Schlachtermeister Erhard Hildebrandt schließt seinen Laden

„Ich steige um auf Gemüse“

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Am Montag um 12.30 Uhr war endgültig alles vorbei. Die Mitarbeiterinnen Petra Rosenberg (v.l.), Karin Diehn und Silke Kalkbrenner verlassen das Geschäft. Schlachtermeister Erhard Hildebrandt hat den Schlüssel bereits in der Hand und verschießt die Tür.

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Silke Kalkbrenner ist am Montag mit gemischten Gefühlen aufgestanden: Sie ist seit 20 Jahren als Fachverkäuferin in der Schlachterei von Erhard Hildebrandt beschäftigt und hat diese Arbeit immer geliebt. Auf der Fahrt zum Laden an der Harburger Straße in Rotenburg rollen ihr Tränen die Wangen hinunter. Zu sehr hat sie ihren Job bei „Erhard“ geliebt. Nun ist Feierabend – ihr letzter Arbeitstag. Um 12.30 Uhr wird der Chef für immer die Ladentür abschließen. Es gibt keinen Nachfolger. Rotenburg ist Montag endgültig um eine namhafte Schlachterei ärmer geworden.

Gemeinsam mit Karin Diehn füllt Silke Kalkbrenner den Fleisch- und Wursttresen mit dem auf, was vom Verkauf am Samstag übrig geblieben ist, während ihr Chef unterwegs ist, um eine letze Großbestellung auszuliefern. Trotz der kargen Auslage ist bereits viel los in der Schlachterei. Die Stammkunden geben sich die Klinke in die Hand. Nicht nur, um einzukaufen. Nein, die meisten wollen sich persönlich von allen verabschieden und bringen als Dankeschön für die jahrelange gute Bedienung kleine Geschenke mit.

Karin Diehn verkauft die letzten 120 Gramm vom stadtbekannten „Jägermett“ an einen der Stammkunden.

Auch der Chef steht etwas später im Laden und schüttelt zum Abschied unzählige Hände. „Wo kaufst Du denn nun Dein Fleisch und die Wurst ein?“, fragt ein Stammgast. „Ich steige erst einmal um auf Gemüse“, sagt Hildebrandt mit einem Augenzwinkern. Für ihn ist mit dem Abschließen der Ladentür noch nicht ganz Schluss. „Ich habe noch viel zu tun hier.“ Die Abwicklung der Geschäftsaufgabe werde ihn noch einige Wochen beschäftigen. Die Maschinen müssen verkauft und die Buchführung zu Ende geführt werden. Offene Rechnungen seien noch zu begleichen, und zudem warte noch das Finanzamt. „Wir haben 60 Jahre lang gut gelebt von dem Laden hier. Dafür hat die Familie aber auch hart gearbeitet. Ich habe gefühlte 80 Jahre gearbeitet“, sagt Hildebrand zu einem Stammkunden. Der Strom der langjährigen Kunden will nicht abreißen. Die Abschiedsgeschenke häufen sich bereits im hinteren Bereich des Schlachterladens. „Merci“-Schokolade und Sekt sind die Renner.

„Es ist unglaublich, was sich hier heute abspielt und bereits am Samstag abgespielt hat“, sagt Karin Diehn und kämpft mit den Tränen. So viel Sympathiebekundungen habe keiner der Mitarbeiter erwartet. Gerade betritt Hans Stein den Laden. „Überlege Dir das noch einmal, mein Sohn“, ruft der 90-Jährige beim Hereinkommen dem Chef zu und bestellt sein Lieblingsmett. Er hat Glück, denn die letzten 120 Gramm Jägermett kann er sich gerade noch sichern. „Ich habe schon beim Vater die leckere Wurst hier gekauft“, sagt Stein und schwärmt von der guten Qualität der Fleisch- und Wurstwaren über Jahrzehnte hin. Das sei ja nun leider vorbei.

„Viele Leute haben gebunkert. Manche Leute haben nahezu hundert Pinkel- und Kochwürste auf einen Schlag gekauft“, begründet Hildebrandt die magere Auslage am letzten Tag. Bereits eine Stunde vor der offiziellen Schließung ist der Tresen leer. „So, wie das heute hier abgelaufen ist, habe ich mir den letzten Arbeitstag gewünscht“, sagt Hildebrandt und verabschiedet sich von seinen Mitarbeiterinnen – und schließt die Tür.

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