„Das ist eine Bereicherung“

48 Jahre für Borchel verantwortlich: Hans Worthmann im Interview

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Hans Worthmann, wie ihn die Borcheler kennen: Zwischendurch zieht der 75-Jährige gerne mal an seiner Pfeife. 42 Jahre lang war er Ortsvorsteher von Borchel. Jetzt hat er sich aus dem Amt verabschiedet.

Borchel - Von Guido Menker. In der kleinen Rotenburger Ortschaft Borchel ist in dieser Woche eine Ära zu Ende gegangen: Nach 42 Jahren hat sich Ortsvorsteher Hans Worthmann aus dem Amt verabschiedet. In Uwe Ehlbeck haben die Borcheler einen Nachfolger gefunden. Für Worthmann bedeutet dieser Wechsel einen tiefen Einschnitt, an den er sich erst gewöhnen muss. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

Herr Worthmann, in dieser Woche gab es im Dorfgemeinschaftshaus Ihre Verabschiedung und die Wahl Ihres Nachfolgers. Wie geht es Ihnen jetzt?

Hans Worthmann: Der Zustand ist unverändert. Ich lebe noch unter der Anspannung von der Vorbereitung. Ich habe in alten Akten gewühlt und gefühlt, wie die Erinnerungen hochkommen.

Wie geht es Ihnen mit diesen Erinnerungen?

Worthmann: Ganz gut. Und ich bin auch stolz auf das, was ich erreichen konnte und geschafft habe.

Jetzt müssen Sie eine andere Brille aufsetzen, wenn Sie hier durchs Dorf gehen. Bislang haben Sie immer geguckt, ob alles in Ordnung ist, jetzt können Sie rausgehen und die Schönheit Borchels genießen. Schaffen Sie das von einem Tag auf den anderen?

Worthmann: Nein, sicherlich nicht.

Warum nicht?

Worthmann: Dafür ist es mir zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen, verantwortlich zu sein, ein Auge darauf zu haben und Missstände zu beseitigen. Das kann man nicht ablegen – vermutlich bis zum Lebensende.

Was machen Sie denn jetzt mit der vielen Zeit, die Sie haben?

Worthmann: Also, ich bin historisch interessiert. So habe ich zum Beispiel bei der Bürgerversammlung davon erzählt, wie ich die Gemeindeakten bekommen habe. Da gibt es noch zwei große Stapel, die sich mit der Nachkriegspolitik befassen. Es geht um die britische Militärregierung mit ihren Verordnungen und Zwangsmaßnahmen, die damit verbunden waren. Es geht auch um die Suchdienste und die Lebensmittelrationierung. Diese Unterlagen möchte ich ordnen und zusammenfassen, um das alles weiter in Erinnerung zu halten und es in einem Vortrag den Borchelern zu erzählen.

Das zeigt, wie auch Ihr Rückblick am Abend der Ortsvorsteherwahl, wie sehr Ihnen Borchel am Herzen liegt, wie sehr Sie Borcheler sind und Sie dieses Dorf lieben. Woher kommt diese Liebe?

Worthmann: Die ist sicherlich schon in meinem Elternhaus angelegt und später durch den Lehrer gefördert worden. Der hat uns mit der Geschichte des Dorfes vertraut gemacht. Dabei habe ich Zug um Zug Hochachtung gewonnen vor den Leistungen unserer Vorfahren.

Sie selbst sind ja noch in Borchel zur Schule gegangen. Borchel war damals eine eigenständige Gemeinde. Hätten Sie es gerne gesehen, wenn das so geblieben wäre?

Worthmann: Nein, ich würde dahin nicht zurückkehren wollen, denn es ist mir gelungen, als letzter Bürgermeister Dinge, die ich für notwendig und wichtig erachte, zu bewahren.

Was war das?

Worthmann: Das erste Wort im Dorf hat der Ortsvorsteher. Der lädt zu Versammlungen ein – und nicht der Rotenburger Bürgermeister. Der Ortsvorsteher leitet die Versammlungen und kanalisiert die Interessen. Dafür holt er sich keine fremde Hilfe, sondern wir wollen das aus dem eigenen Saft machen. Häufig genug musste ich auch im Rathaus sagen „Leute, das berede ich nicht mit Euch, sondern das wird nur auf höchster politischer Ebene verhandelt“.

Aber so ganz einfach war das mit der Gebietsreform damals nicht. Drohten da die Interessen derer, die ihren bisherigen Status aufgeben mussten, verloren zu gehen?

Worthmann: Ja, Zum Beispiel hatte jeder Ortsteil einen Wegemeister, der für den Zustand die Verantwortung trug und auch entsprechende Maßnahmen durch die Anlieger einleitete. Wenn also nach der Gebietsreform ein Baum umknickte, bekam ich den Anruf, weil es den Ortswegemeister nicht mehr gab. 

