Kreiszeitung-Wetterfrosch Reinhard Zakrzewski spricht über die Faszination Wetter und alte Bauernregeln

„Ein chaotisches System“

Reinhard Zakrzewski ist ein Experte und berichtet regelmäßig für unsere Leser über die Wetteraussichten. Ihn selbst faszinieren extreme Wetterlagen. Zudem hält er sehr viel von den Bauernregeln.

Rotenburg - Von Guido Menker. Man trifft sich beim Arzt, im Supermarkt oder im Café – und wenn man sich nichts mehr zu sagen hat, muss das Wetter herhalten. Es beschäftigt die Menschen. Jeden Tag aufs Neue. Kommen wir also zum Wetter. Und wer kann uns da besser weiterhelfen, als unser Fachmann, der regelmäßig für unsere Leser darüber berichtet. Er schaut nach vorne, gibt Prognosen ab und bewertet das, was hinter uns liegt. Wetterfrosch Reinhard Zakrzewski erkennt die Zusammenhänge und weiß sie einzuordnen. Wir haben uns mit ihm darüber unterhalten – und wollten zunächst natürlich wissen, welches Wetter uns zum Fest erwartet.

Herr Zakrzewski, bekommen wir in diesem Jahr endlich mal wieder weiße Weihnachten?

Reinhard Zakrzewski: Das lässt sich nicht sagen. Dazu ist es jetzt noch viel zu früh. Die Wettermodelle können einen ersten groben Trend – je nach Wetterlage – erst etwa zehn Tage vor den Festtagen berechnen. Konkreter wird es in der Weihnachtswoche. Auf längere Sicht sind bestenfalls Klimavorhersagen möglich, die auf Statistiken und bewährten Witterungsregeln wie dem in unseren Breiten so häufigen Weihnachttauwetter beruhen.

Warum ist es so schwer, eine Prognose zu diesem Zeitpunkt abzugeben?

Zakrzewski: Die Atmosphäre ist ein chaotisches System. Schon nach einer Woche fällt die Vorhersagequalität stark ab, sodass danach nur noch Trendaussagen möglich sind. Am geringsten ist die Prognosequalität bei den Niederschlägen. In der Regel sind diese schon nach drei Tagen unbrauchbar. Angaben zu den Temperaturen sind dagegen plus/minus über eine Woche noch recht gut.

Wie sind Sie eigentlich „Wetterfrosch“ geworden?

Zakrzewski: Schon als Kind habe ich mich brennend für das Wetter und die Naturwissenschaften interessiert. Deshalb habe ich in Braunschweig und Kiel Geographie, Meteorologie und Geologie studiert. Nach Projektarbeit im Bereich integriertes Küstenmanagement an der Universität Kiel hat mich die Leidenschaft zur Wettervorhersage zum Seewetteramt nach Hamburg getrieben, wo ich an verschiedenen Projekten zum Beispiel der Auswertung von historischen Klimadaten aus Schiffstagebüchern beteiligt war. Parallel dazu habe ich mich mit Klimaartikeln, unter anderem in Zeitschriften und vor allem in „Baedeker“-Reiseführen – mehr als 50 Bände – selbstständig gemacht. Monatswetterbereichte für verschiedene regionale Zeitungen kamen dazu, 2006 auch Tageswetterberichte. Wochen- und Halbwochenwetterberichte sowie Sonderbeiträge zu speziellen Wetterthemen habe ich ebenfalls im Angebot.

Sie liefern für unsere Leser regelmäßig das Monatswetter, greifen aber auch immer mal besondere Themen heraus, die Sie behandeln. Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Prognose erstellen?

Zakrzewski: Ich beobachte ständig die Entwicklung des Wetters. Zeichnen sich extreme oder ungewöhnliche Wetterlagen ab – wie etwa die Hitzewelle im extrem warmen und sonnigen September – schreibe ich schon vor den Ereignissen Artikel über die meteorologischen Ursachen und Hintergründe und biete dies verschiedenen Zeitungen an. Für eine Prognose nutze ich unterschiedliche nationale und internationale Wettermodelle und Portale und kombiniere sie mit meinem eigenen fachlichen Wissen und Erfahrungen.

Manchmal hat man das Gefühl, die Wetterprognosen werden immer besser. Dann wieder liegen Sie und Ihre Kollegen auch mal voll daneben. Wie kann das passieren?

Zakrzewski: Die operationellen Wettermodelle werden tatsächlich immer besser und die Trefferquoten auch höher. Das liegt an der ständigen Verbesserung der Wettermodelle, die Eingabe von immer mehr und besseren Messdaten von Kontinenten, Ozeanen und Eisflächen sowie den immer schneller werdenden Großcomputern. Generell sind die Wettervorhersagen im Sommer und Winter besser als im Frühjahr und Herbst, wenn die Großwetterlagen komplexer sind. Wegen der Kleinräumigkeit und der gewöhnlich kurzen Lebensdauer von Unwettern ist die Vorhersage und Entwicklung beispielsweise von Gewitterzellen, Starkregen, Fallböen, Hagel oder gar einem Tornado nach wie vor schwierig und führt nicht selten zu Fehlalarm. Für einen 24-stündigen Zeitraum liegt die Trefferquote der normalen Wettervorhersagen derzeit bei etwa 95 Prozent, für den dritten Vorhersagetag immer noch über 85 Prozent.

