Hans Wilhelm Kaufmann im Interview

Rotenburger Gitarrenwochen: „Das Ganze hat Campcharakter“

Hans Wilhelm Kaufmann hat in Sachen Gitarrenwoche noch einiges vor. - Foto: Krüger

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Hans Wilhelm Kaufmann ist Leiter und Gründer der Rotenburger Gitarrenwoche. Die 35. Auflage dieses Festivals ist für die Woche vom 29. Juli bis 6. August 2017 festgesetzt worden. Wir sprachen mit Hans Wilhelm Kaufmann über das Programm und die Dozenten, den Geist der Gitarrenwoche sowie den Nachwuchs.

Herr Kaufmann, was ist das Besondere an der Rotenburger Gitarrenwoche?

Hans Wilhelm Kaufmann: Die Idee dahinter ist, dass viele Künstler aus aller Welt eine Woche wirklich zusammen sind: Sie arbeiten gemeinsam an ihrer Musik und ihren musikalischen Ideen. Oft ist es bei den Festivals so, dass viele Künstler eingeflogen werden, ein Konzert und vielleicht noch ein oder zwei Meisterkurse geben und dann wieder weg sind. 

Meine Idee war, die Künstler sollen die ganze Zeit da bleiben, ob sie etwas zu tun haben oder nicht; wir wohnen quasi zusammen. Das ist ein sehr ungewöhnliches Konzept. Im vergangenen Jahr sagte zum Beispiel unser Dozent József Eötvös, die Rotenburger Gitarrenwoche sei eine „Oase unter den Festivals“. Damit wollte er ausdrücken, dass wir Ruhe und Zeit haben, und dass es etwas ganz Einzigartiges ist.

Warum haben Sie sich damals ausgerechnet für Rotenburg entschieden?

Kaufmann: Das kam eigentlich eher aus einem Zufall heraus. Ich bin seit Anfang der 1980er Jahre in Bremen. Dort habe ich auch studiert und wollte unbedingt einen Gitarrenkurs gründen, weil auch meine musikalische Sozialisation durch Gitarrenkurse zustande gekommen war. Ich bin in Bad Bentheim im Emsland aufgewachsen. 

Dort gab es keine Gitarrenlehrer, sondern ich habe Gitarre nur durch Kurse gelernt. Diese Idee wollte ich weiterführen. Also habe ich mich in Bremen nach einem Haus in der Größenordnung von 30 bis 40 Personen umgeschaut, in dem man die Teilnehmer gut unterbringen kann. 

Nach intensiver Suche – Internet gab’s ja noch nicht – bin ich auf das Landheim Ahausen gestoßen. Weil Ahausen im Landkreis Rotenburg liegt und dieser Name ein bisschen mehr überregional ausstrahlt, haben wir uns entschlossen, das Ganze Rotenburger Gitarrenwoche zu nennen.

Gibt es so etwas wie einen Geist oder Spirit in Ahausen?

Kaufmann: Ja, das Landheim dort ist klein und abgelegen. Es liegt im Wald, und dort können wir ganz ungestört üben. Wir kochen dort für uns selbst. Das Ganze hat einen gewissen Campcharakter. Solch ein Haus findet man nicht in jedem Ort. 

Wir waren zwar schon zwei Mal in der Rotenburger Jugendherberge, was auch sehr gut funktionierte. Aber diese spezielle Atmosphäre findet man wirklich nur in Ahausen. Luis Manuel Molina, der 2017 ja wieder unser Gast sein wird, sagte schon beim ersten Mal: „What a magical place.“ (Was für ein magischer Ort, d.R.) Das ist so ein bisschen unser Motto geworden.

Kommen wir mal zu den Solisten im kommenden Jahr. Sie haben mit Pavel Steidl, Tatyana Ryzhkova und eben Luis Manuel Molina ja wieder ein illustre Runde zusammen bekommen. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Dozenten aus?

Kaufmann: Es gibt ein scharfes Kriterium: Mein Team beziehungsweise meine Stammdozenten und ich müssen die Künstler persönlich kennen. Dadurch haben wir schon einmal ein hohes Ausschlusskriterium. 

Ich erhalte nämlich sehr viele Anfragen, doch meistens muss ich antworten: „Tut mir Leid, aber wir haben nur zwei Konzerte, und wir sind verglichen mit anderen nur ein kleines Festival, daher können wir nur Künstler einladen, die wir schon kennen.“

Legen Sie Wert auf einen besonderen Stil? Es gibt ja solche und solche Gitarrenmusik...

Kaufmann: Im künstlerischen Sinne legen wir keinen besonderen Wert auf den Stil, weil es immer spannend ist, was der Künstler mitbringt. Diese Offenheit ist ein Wesensmerkmal von Kultur, darauf wollen wir natürlich nicht verzichten. Man kann sagen, wir sind konzentriert auf die klassische Konzertgitarre. Wobei auch da die Bandbreite ganz weit ist. Sowohl für die Teilnehmer als auch für die Künstler, denn auf der Konzertgitarre kann man auch sehr viel Popularmusik spielen: Fingerstyle, Akustikgitarre oder Folklore. Das beste Beispiel ist Tatyana Ryzhkova. Sie schreibt eigene Stücke und singt auch russische Volkslieder.

Sie holen sich die Künstler aus aller Welt. In diesem Jahr gibt es mit Pavel Steidl und Tatyana Ryzhkova ein Übergewicht in Richtung Osteuropa. Setzen Sie bestimmte Schwerpunkte?

