Eva-Maria Dregewsky und ihr Kampf für ein lebenswertes Leben

Kein Platz zum Sterben

Eva-Maria Dregewsky in ihrem alten Schlafzimmer, das sie nicht mehr bewohnen kann. Sie hat es ausgeräumt – zu stark war die Schimmelbildung an vielen Stellen. J Fotos: Krüger

Rotenburg - Von Michael Krüger. Eva-Maria Dregewsky kam, um zu sterben. Todkrank zieht sie im Oktober 2010 in ein Senioren-Appartement des Rotenburger Matthias-Claudius-Heims (MCH) am Berliner Ring in Rotenburg. Mit 52 Jahren. Auf „Betreutes Wohnen“ hatte sie gehofft, in einer Zeit, in der sie nicht einmal mehr künstlich ernährt werden konnte, wie sie heute sagt. Doch sie kämpfte gegen die Krankheit und gewann.

Trotzdem hat sie verloren, klagt sie: gegen die Ignoranz eines Konzerns und gegen die Justiz. Jetzt muss sie ihre kleine Wohnung, die vom Schimmel zerfressen ist, verlassen: „In vier Wochen bin ich obdachlos.“

Die Geschichte von Eva-Maria Dregewsky ist eine ebenso tragische wie ganz persönliche. Und doch ist sie womöglich mehr – stellvertretend angesichts eines lukrativen Systems der Altenhilfe, in dem die Betroffenen meist nicht mehr klagen können oder wollen. Die heute 58-Jährige will aber nicht schweigen. „Was habe ich denn noch zu verlieren? Mein schlechter Ruf eilt mir eh voraus“, sagt sie.

Die Schäden im Gebäude an der Berliner Straße sind nicht zu übersehen.

Eva-Maria Dregewskys Glücksfall ist die Kommunalwahl 2011. Sie quält sich zur Stimmabgabe in den benachbarten Kindergarten, macht ihre Kreuze und fällt dann um. Per Krankenwagen geht es ins Diakonieklinikum, nach jahrelangen falsche Diagnosen wird sie endlich richtig behandelt. Sie hat ihren Magen verloren, ein Stück Wirbelsäule muss entfernt werden, sie ist Asthmatikerin. Doch sie wird geheilt, weil die Infektion mit „Krankenhauskeimen“, wie sie sagt, endlich gefunden und angegangen wird. Aber der Kampf um ihre Gesundheit, um ein lebenswertes Leben, geht damit erst richtig los.

Anders als viele Nachbarn, wie sie sagt, erhebt sie ihre Stimme, weil die Zustände in den MCH-Appartements unerträglich sind. 480 Euro Miete zahlt sie für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung im Obergeschoss, 52 Quadratmeter „Betreutes Wohnen“, von dem sie nie etwas gemerkt habe: „Hier muss jeder Handschlag extra bezahlt werden.“ Wenigstens habe ihr der Hausmeister ein Telefon ans Bett gestellt. Dregewsky wehrt sich gegen den damaligen Inhaber, die Matthias-Claudius-Altenhilfe (MCA), weil Nebenkosten-Abrechnungen zu hoch ausfielen, der Wasserverbrauch des benachbarten Altenheims sei mit umgeschlagen worden.

Und dann der Schimmel. Die Gebäude aus dem Jahr 1977 sind marode. Immer wieder gibt es feuchte Stellen, das Flachdach ist undicht. Ausgebessert wird selten. Und wenn, dann sagen die Dachdecker zu Dregewsky: „Die Ebene ist seit Jahren nicht bewohnbar.“ Eva-Maria Dregewsky kontaktiert den Mieterbund, wehrt sich zunächst gegen Erhöhungen, setzt später wegen der baulichen Mängel eine Mietminderung fest: bis zu 25 Prozent. Es kommt zum Prozess.

