Theater Metronom feiert Premiere mit „Meeresrauschen“ zur Flüchtlingsproblematik

Harter Tobak mit ein paar Auflockerungen

Die Gier derer, die an den schmutzigen Flüchtlingstransporten verdienen, kennt keine Grenzen. - Foto: Heyne

Hütthof - „Harter Tobak“ – so lautete die erste Reaktion etlicher Zuschauer, die am Wochenende das Stück „Meeresrauschen“ im Theater Metronom erlebten. Das Thema: Flüchtlinge, allerdings aus einer speziellen Perspektive. Nämlich derer, die daran verdienen.

Die vier Protagonisten, von der verlebten Barfrau (Karin Schroeder), in deren Spelunke Flüchtlinge versteckt und das große Geschäft ihres Transports abgewickelt werden, über den gewissenlosen Kopf eines mafiös organisierten Schlepperrings (beklemmend intensiv: Erwing Rau) bis zum einstmals ehrbaren Kapitän (Thorsten Neelmeyer), lassen in ihren Rückblenden und Erzählungen ein facettenreiches Bild der Profiteure entstehen. Und: sie polarisieren. Besonders da, wo Einlagen die Erzählstruktur aufbrechen, wird die Perfidität des Geschäfts mit der „Ware Mensch“ offenbart. Etwa, wenn im gesungenen Vaterunser gebetet wird: „Und erlös' uns von unseren Skrupeln.“ Die sind für Schlepper Georgi allerdings ebenso ein Fremdbegriff wie Sühne oder Reue. Und so lautet sein auf Edith Piafs „Je ne regrette rien“ umgedichtetes musikalisches Fazit denn auch „Ich bereue nicht, was ich tausendfach anderen angetan.“ Schwer zu ertragen, diese auf die Spitze getriebene Gefühlskälte des ehemaligen Straßenkindes, das sich schon früh behaupten musste, um satt zu werden.

Anders ist es bei „Moses“, dem „Fährmann der Unterwelt“. Er versucht, seine Taten zu rechtfertigen, auch vor sich; ist gleichzeitig Täter wie Opfer, ähnlich wie die Wirtin mit ihrer verkrachten Vita und drei Kindern von unterschiedlichen Vätern. Wenn in ihrem Lebensrückblick der Kapitän die beste Freundin mimt, ist das ebenso komisch wie der Tango mit dem Oberschlepper, der zum Machtkampf ausartet. So schaffen es die erfahrenen Schauspieler, die das Stück in rund einjähriger Probenarbeit selbst entwickelt haben, den Ernst der Thematik durch Situationskomik aufzufangen – auch wenn das Lachen manchmal in der Kehle steckenbleiben will. Etwa beim beim perfiden „Flüchtlingsroutenquartett“ um die Überfahrt. Hier ist Pepe, der Musiker (Jannis Kaffka), nicht zufällig das Opfer: Wenn er alles auf eine Karte setzt und verliert, während sich die anderen auf der Bühne mit Geld um sich werfen, ist das ein Bild, das sich eingräbt.

Er soll sich auch im wahren Leben als Verlierer erweisen: Seine zuvor in beklemmenden Szenen geschilderte Flucht endet mit dem Untergang des Bootes; für alle anderen geht das Leben weiter, ein neuer Pepe (dessen Begleitung an den Tasten dem Stück zusätzliche Dichte verleiht), sitzt am Klavier.

Am Ende der eineinhalb Stunden geballter Gegenwartsaufarbeitung (basiert das Stück doch auf Originalzitaten und Berichten) stehen Ratlosigkeit und ein großes Fragezeichen. Dazu Regisseur Gero Vierhuff: „Wir haben keine Lösungen parat. Politisches Theater will Denkanstöße geben.“ Das ist an diesem Abend gelungen. 

hey

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