Geschafft? – „Bewältigt!“

Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) unterstreicht Bedeutung der Deutsch-Kurse für Flüchtlinge

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Auch das dient der Integration: Oula Ghadbouni-Hachem lehrt Arabisch an der VHS und hat großen Zulauf.

Rotenburg - Von Guido Menker. Vor gut einem Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel versichert: „Wir schaffen das!“ Von da an sind rund eine Million Flüchtlinge in Deutschland angekommen – die meisten über die Balkan-Route. Die ist inzwischen dicht, und der Strom flüchtender Menschen abgerissen. Doch auch wenn mittlerweile etwas Ruhe eingekehrt ist, weigert sich Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD), den Begriff „Geschafft“ in den Mund zu nehmen, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, ob Angela Merkel vor zwölf Monaten Recht hatte. Er drückt sich anders aus: „Es geht um eine Riesenherausforderung, und wir haben gezeigt, dieser gewachsen zu sein. Mit viel Arbeit und großer Unterstützung haben wir die Situation bewältigt.“ Doch eines scheint klar: Es gibt noch viel zu tun.

Der Kreisstadt sei es in den zurückliegenden Monaten gelungen, aus einer chaotischen Phase heraus zu einer strukturierten Bearbeitung der vielen Aufgaben zu kommen. „Das ist auch für uns beruhigend“, sagt Weber, aber damit sei natürlich nicht alles erledigt. Jetzt gehe es darum, die Integrationsbemühungen auf vielen Ebenen voranzutreiben.

Im September 2015 sind die ersten Busse mit 50er-Gruppen in Rotenburg angekommen. „Die Unterbringung hat gut funktioniert“, erinnert sich Birgit Gölitzer vom Rotenburger Amt für Jugend und Soziales. Doch wenn Weber von einem einst chaotischen Zustand spricht, zu dem es von August bis Dezember 2015 gekommen war, meint er vor allem die Unterbringung der Flüchtlinge. Die zahlreichen Wohnungen, die die Stadt angemietet hatte, reichten einfach nicht mehr aus. Der Bürgermeister: „Die Unterbringung und Betreuung vor Ort hatten oberste Priorität.“ Und das, obwohl schon längst überall die Frage im Raum stand, wie eine Integration der Zuwanderer gelingen kann. Weber sei von Beginn an klar gewesen: Die Frage kann erst in einer zweiten Stufe in Angriff genommen werden, und dabei muss aus seiner Sicht vor allem die Sprachvermittlung im Mittelpunkt stehen. „Und genau das braucht sehr viel Zeit, das wissen alle, die selbst einmal eine Fremdsprache gelernt haben.“ Wie groß aber zunächst allein die Aufgabe war, die Asylbewerber unterzubringen, macht Birgit Gölitzer deutlich: Im Laufe der vergangenen zwei Jahre haben rund 440 Menschen aus vielen verschiedenen Ländern die Kreisstadt erreicht. In dieser Zeit haben 101 Menschen Rotenburg wieder verlassen. „Das waren in erster Linie Flüchtlinge aus sogenannten sicheren Herkunftsländern, die ausreisen mussten“, erklärt Weber.

Es kommen kaum noch Flüchtlinge

Aber wo steht die Kreisstadt heute? Zunächst einmal kommen kaum noch Flüchtlinge an. Seit April waren es gerade einmal zehn Personen – also eine Zahl, die sogar unter der der Jahre vor dem großen Ansturm liegt. Dass sich die Situation rund um das Thema Unterbringung entspannt, zeigt sich in der sogenannten „Kalthalle“ auf dem ehemaligen Rathsmann-Grundstück. Diese war für mehrere 100 000 Euro so umgebaut worden, dass darin 100 Menschen leben können. Sie steht leer – noch nicht ein Platz darin ist bislang belegt worden. Rund 30 Menschen wohnen zurzeit in dem ehemaligen Verwaltungsgebäude auf diesem Gelände. Dank der Kooperation mit vielen Vermietern sowie mit dem Agaplesion Diakonieklinikum – es geht dabei um den Campus Unterstedt – habe es mit der Unterbringung insgesamt geklappt, lobt Weber.

Die hohe Zahl der Flüchtlinge an sich, aber auch die Frage, wo diese wohnen können, hat die Mitarbeiter im Amt für Jugend und Soziales über Monate hinweg mächtig in Atem gehalten. Inzwischen entspannt sich alles ein wenig – so langsam kann Zug um Zug an der zweiten Stufe, der Integration, gearbeitet werden. Dabei, so Weber, muss die Sprachvermittlung im Fokus stehen. Und auch dabei stünden mit der Volkshochschule, den Berufsbildenden Schulen, der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter gute Partner zur Verfügung.

Der Bürgermeister kann die Ungeduld hinsichtlich der Arbeitsaufnahme von Flüchtlingen verstehen, sagt aber auch: „Wir sollten es nicht überstürzen, um eben keinen Frust zu produzieren. Erst müssen die Menschen Deutsch lernen, dann können sie diesen Schritt machen.“ Er sei sich sicher, dass viele der Flüchtlinge mit der Hoffnung gekommen sind, alles würde viel schneller gehen. Bezogen auf den Asylantrag sei das ebenfalls zu spüren gewesen, berichtet Birgit Gölitzer. Es habe immer wieder Anfragen gegeben – doch erst jetzt, da die Anträge Stück für Stück abgearbeitet werden, sei von einer Beruhigung und von Hoffnung zu sprechen.

„Wir stehen in einem engen Austausch mit der Polizei“

Alles in allem spricht Weber von einem großen Netzwerk, das in Rotenburg zur Verfügung stehe und entsprechend eingesetzt werde. Zwei Dinge erwähnen er und Gölitzer ganz bewusst: Einerseits die gegenseitige Hilfe der Flüchtlinge untereinander, andererseits das Hausmeister-Ehepaar Amira und Khodr Omar in der städtischen Unterkunft Hemphöfen. Letztere seien eine Riesenhilfe gewesen – „ohne die beiden wären wir phasenweise wirklich auf dem Zahnfleisch gegangen“, so Gölitzer. Die beiden helfen nach wie vor, wo und wie sie nur können. Nicht zuletzt auch dann, wenn ein Übersetzer fehlt, denn sie stammen selbst aus dem Libanon – und haben sich in ihrer langen zeit in Rotenburg inzwischen beeindruckend gut integriert.

Andreas Weber lässt im Gespräch mit der Kreiszeitung jedoch auch einen weiteren Aspekt nicht außer acht, der im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage immer wieder aufkommt: die Sicherheit. Der Bürgermeister, vor seinem Amtsantritt im Rathaus mehr als 30 Jahre selbst Polizist: „Wir stehen in einem engen Austausch mit der Polizei. Auf die Frage, ob es Anhaltspunkte für neue Phänomene gibt, heißt es ganz eindeutig: Das sei nicht der Fall.“ Es sei aber darauf zu reagieren, dass die Flüchtlinge anders sozialisiert seien. Zum Teil seien die Menschen auch stark traumatisiert. Probleme zu pauschalisieren, verbiete sich. Weber: „Ich spüre von den Flüchtlingen vielfach herzliche Dankbarkeit.“

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