Besuch beim „Betreuten Wohnen“: Auf Angst folgt Freude

Zu jung fürs Altersheim?

Mehr als 100 Senioren-Wohnungen: Fliedner- und Lienhophaus am Diakonissen-Mutterhaus in Rotenburg. - Foto: Schwekendiek

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. „Bloß nicht ins Altersheim!“ Statistisch gesehen, wollen drei Viertel der Deutschen auch im Alter zuhause bleiben und zuhause sterben. Ganze zwei Prozent können sich vorstellen, dass ihr Leben mal in einem Pflegeheim endet. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Die meisten sterben im Krankenhaus, etwa ein Drittel im Pflegeheim. Eine schreckliche Vorstellung? Längst haben die Betreiber reagiert: das klassische „Altersheim“ gibt es kaum noch. Es gibt „Pflegeheime“ und vielfältige Formen eines „Betreuten Wohnens“ – auch in unserer Region. Doch auch dort scheint die Hemmschwelle hoch zu sein. Wir haben nachgefragt.

Die Seniorenwohnungen am Rotenburger Diakonissen-Mutterhaus sind vor über 30 Jahren gebaut worden. In vielem entsprechen sie noch immer dem heutigen Standard: Wohnzimmer, Schlafzimmer, getrennte Küche, Bad sowie überwiegend ein Balkon. 40 bis 60 Quadratmeter, die allemal genug Platz bieten für eine Person; aber es gibt auch größere für zwei Personen. Bei der Fertigstellung des Baus hatten die Verantwortlichen festgelegt, dass bei Einzug niemand über 75 Jahre alt sein dürfe und ein absolut selbständiges Leben führen können muss. Längst vorbei! Die unter 75-jährigen sind heute unter den mehr als einhundert Bewohnern die Minderheit.

Die stadtnahe „Wohnanlage Hemphöfen“ gibt es seit gut 15 Jahren. Der Andrang der Generation „U-75“ hält sich auch hier in Grenzen. Zuständig für die Betreuung der 47 Wohnungen und Ansprechpartnerin der Bewohnerinnen und Bewohner (weit mehr Frauen als Männer sind hier zuhause) ist Susanne Schenck-Nekarda, ausgebildete Diakonin. Sie sieht ihre Aufgabe darin „die Menschen im Blick zu behalten“. Es gibt auch etliche gemeinsame Veranstaltungen, aber niemand ist verpflichtet, daran teilzunehmen. „Wer will, kann allein sein“, betont sie, aber schnell merke man, dass eine Hausgemeinschaft viel für sich hat – „manchmal auch aufeinander aufzupassen“.

Susanne Schenck-Nekarda, Leiterin des Betreuten Wohnens Hemphöfen.

Renate Thoden (75) wohnt seit drei Jahren dort. Sie hat eine schicke, helle Zweizimmerwohnung mit Küche, großem Bad und Balkon. Sie lebte vorher am Berliner Ring und wollte „näher zur Stadt“. Als sie hörte, dass die damals in der Zeitung annoncierte Wohnung „seniorengerecht“ sei und zur „Wohnanlage Hemphöfen“ gehöre, wollte sie gleich wieder absagen. „Altersheim – das brauch‘ ich noch nicht“, sagte sie sich. Sie hat sich die Wohnung trotzdem angesehen, war begeistert und ist gleich eingezogen. „Andere staunen immer noch und fragen: Was willst Du denn im Altersheim?“, erzählt sie. „Dabei hat das gar nichts damit zu tun.“

Auch Annagret Eitzmann (70) hat sich vor fünf Jahren entschlossen, ins „Betreute Wohnen“ zu wechseln. Seitdem wohnt sie im „Lienhop-haus“ am Rotenburger Diakonissen-Mutterhaus. „Ich habe mir damals gesagt: Geh’ rechtzeitig, bevor andere über dich entscheiden.“ Sie fügt hinzu: „Ich habe das noch nicht einen Tag bereut.“ Beim Diakonissen-Mutterhaus ist das Pflege- und Betreuungsangebot etwas umfassender als in den anderen Rotenburger Wohnanlagen für „Betreutes Wohnen“. Hier kann man zum Beispiel auch übergangsweise bei Krankheit versorgt werden. Die Leitung hat folglich mit Barbara Kölking eine erfahrene Krankenschwester. Trotzdem liegt auch hier die Betonung auf der Selbständigkeit der Menschen. Und: „Gemeinschaft kann – muss aber nicht.“

Auch hier das gleiche Phänomen, wie nahezu überall: „Viele unserer Bewohner sind eigentlich zu spät zu uns gekommen“, so Kölking. Dabei ist Rotenburg im Übrigen ein vergleichsweise preiswertes Pflaster, was das „Betreute Wohnen“ angeht: In Großstädten oder auch so genannten „Premium-Einrichtungen“ wie dem bundesweit arbeitenden „Augustinum“, kann man schon mal über 2 000 Euro monatlich für eine Einzimmer-Wohnung auf den Tisch legen. Hierzulande gibt es eine 50 Quadratmeter große Wohnung mit zwei Zimmern, Küche, Bad und inklusive Betreuungspauschale sowie Nebenkosten schon ab 600 Euro.

Warum tun sich viele Menschen so schwer damit? Schenck-Nekarda vermutet, dass sich die Einschätzung von Alter allgemein verschoben habe. 75-Jährige seien heute anders als noch vor 30 Jahren. Viele hätten auch Angst vor dem Umzug, „Angst, sich zu trennen: von der gewohnten Umgebung, von Möbeln, von Nachbarn.“ Wenn sie erst mal in der neuen altersgerechten Wohnung sind, „genießen sie den Freiraum, den eine überschaubare Wohnung bringt. Da wird vieles entspannter“. Und nicht zuletzt: fast alles ist schnell zu erreichen: Ärzte, Geschäfte, Apotheken, Restaurants. Und, da waren sich alle Interviewpartnerinnen einig: „ Je jünger man ist, desto mehr hat man eigentlich davon.“

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