Warum macht es Ihnen eigentlich so viel Spaß, sich immer und immer wieder so intensiv mit dem Wetter zu beschäftigen?

Zakrzewski: Ich bin Wetterfanatiker durch und durch. Vom Wetter – insbesondere vom Extremwetter – kann ich nie genug bekommen, ob im In- oder im Ausland.

Sie machen das schon lange. Stellen Sie bei Ihrer Arbeit fest, dass sich im Zuge der viel zitierten Klimaveränderung auch neue Aspekte in der Vorhersage ergeben? Welche sind das?

Zakrzewski: Nach Untersuchungen des Deutschen Wetterdienstes werden die Wetterextreme durch die Klimaerwärmung in Zukunft in Deutschland zunehmen. Dabei geht es um Starkniederschläge, Überschwemmungen, Hitzewellen, Hagelstürme, Trockenperioden und eventuell auch um Tornados. Darauf richtet sich ganz speziell mein Blick, insbesondere auch hinsichtlich der Auswirkungen für die regionale Landwirtschaft. Darüber hinaus stehen die Jahreszeitenvorhersagen derzeit immer mehr im Fokus, obwohl sich die Prognosen von Temperatur- und Niederschlagstrends über mehrere Monate hinweg noch im Versuchsstadium befinden, deren Ergebnisse aber immer besser werden.

Woran können Sie Klimaveränderungen oder -verschiebungen in den vergangenen Jahren festmachen?

Zakrzewski: Die für unsere Breiten übliche Ausgeglichenheit des Klimas ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Die Ausschläge von Temperaturen und Niederschlagsmengen sind heftiger geworden und folgen in kürzeren Abständen, manchmal unmittelbar hintereinander. Beispielsweise in diesem Herbst: Rekordhitze und extrem viel Sonne im September, trübster Oktober seit 1976, Jahrhundertkälte im ersten Novemberdrittel. Zudem werden die Winter auf Kosten der Sommer immer feuchter, obwohl alle Monate tendenziell nasser werden. Einzige Ausnahme ist der April, der seit Anfang der 1990er Jahre langsam austrocknet und nun der niederschlagsärmsten Monat des Jahres geworden ist. Früher galt das eher für früher Februar und März. Diese Klimaverschiebung ist zum Beispiel auch in West- und Südwesteuropa zu beobachten.

Hin und wieder erwähnen Sie in Ihren Vorschauberichten auch alte Bauernregeln. Glauben Sie wirklich daran?

Zakrzewski: Bauernregeln sind das gesammelte Wetterwissen unser Vorfahren. Statistisch sind viele Regeln nicht zu belegen. Einige, die gehäuft auftretende Wetterlagen und Witterungsregelfälle zu bestimmten Jahreszeiten beschreiben, sind jedoch sehr gut und haben eine Eintrittswahrscheinlichkeit von über 80 Prozent. Dazu gehören: die Siebenschläferregel zur Qualität des Sommers, die Regel zum Eintritt des Altweibersommers, das Weihnachtstauwetter und die exzellente Wetterweisheit zum Dreikönigstag (6. Januar), die – entsprechend der Siebenschläferregel – eine Aussage zur Härte im Januar und Februar zulässt.

Welche Bauernregel finden Sie selbst am schönsten?

Zakrzewski: Eigentlich alle, die ich gerade genannt habe.

Gibt es auch eine Regel, die sich auf das Weihnachtswetter bezieht?

Zakrzewski: „Ist’s an Weihnachten (25. und 26. Dezember) kalt, ist kurz der Winter, das Frühjahr kommt bald.“ Und das stimmt in Bezug auf mildes Wetter im Februar in 60 Prozent aller Fälle.

Welches Wetter gefällt Ihnen persönlich eigentlich am besten?

Zakrzewski: Extremwetter.

Wir wissen ja nicht, wie weit Sie in der Lage sind, für uns in die Zukunft zu schauen. Dennoch würde es uns wirklich sehr freuen, wenn Sie uns etwas Hoffnung machen. Ganz ehrlich, Herr Zakrzewski, wann kriegen wir endlich mal wieder einen richtigen Sommer?

Zakrzewski: Einen normalen norddeutschen Sommer haben wir in diesem Jahr erlebt. Weil wir in den letzten Jahrzehnten mit warmen Sommern so verwöhnt wurden, mögen viele den vergangenen als zu kühl und regnerisch empfunden haben. Durch den anhaltenden Temperaturanstieg und immer intensivere Hitzewellen sollten wir an schweißtreibenden Sommern auch in Zukunft keinen Mangel haben.

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