Leiter der Rotenburger (VHS), bezeichnet ihn als „klein, aber fein“. Sei er im Angebot, gebe es immer Interessenten. Laut Burgwald würde die KVHS gerne weitere Kurse anbieten. „Aber es hakt einfach bei den Dozenten.“

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