Ich solle doch mal im Rathaus anrufen. Aber ich wusste: Wenn da in der Nacht ein Krankenwagen hin musste, ein Arzt oder am nächsten Morgen der Milchwagen, dann kann der Baum so lange dort nicht liegen bleiben. Dann bin ich mit meiner Frau hingefahren, habe Säge und Axt mitgenommen und versucht, den Baum wegzukriegen. Was also bis dahin für die Bürger selbstverständlich war, ging jetzt verloren.

Inwiefern hat Borchel denn auch durch die Gebietsreform gewonnen?

Worthmann: Naja, sicherlich hätten wir uns als selbstständige Gemeinde kein Gemeinschaftshaus bauen können. 1986 ist das ja entstanden.

Warum brauchte Borchel plötzlich ein solches Gemeinschaftshaus?

Worthmann: Wir hatten lange Zeit zwei Gastwirtschaften im Ort. Das letzte Gasthaus – die Moorquelle – hat dann aus wirtschaftlichen Gründen ebenfalls den Betrieb eingestellt. Das war der einzige öffentliche Versammlungsraum, unser Wahllokal und der Treffpunkt zum Austauschen und Schnacken.

Wo hat man das dann in den Jahren bis zum Bau des Gemeinschaftshauses gemacht?

Worthmann: Mit den Vereinsfesten und anderen Veranstaltungen sind wir in die Nachbardörfer gegangen. Die Versammlungen haben wir dann schließlich bei uns im Haus gemacht.

Aber doch sicherlich nicht im Wohnzimmer?

Worthmann: Auch. Wir haben eine kleine Diele, auf der haben Bürgerversammlungen und Jagdversammlungen stattgefunden.

Über welchen Zeitraum ging das?

Worthmann: Das waren sechs Jahre. Wahlen haben wir bei warmer Witterung auf dem Flur abgehalten, sonst in der Stube, wo wir jetzt gerade sitzen.

Während wir hier sitzen, sehe ich die Schafe vorbeilaufen. Wie viele Tiere haben Sie denn noch?

Worthmann: Es sind 17 Schafe. Aber wir bewirtschaften den Hof auch noch mit Tausenden von Bienen.

Zurück zum Dorfgemeinschaftshaus. War es für die Stadt Rotenburg selbstverständlich, dass Borchel so etwas bekommt?

Worthmann: Ja, das war eine Zeit, in der auch in anderen Dörfern viele solcher Einrichtungen gebaut wurden. Nach einem kalten Februar-Abend klappte das auch bei uns.

Was hatte es mit diesem Februar-Abend auf sich?

Worthmann: Ich konnte zunächst die Zustimmung der entscheidenen Leute aus dem Rathaus für das Gemeinschaftshaus nicht bekommen. Deshalb habe ich die Spitzen aus Politik und Verwaltung hier zur Bürgerversammlung eingeladen. Die war hier auf der Diele.

Und was ist da passiert?

Worthmann: Naja, ich hatte auf dem Laufzettel, mit dem die Borcheler zu dieser Versammlung geladen worden waren, einen Hinweis gegeben, dass es auf der Diele kalt ist und es sich anbietet, warme Winterkleidung anzuziehen. Diese Information habe ich nicht nach Rotenburg gegeben, sodass die Gäste, ohne Vorsorge treffen zu können, zu uns gekommen sind. Ich selbst hatte zwei lange Unterhosen drunter. Dann sind die Argumente genannt worden, und schließlich haben die Rotenburger, die jämmerlich gefroren haben, eingesehen, dass sie uns in diesem Elend nicht sitzen lassen konnten.

Die Borcheler haben seinerzeit sehr viel Eigenleistungen eingebracht. Das spricht ja dafür, dass der Ort von einer intakten Dorfgemeinschafts geprägt war. Ist das heute auch noch so?

Worthmann: Die Dorfgemeinschaft ist sicherlich noch intakt. Die Leute sind immer noch bereit, sich besonders zu engagieren.

Die große Beteiligung an der Bürgerversammlung in dieser Woche unterstreicht das Interesse der Borcheler an der Gemeinschaft im Dorf. Wird man die auch weiterhin so pflegen können?

Worthmann: Ja. Wir haben den Schützenverein, unsere Feuerwehr, die Laienspielgruppe und den Sportverein – es sind also gesellschaftsaktive Gruppen im Dorf, die das fördern. Wie sich das aber im Zuge der alternden Gesellschaft verändert, kann ich natürlich nicht sagen. Aber angefangen hat die Solidarisierung mit dem Dorf in der Dorfschule. In der gab es damals noch das Fach Heimatkunde. Das ist aus den Lehrplänen gestrichen worden. Daher werden diese Dinge nicht mehr vermittelt.

