Grammatikalische Spurensuche: Von Ahausern, Sittensern und Waffensenern

„Das ist ja auch kurz und direkt, wie die Menschen“

Man fährt nach Bötersen, soweit klar. Doch wenn man dann dort wohnt, wer ist man: Böterser oder Bötersener?
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Man fährt nach Bötersen, soweit klar. Doch wenn man dann dort wohnt, wer ist man: Böterser oder Bötersener?

Von Ulla Heyne und Michael Krüger. Der Zugezogene disqualifiziert sich bei den Einheimischen mitunter schnell über die Sprache. Er begrüßt „Badenser“, wenn er sich nach Freiburg verirrt, spricht fälschlicherweise mit Umlauten „ü“ und „ö“ in Syke und Coesfeld, und wenn der Fremde im Landkreis Rotenburg landet, weiß er oft nicht genau, auf wen er trifft: Böterser oder Bötersener? Sittenser oder Sittensener?

Dabei ist die Wissenslücke kein Grund, sich zu schämen. Denn selbst den „Eingeborenen“ fällt es schwer, zu unterscheiden oder sogar zu erklären, wieso das nun so ist. Die grammatikalische Spurensuche beginnt im Lehrerzimmer der Eichenschule in Scheeßel.

Uwe Deutschmann muss es doch wissen. Der Name verpflichtet, natürlich ist er Deutschlehrer: „Heeslingen – der Heeslinger, Selsingen – der Selsinger.“ Die ersten Antworten auf die Frage nach den Einwohnerbezeichnungen der jeweiligen Orte kommen wie aus der Pistole geschossen. Bei Sittensen kommt der Sprachexperte ins Schwimmen, beim Ahauser ist sich der Zugezogene wieder sicher: „Das hab ich schon mal irgendwo gehört!“ Bei Hamersen entbrennt im Lehrerzimmer eine heftige Diskussion. „Es heißt Hamerser“, ist sich Kollege John Cramer sicher. Gisela Heyber, ebenfalls Deutsch-Fachkraft, versucht, der „verkürzten Flexionsendung“, wie es im Linguistenjargon vermutlich heißt, logisch beizukommen: „Grundsätzlich ein ‚-er‘ dranhängen! Bloß: Wann werden die Stammbuchstaben gekürzt?“ Sie ist wie auch Deutschmann überzeugt: „Eine Regel gibt es da wohl nicht, das muss historisch gewachsen sein.“

Dem stimmt Stefan Tiemann zu. Er ist Samtgemeindebürgermeister, und zwar: der Sittenser. Er weiß zu berichten, dass in der von der Regierung in Stade attestierten „Charte von den Feldmarken und der im Amt Zeven belegenen Dörfer Gross Sittensen, Lengenbostel, Freetz und Ramshausen nebst der Ramme Wiesen aufgemesßen 1842 und 1843 betrief Verkoppelung und Gemeinheitsteilung“ (Verkoppelungskarte) die Flurstücke, die Flurbezeichnungen und die künftigen Eigentumsverhältnisse an öffentlichen Flächen zum Abschluss der preußischen Reformen festgelegt worden waren. Und da tauchten dann eben „Sittenser Feldmark“ und „Hamerser Gemeinheit“ auf. Die amtliche Regelung von damals widersetzt sich aber der Logik – um das Sprachrätsel zu befeuern. Denn tatsächlich gibt es die laut Tiemann „besonders schöne Unterscheidung“ von „Gross Meckelser Gemeinheit“ und der „Klein Meckelsener Gemeinheit“ – es gibt also die Groß Meckelser und die Klein Meckelsener.

Da muss der Historiker aufklären. Doch bei Waffensen und Hamersen kommt auch Karsten Müller-Scheeßel ins Grübeln: „Hamersener? Bei einigen Begriffen versagt das Sprachgefühl.“ Woher die Unterschiede in der Bildung des Possessivkonstrukts stammen, kann sich der Scheeßeler Gemeindearchivar allerdings auch nicht so recht erklären: „Ich kann mir vorstellen, dass sich das irgendwie im Laufe der Zeit eingeschliffen hat.“

Die Zeit bemüht auch Waffensens Ortsbürgermeister Hartmut Leefers, um eine Antwort zu finden. Sein Dorf, holt er weit aus, trage im Plattdeutschen die Bezeichnung „Waschen“ – weil es einst an der Wümme in mittelalterlicher Zeit einen Ort gegeben hat, wo das Vieh am Vorabend des Marktes in Rotenburg noch einmal gewaschen wurde. Der Plural von „Waschen“ sei up platt „Waschker“, und übersetzt ins Hochdeutsche sei dann eben die Kurzform Waffenser entstanden. So wie „Auser“ zu Ahauser und „Boitzer“ zu Böterser. Da man nun aber auch in Waffensen irgendwann in gepflegtes Hochdeutsch gewechselt sei, habe sich der lange Plural etabliert: Waffensener. Leefers: „In der Umgangssprache ist beides richtig.“

Leicht korrigierend wirft Bötersenes Bürgermeister Hermann Holsten ein, dass der Bötersener in der Plattdeutschen Sprache der „Boitzter“ sei. Die richtige Bezeichnung auf Hochdeutsch sei dann aber „Bötersener“. Auf die Intuition verlässt sich der Kollege in Ahausen. Bürgermeister Claus Kock: „Ich verwende ‚Ahauser‘ und ‚Everser‘. Für mich zählt das Sprachgefühl und das, was ich hierzu beim Spracherwerb und später gelernt habe.“

Geschichte, Umgangssprache, dörfliche Strukturen – die Wortwahl scheint tief verwurzelt zu sein. Also fragen wir abschließend beim Experten für plattdeutsche Sprache nach: Hein Benjes. Doch auch der ehemalige Lehrer und niederdeutsche Autor muss erstmal passen. Nachdem er sich diverse Beispiele auf der Zunge hat zergehen lassen, dem Klang von „Sittenser“ und „Everser“ nachgehorcht hat, ist er sich sicher: „Willkürlich ist das nicht – vielmehr scheint sich jeweils derjenige Begriff durchgesetzt zu haben, der am meisten Spracheleganz verströmt und am besten über die Zunge geht.“ Und dabei seien durchaus Parallelen zum Plattdeutschen zu ziehen: „Auch da haben wir es ja mit vielen Verkürzungen zu tun: Das ist ja auch kurz und direkt, so wie die Menschen hier.“ Ob Benjes‘ Ad-hoc-Erklärungsversuch so stimmt? Belegen lässt sich das alles nicht. Seinem Fazit jedoch mag wohl niemand widersprechen: „Sprache ist ein flüssiges Gebilde, und die Logik funktioniert eben nicht immer!“

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