Interview mit Martin Busch

„Die Grundaggressivität nimmt zu“

Martin Busch liest im Landhaus Wachtelhof. - Foto: Ahnert

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Eine gleichermaßen kritische wie kurzweilige Gegenwarts-Diagnose hat der Journalist Martin Busch mit seinem Buch „Deutschland, Deutschland ohne alles“ im März dieses Jahres vorgelegt. Der promovierte Soziologe und Radio-Bremen-Moderator veranschaulicht darin, warum das Glas in unserer Gesellschaft halb leer ist. Selbstverwirklichung auf der einen Seite, Ausbeutung auf der anderen. Freitagabend liest der 43-Jährige im Rotenburger Landhaus Wachtelhof (18 Uhr). Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

Herr Busch, sind Sie ein Pessimist?

Martin Busch: Pessimist würde ich nicht sagen, denn ich versuche die Realität so zu beschreiben, wie ich sie vorfinde. Durch meine Arbeit beim Rundfunk bin ich mit mehr Informationen konfrontiert, als der durchschnittliche Bürger. Daher glaube ich, dass ich einen guten Überblick über das habe, was im Land passiert. Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre halte ich für alarmierend und deshalb habe ich die unangenehmen Tendenzen, die mir aufgefallen sind, in diesem Buch zusammengefasst. Dazu muss ich sagen, dass diese Sensibilität durch meine Rolle als Vater noch zugenommen hat.

Ist der Mensch ein soziales Einzeltier?

Busch: Im Gegenteil. Er braucht eigentlich die Gemeinschaft, aber wir merken derzeit, dass es im Umgang miteinander konkreter Regeln bedarf. Viele Familien fallen auseinander, Kinder bekommen keine richtige Orientierung und auch Lehrer sind nicht mehr die Autoritäten, die sie früher einmal waren. Dazu kommen jetzt viele Menschen aus allen Kulturen der Welt zu uns. Das unter einen Hut zu bringen ist eine Wahnsinnsaufgabe.

Ist denn der Mensch heute egoistischer als früher?

Busch: Ich weiß es nicht. Früher haben die Menschen in Stämmen gelebt. Jeder hatte seine Aufgabe und es war klar, wer zusammenhält und wer „die Anderen“ sind. Heutzutage ist es sehr chaotisch. Und dadurch, dass jeder mit dem Smartphone die ganze Welt in der Hosentasche mit sich trägt, denkt auch jeder dass er Zugriff auf die komplette Wahrheit und deshalb in allen Belangen Recht hat. Es gibt einfach zu wenig Autoritäten, die grundsätzlich anerkannt sind. Ich bin allerdings der Meinung, dass Religion oder Religionsführer dafür keine geeigneten Institutionen und Personen sind. Und ich bin froh, dass wir die Epoche der Aufklärung hinter uns haben.

Lassen Sie mich kurz in die Phrasenkiste greifen: War früher alles besser?

Busch: Nein, es war früher nicht alles besser, aber es war eben auch nicht alles schlechter. Der soziale Zusammenhalt und die soziale Gerechtigkeit waren zwischen 1945 und 1975 größer als jetzt – das sagen eigentlich alle, die sich mit dem Thema wissenschaftlich auseinandersetzen. Da spielt unsere neoliberale Wirtschaftspolitik mit rein: Die Menschen haben oft befristete Jobs und wir haben in Deutschland den größten Niedriglohnsektor in ganz Europa. Diese Unsicherheiten sorgen vielleicht auch dafür, dass die Menschen etwas egoistischer sind und gucken, wo sie selbst bleiben.

Was ist denn Ihrer Meinung nach heutzutage die oberste Priorität eines Einzelnen?

Busch: Die oberste Priorität ist, dankbar zu sein, dass man mit dem Zeitpunkt und dem Ort an dem man lebt, Glück hat. Dass sollte man zu schätzen wissen, auch an die anderen in der Gesellschaft denken und ein bisschen respektvoller miteinander umgehen. Ich bin der Meinung, dass im Moment eine Grundaggressivität zunimmt. Das bekommen auch Polizisten, Feuerwehrleute oder Sanitäter mit, die oft in ihren Einsätzen gestört und angepöbelt werden. Das sind Grundsätzlichkeiten, die man ganz schnell wieder abstellen müsste. Dafür bräuchten wir vielleicht auch einen stärkeren Staat, damit sich die Leute wieder benehmen.

Und welche Priorität hat der Einzelne nun tatsächlich?

Busch: Ich glaube, dass es in erste Linie darum geht, ein Dach über den Kopf, genügend zu essen zu haben und sich zu zerstreuen – ganz platt formuliert. Und das mit Hilfe der digitalen Medien oder flüchtiger Bekanntschaften. Die Menschen leben zunehmend in Single-Haushalten, sie sind nicht mehr bereit, sich selbst zurückzunehmen und sich auf andere einzulassen, um gemeinsam unter einem Dach zu leben. Geschweige denn, um Kinder in die Welt zu setzen.

Sind das die falschen Prioritäten?

Busch: Jeder kann das natürlich für sich entscheiden. Aber über kurz oder lang ist das halt das Ende der Gesellschaft. Wenn sich jeder nur um sich selbst kümmert, und das vielleicht auch mit verstärktem Ellbogeneinsatz, dann ist auch die Anarchie nicht weit.

Musikalische Lesung im Wachtelhof

Wenn Martin Busch am Freitag ab 18 Uhr im Wachtelhof aus seinem Buch „Deutschland, Deutschland ohne alles“ vorliest, ist er nicht allein. Mit dabei ist der Pianist Bernhard Schüler – Kopf der Jazz-Formation „Triosence“, die international für Furore sorge, kündigt der Wachtelhof an. Schüler kommt aus Kassel, hat in Köln studiert und lebt mittlerweile in Bremen. Er glaubt, dass in einfachen und klaren Dingen mehr Stärke liegt als in komplexen und komplizierten. Diese Überzeugung spiegele sich in seinen Kompositionen wider. Mehr Informationen und Tickets gibt es beim Wachtelhof telefonisch unter der Rufnummer 0 42 61 / 85 30 oder online auf www.wachtelhof.de. Der Eintritt für die Lesung kostet 20 Euro.

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