Eigentümer verspricht Sanierung

Klaus Rademacher kennt das Thema. Und er verspricht Abhilfe. Im Oktober hatte die MCA nach jahrelanger wirtschaftlicher Schieflage trotz guter Auslastung Insolvenz angemeldet. Im März hat die Bremer Unternehmensgruppe Convivo in Rotenburg das Matthias-Claudius-Heim, das Haus Hemphöfen sowie das Beekehaus in Scheeßel übernommen. Rademacher ist Regionalleiter des neuen Betreibers, und er sagt, dass noch in diesem Jahr mehr als 400.000 Euro investiert werden, um unter anderem die Flachdächer der Häuser am Berliner Ring zu sanieren. 

Den Schaden in der Wohnung von Eva-Maria Dregewsky kenne er, es sei der einzige dieser Art in den 14 Appartements im Gebäude, und der werde behoben. Wenn sie ausgezogen ist. „Ich kann nicht verstehen, warum vorher nichts passiert ist“, sagt er.

Denn, dass etwas faul war und ist, kann niemand übersehen. Im November 2012 und Dezember 2013 bestätigt das auch das Rotenburger Gesundheitsamt schriftlich. Eine Mitarbeiterin schaut sich zwei Mal auf Bitte von Dregewsky gemeinsam mit der damaligen MCA-Leitung die Wohnung an. Eingreifen kann der Landkreis nicht: „Die Mietpartei wurde darüber aufgeklärt, dass das Gesundheitsamt bei privatrechtlichen Mietverhältnissen keine Zuständigkeit habe“, sagt Kreissprecher Gerd Hachmöller. 

Aber es seien als Hilfestellung Hinweise für ein richtiges Lüftungs- und Heizverhalten gegeben worden. Dass man überhaupt vor Ort gewesen sei, wäre ein Zeichen „bürgerfreundlicher Unterstützung“ gewesen. Die hilft Eva-Maria Dregewsky aber nicht weiter. Weil die Schimmelflecken immer größer werden, muss sie ihr Schlafzimmer räumen: unbewohnbar. Sie sagt: „Wenn hier ein richtiger Gutachter kommen würde, müsste das Haus evakuiert werden.“

Weil sie, wie ihr der Mieterbund bestätigt habe, berechtigt die Miete kürzt, bringt die mittlerweile offiziell insolvente MCA eine Räumungsklage auf den Weg. Im Dezember kommt es zum Vergleich. Die in juristischen Fragen nicht bewanderte, ehemalige Heilerziehungspflegerin sei in diesen „hineingequatscht“ worden, wie sie sagt. Ein fataler Fehler: Ende September, so die Einigung, muss sie die Wohnung verlassen.

„Wir müssen uns an das geltende Gesetz halten und können das Urteil nicht übergehen“, sagt Regionalleiter Rademacher. Nachdem er die Zustände das erste Mal gesehen habe, sei die Mietminderung sofort anerkannt worden. Auch werde Convivo nicht auf den sofortigen Auszug bestehen, sollte Dregewsky keine Alternative finden: „Wir werden uns nicht über zwei oder drei Monate streiten“, verspricht er.

„Sie spekulieren darauf, dass die Menschen sterben, bevor sie sich wehren.“ Es klingt verbittert, wenn Eva-Maria Dregewsky über die Zustände in Altenwohnungen spricht. „Es gibt eine Lücke im deutschen Sozialwesen: Kranke Erwachsene haben keinen Platz“, sagt sie. Zutiefst bereue sie es heute, damals aus Ottersberg kommend nicht in eine Wohnung der Rotenburger Werke gezogen zu sein, was ihr auch angeboten wurde. Zu groß seien die Vorbehalte gewesen. Und jetzt? „Ich habe Angst, irgendwo neu anzufangen.“

Auch wenn die Zustände in der Wohnung untragbar seien, medizinisch fühlte sie sich in Rotenburg bestens betreut. Aber sie müsse raus, auch aus der Stadt: „Ich habe hier keine Zukunft. Und wenn ich hier weg muss, dann ganz weit.“ An die Nordseeküste wolle sie, die Wohnungssuche mit ihrem Anwalt gestalte sich schwierig. Zu viel haben sie über die Jahre kämpfen müssen, jetzt klingt es resigniert: „Ich weiß nicht, wie es weiter geht.“

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