Kaufmann: Ja, wir setzen Schwerpunkte; ich kann schon jetzt ankündigen, dass 2018 unter dem Motto „Frauen und Gitarre“ stehen wird. Dafür werde ich ausschließlich Gitarristinnen einladen. Sie leisten einen sehr wichtigen Beitrag zur Gitarrenkultur, der einmal gewürdigt werden sollte. Wir hatten schon viele Festivals nur mit Männern. 

Insofern ist es sicherlich eine gute Idee, sich auf die Frauen als Gastdozentinnen und Künstlerinnen zu konzentrieren. Manchmal habe ich auch eine programmatische Idee: Aus welchem Erdteil oder Kulturkreis kommen die Gäste? Meistens schaue ich aber danach, wer schon lange nicht mehr da war, wer zu uns menschlich beziehungsweise künstlerisch passt und wer gerade Zeit hat. Diese Kriterien unter einen Hut zu bringen, ist schon schwierig genug.

Auf ihrer Internetseite rufen Sie zu Spenden auf, um den Aufenthalt von Luis Manuel Molina zu bezahlen. Wie finanzieren Sie das Festival überhaupt?

Kaufmann: Träger ist ein eingetragener Verein mit Sitz hier in Rotenburg. Darüber finanzieren wir das Festival. Wir haben drei Standbeine: unsere Teilnahmegebühren, die Anzeigenerlöse unseres Programmheftes und die Konzerte. Sie wurden bislang von zwei Hauptsponsoren getragen. Es sind die Stiftungen der Sparkasse Rotenburg-Bremervörde und der Stadtwerke Rotenburg. 

Die Zuwendungen von dort sind in den vergangenen Jahren jedoch rapide gesunken – nicht weil sie keine Lust mehr haben, sondern weil die Zinsen weltweit am Boden sind. Da bleibt für Stiftungen nichts übrig. Sie finanzieren ihre Förderungen ja nur aus den Zinserträgen. Deshalb sind wir verstärkt auf der Suche nach Sponsoren. Um die beiden Gastkonzerte solide abzusichern, benötigen wir rund 5 000 Euro. Am besten ist natürlich eine Förderung über mehrere Jahre. Ich plane ja jetzt schon für 2018.

Wie hoch sind denn die Teilnahmegebühren für die Rotenburger Gitarrenwoche?

Kaufmann: Wenn man den sogenannten Standardkurs über drei Stunden bucht, sind es für Menschen mit geringem oder keinem eigenen Einkommen wie zum Beispiel Schüler und Studenten 195 Euro. Für Berufstätige kostet es 245 Euro. Der Intensivkurs über sechs Stunden kostet 345 beziehungsweise 395 Euro. Hinzu kommen 155 Euro für die Verpflegung sowie 80 Euro für die Übernachtung im Landheim.

Wie hoch ist der Gesamtetat der Gitarrenwoche?

Kaufmann: Er bewegt sich zwischen 25.000 und 30.000 Euro.

Blicken wir auf den Nachwuchs: Wie sieht es denn dort aus?

Kaufmann: Die Gitarre selbst ist ein sehr populäres Instrument. Je nach Umfrage liegt sie mal vor, mal hinter dem Klavier. Dann kommt lange Zeit gar nichts, und dann erst kommen die anderen Instrumente. Im privaten Unterrichtsbereich und im Musikschulsektor kann man also von einer hohen Attraktivität der Gitarre sprechen. 

Problematischer ist die Ausbildungssituation für die Gitarrenlehrer. Die Hochschulen haben in den vergangenen zehn Jahren massiv einsparen müssen. Das hat zur Folge, dass mit den Gitarrenprofessoren, die jetzt in Rente gehen, viele Stellen reduziert worden sind. 

Das heißt, dass wir bei weitem nicht mehr so viele Gitarrenlehrer ausbilden, wie eigentlich gebraucht werden. Dies wird Auswirkungen auf den Nachwuchs haben, weil die Qualität der Ausbildung mittel- und langfristig stagnieren wird. Was das künstlerische Versorgungsniveau in Deutschland angeht, sind wir mit Sicherheit nicht dort, wo wir stehen könnten.

Mit dieser Ansicht stehen Sie nicht alleine, oder? Es heißt immer, Polen, das Baltikum und andere mittel- und osteuropäische Länder seien Deutschland um Längen voraus. Das beste Beispiel scheint Tatyana Ryzhkova zu sein.

Kaufmann: Der Eindruck trügt nicht. Das hängt ein bisschen mit der Geschichte zusammen. Vor der Wende war die eigentlich sehr bourgeoise klassische Musikausbildung ein wichtiger Punkt in den ehemals sozialistischen Ostblockländern. 

Der Unterricht war sehr viel intensiver. Er hatte Hochschulintensität und war nicht mit dem in Westdeutschland zu vergleichen, wo es ja bis in die 1990er und 2000er Jahre in erster Linie um Spaß ging. Ich habe selbst Meisterkurse in Polen und Russland gegeben und erlebt, mit welcher Ernsthaftigkeit und Intensität Kinder, Jugendliche und Eltern an das Thema Ausbildung in klassischer Gitarre herangehen. 

Ich bin auch Jurymitglied in internationalen Wettbewerben. Überall sind die Ostblockländer bei der Preisverteilung bei Jugendlichen von zwölf bis 20 Jahren auf den vorderen Plätzen.

Die Rotenburger Gitarrenwoche ist ein Kurs für Amateure ab 14 Jahren mit rund zwei Jahren Gitarrenunterricht, Musikstudenten und Profis. Angeboten wird Einzelunterricht, Kammermusik in kleinen Gruppen und Gitarrenorchester mit allen Teilnehmern. Dazu Konzerte, Noten- und Gitarrenausstellungen und Workshops zu speziellen Themen. Weiter Infos gibt es online unter www.rotenburger-gitarrenwoche.de.

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