André Mendritzki verabschiedet sich

Flomarkt im Domshof: Und Jane Birkin haucht „Je t’aime“

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André Mendritzki rührt die Werbetrommel für den Ausverkauf in seinem Haus.

Rotenburg - Von Manfred Klein. Vor dem Eingang zur Stadtkirche hin steht schräg auf den Granitstufen ein hellbrauner Koffer mit aufgeklebtem Zettel – „geöffnet“. Erwacht die Schankwirtschaft „Andre’s Domshof“ in Rotenburg an der Ecke Goethestraße/Am Kirchhof zu neuem Leben? Zum letzten Mal hatte Gastwirt André Mendritzki seine Lokalität am 25. September 2015 geöffnet. Riesenrummel in der Gaststube. André gab – nach 35 Jahren Wirtsleben – die Traditionswirtschaft auf. Geöffnet ist das Haus heute für einen, ja: Flohmarkt. André Mendritzki (59) löst seinen Hausstand im Domshof auf. Ein Besuch bei einem alten Bekannten.

Der Zettel mit der Aufschrift „geöffnet“ weist den Weg zum Flohmarkt in der Gaststube des Domshofs.

„Es gibt hier nichts, was nicht auf Interesse stößt“, sagt der Gastwirt im Vorruhestand und schmunzelt. Er öffnet ein Fenster, setzt sich leger auf den Hocker am Tresen, holt eine Zigarette aus der blau-weißen Gitanes-Schachtel und zündet sie an. Mendritzki raucht schon immer Gitanes, seit ich ihn kenne. Und das sind jetzt auch schon 35 Jahre. Als ich nach Rotenburg kam, war das just zu der Zeit, als André Mendritzki im Sommer 1980 den Domshof von seinem Vater Oskar selig übernommen hatte.

Auf dem Tresen vor André liegt ein Holztableau, in das Musikkassetten eingepflegt sind. „Musikkassetten, ,gehen’ die überhaupt noch?“ André springt vom Barhocker. „Was denkst Du denn?“ Die Musik im Domshof wird seit jeher von einem Kassettenrekorder gespeist. Kurz darauf dringt aus den Lautsprechern „Bonny and Clyde“ an mein Ohr. Das ist von Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot, daran kann ich mich noch erinnern. 

Eine wahre Fundgrube

Bevor Jane Birkin mit Serge Gainsbourg das nicht minder altberühmte „Je t’aime“ durch den Domshof haucht und stöhnt, schaue ich mir den Flohmarkt in der Gaststube genauer an. Neben Wein- und Aperitif-Gläsern, Bierhumpen, Zucker- und Salzstreuern, einem Cocktailschwenker und Schellackplatten entdecke ich viele Bücher auf rustikalen Tischen und unzählige Bilder an den Wänden. 

An eine Wand sind schüchtern ein paar Orgelpfeifen aus Zinn oder Zink gelehnt. Oma- und Opa-Konterfeis zieren zwei bunte Spardosen. Wenn ich den „Opa“ schüttele, klappert es sogar verdächtig. Vielleicht sind darin ein paar Deutsche Mark oder Groschen vergessen worden? Neben der Spiegelkommode macht ein handgearbeitetes Nähkästchen auf drei Beinen auf sich aufmerksam. Ein Schmuckdöschen aus Pappe gefällt sich mit aufdrapierten Röschen.

Zum Ausverkauf gehört auch das schmiedeeiserne Geländer, das der Wirt vor langer Zeit vom Balkon abmontiert und im Restaurant eingebaut hatte. 

Nicht wenige Accessoires des Flohmarktes haben französisches Flair. Das kommt nicht von ungefähr. André Mendritzki hat seit jeher ein Faible fürs Französische, für das Frankophile. Der deutsch-französische Freundschaftsverein – „der vielleicht einzige Verein in Rotenburg mit Zulauf“, wie André anmerkt – war im Domshof mit Treffen, Essen und Versammlungen zu Hause. Und Rotenburg selbst, weiß Mendritzki, hatte in der Vergangenheit einen intensiven geschichtlichen Bezug zu Frankreich, wenn auch nicht in der angenehmsten Art. 

Der Wirt im Unruhestand holt eine alte Zeitung aus einer Schublade hervor. Interessant! Der frühere Stadtarchivar Helmut Wattenberg schrieb auf einer „Heimatseite“ für die Rotenburger Kreiszeitung am 7. Januar 1983 einen pompösen Artikel über die Geschichte des Domshofs. Danach reicht die Geschichte des Grundstücks bis 1755 zurück.

André Mendritzki ist danach der 17. Besitzer der Immobilie in einer 261-jährigen Ära des Platzes gegenüber der Stadtkirche. Zu den Franzosen schrieb Wattenberg unter anderem „Von 1807 bis 1810 mußten die armen Rotenburger Bürger 87.813 französische Soldaten und 4 841 französische Offiziere beherbergen und auch noch verpflegen, und das bei einer Einwohnerzahl von nur 1100 Bürgern.“ Bei der Lektüre werde ich von einer hübschen blonden Frau unterbrochen. 

Kleine Sachen kosten zwei Euro

Sie hat unter all dem Krimskrams und den Preziosen eine Glasschale entdeckt. „Und was soll die kosten?“, fragt Gabriele. André: „Zwei Euro.“ Kleinartikel kosten generell zwei Euro, erklärt der Wirt. „Willst Du das nicht haben, Mani?“ André deutet auf eine Plastiktüte. „Und was ist das?“ „Das ist ein ganzes Paket von selbstklebenden Etiketten, die sind noch von Oskar.“ Ich schnapp’ mir die Tüte und lege artig ein Zwei-Euro-Stück neben Andrés Gitanes-Schachtel. Ob ich die Etiketten je brauche, weiß ich nicht. Aber irgendetwas habe ich jetzt doch aus dem historischen Domshof in der Hand.

Andrés Flohmarkt ist „bis Weihnachten hin“, wie André Mendritzki verspricht, werktäglich von 11 bis 12.30 Uhr für jedermann geöffnet.


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