Die Versammlung in dieser Woche ist fast ausschließlich auf Platt gelaufen. Wie sehr wird das Plattdeutsche in Borchel heute noch gepflegt?

Worthmann: Von den Jüngeren sprechen nur ganz wenige noch Platt. Das macht mich auch ein bisschen traurig, denn Platt ist ein altes Kulturgut. Daher war es am Dienstag sicherlich die letzte auf Platt geführte Bürgersammlung.

Ortsvorsteher in Borchel: Ist das eher eine Bereicherung oder eine Belastung für das eigene Leben?

Worthmann: Das ist eine Bereicherung! Weil man aus seinem Alltag herauskommt, sich mit Dingen beschäftigt, über die man mit anderen Leute reden muss. Durch andere Meinungen und Standpunkte gewinnt man selbst auch einen anderen Blickwinkel. Es dient der Erweiterung seiner Erkenntnis. Aber ohne meine Frau an meiner Seite wäre Vieles nicht so oder gar nicht passiert. Ich bin ihr dafür sehr dankbar.

Bei der Versammlung haben Sie am Ende auch eine Träne verdrückt ...

Worthmann: Ja, ich dachte nur, hoffentlich kriegst Du das noch raus. Mein Onkel sagte zu mir als Kind, „Jungen weinen nicht“. Später habe ich gelernt, dass man Gefühl zum Ausdruck bringen muss, sonst vergewaltigt man sich und verliert seine Persönlichkeit. Denn es gibt die Zeit zum Freuen, zum Feiern, zum Arbeiten, aber eben auch die Zeit zum Weinen.

Waren Sie in all den Jahren auch mal kurz davor, alles hinzuschmeißen, weil es einfach nur noch zum Weinen war?

Worthmann: Ja, das hat es gegeben. Das war in den Anfängen dieser Zeit. Wir wollten Borchel weiterentwickeln – auch in Richtung Fremdenverkehr. Die ersten Ferienwohnungen waren fertig. Es funktionierte ganz gut. Wir haben Fachleute geholt. Doch dann hat ein Borcheler Bürger in einer schnoddrigen Art das Ganze lächerlich gemacht und mir damit den Boden unter den Füßen weggezogen.

Warum haben Sie trotzdem weitergemacht?

Worthmann: Ich bin aufgestanden, rausgegangen und habe draußen meinen Tränen freien Lauf gelassen. Danach bin ich wieder rein gegangen – und habe weitergemacht. Als sich abzeichnete, dass ich zum Bürgermeister gewählt werden sollte, sagte mir mein Vater, in seinem Haus wolle er das Gemeindebüro und das ganze Spektakel nicht haben. In seinem Haus würde ich kein Bürgermeister, sagte er. Ich wurde trotzdem Bürgermeister, und mein Vater hat nichts mehr gesagt. Als ich später nach einer Bürgerversammlung nach Hause gekommen bin, habe ich ihm gesagt, was mir dort passiert ist und ich hinschmeiße. Da sagt derselbe Mann, mein Vater, „Hans, ein Worthmann wirft nicht gleich bei der erstbesten Gelegenheit die Flinte ins Korn.“

Sie haben weitergemacht. Haben Sie es bereut?

Worthmann: Nein. Nie. Denn dadurch konnte ich positive Entwicklungen des Dorfes fördern und negativen entgegentreten. Das ist wie in der Natur. Ich muss mit ihr leben, nicht gegen sie. Das ist doch so, als wenn ich als Bauer Getreide aussäe. Wer ernten will, muss vorher säen. Wer heute einen Baum pflanzt, kann ihn aber selbst nicht ernten. Dennoch muss er ihn über lange Zeit pflegen. Ernten werden ihn dann die nächste oder die übernächste Generation.

Zur Person:

Hans Worthmann ist 75 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Er lebt auch heute noch in seinem Geburtshaus in Borchel, das seine Großeltern 1899 gebaut haben. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung hat Worthmann 45 Jahre bei der Bundeswehr in der lent-Kaserne gearbeitet. Seit zehn Jahren ist er im Ruhestand. 

42 Jahre lang war er Ortsvorsteher in Borchel. Davor bereits stellvertretender Bürgermeister, Bürgermeister und auch Gemeindedirektor der früheren Gemeinde Borchel. In dieser Woche hat er sein Amt zur Verfügung gestellt. Am Dienstag haben 99 Bürger im Dorfgemeinschaftshaus einen Nachfolger gewählt. Uwe Ehlbeck tritt in Worthmanns Fußstapfen.

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