Erfolgreich ohne Einserschnitt

Apotheker, Arzt oder Anwalt - trotz Ehrenrunde

Rotenburg - Von Michael Schwekendiek. Vor wenigen Wochen tauchte Deutschlands „Sitzenbleiber-Atlas" zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Das Preisvergleichs-Portal billiger.de hatte ihn in Auftrag gegeben. In dieser wissenschaftlich abgesicherten Studie wird herausgearbeitet, in welchen Städten und Regionen die Sitzenbleiberquote unter Schülern besonders hoch und wo sie besonders niedrig ist.

Den „unrühmlichen ersten Platz“ belegt die Stadt Coburg. Die „Streber-Städte“, wo besonders wenige Schülerinnen und Schüler wiederholen, liegen vornehmlich im Norden. Dabei ist das Sitzenbleiben an sich grundsätzlich nicht unumstritten.

In Hamburg und Berlin ist die „Ehrenrunde“ praktisch abgeschafft. Andere Länder wie Bayern, Sachsen und Hessen sehen sie durchaus als ein pädagogisch sinnvolles Instrument. Manche quälen sich eben mühsam durch eine Schulklasse und holen einmal Versäumtes kaum wieder auf. Denn wenn das richtig auffällt, ist es meistens schon zu spät. Andere sind bei der Einschulung vielleicht zu jung gewesen und hinken immer hinterher. Denen könnte eine Wiederholung gut tun. 

Sitzenbleiben früher wesentlich verbreiteter 

Nicht wenige Schülerinnen und Schüler handeln auch gerne nach dem beliebten Grundsatz von Mark Twain: „Was du heute kannst besorgen, verschiebe nicht auf morgen – wenn‘s getrost auf übermorgen verschoben werden kann“, und stellen irgendwann erstaunt fest, dass das dauernde Verschieben von Hausaufgaben und Vokabellernen kaum erfolgreich ist. Für Eltern ist das Sitzenbleiben des Sprösslings nicht selten eine Katastrophe. Aber auch Schülerinnen und Schülern ist das meistens peinlich – sie verlieren die Klassenkameraden, werden vielleicht noch unsicherer oder begraben ihre Motivation völlig. Das sind die Argumente der Sitzenbleiber-Gegner. Die Erfahrung lehrt allerdings oftmals auch etwas völlig anderes. Und keinesfalls wird der Coburger Spitzenplatz von allen Pädagogen als „unrühmlich“ betrachtet. Zu früheren Zeiten war Sitzenbleiben wesentlich verbreiteter als heute. Hat‘s nachhaltig geschadet? Wir haben in unserer Region mal nachgefragt.

Apotheker nach einer Ehrenrunde

Rolf Ehlermann war durchaus erfolgreicher und beliebter Inhaber einer Apotheke in Scheeßel.

Rolf Ehlermann war durchaus erfolgreicher und beliebter Inhaber einer Apotheke in Scheeßel, die er seinerzeit von seinem Vater übernommen hatte. Inzwischen führt diese seine Tochter mitsamt Schwiegersohn. Ehlermann genießt seinen Ruhestand. Er hat sich in der Region neben seinen beruflichen Aktivitäten einen Namen gemacht als Fotograf, engagierter Rotarier und Reiseberichterstatter. Seine ehemalige Schule, das Internat Marienau bei Lüneburg (in unserer Region gab es noch keine entsprechende höhere Schulen) lobt er in den höchsten Tönen. Dabei hat er dort nicht nur angenehme Zeiten erlebt. Die letzte Klasse vor dem Abitur musste er wiederholen. „Leicht war das nicht,“ bemerkt er heute, hat aber dazu geführt, dass er sich sagte: „Das passiert dir nie wieder!“ Er zog sein nachfolgendes Studium als Apotheker mit so hohem Engagement durch, dass er es als bester seines Jahrgangs mit „sehr gut“ abschloss. „Da galt ich dann als Streber!“ Trotz seiner unfreiwilligen Verlängerung ist und bleibt „Schule ein bedeutender Teil meines Lebens, mehr als nur Unterricht“.

Abi-Schnitt reichte nicht zum Medizin-Studium

Professor Tom Schaberg ist Chefarzt der Lungenklinik am Rotenburger Diakonieklinikum. Seinen Studienplatz hat er sich erstritten.

Professor Tom Schaberg ist Chefarzt der Lungenklinik am Rotenburger Diakonieklinikum. Sein Abi-Schnitt von 2,7 (griechisch: „mangelhaft“) reichte in den 1970er Jahren bei weitem nicht für einen Studienplatz in Medizin. Mindestens sieben Jahre Wartezeit drohten ihm. Er begann eine Krankenpflegeausbildung, stieg dann um auf ein Chemiestudium und erstritt sich schließlich zusammen mit einigen anderen Studenten seinen Medizin-Studienplatz durch ein Gerichtsverfahren. Heute zählt er laut „Focus-Ärzteliste“ seit Jahren zu den „Top-Medizinern Deutschlands“. Aber auch über den deutschen Raum hinaus gilt er als einer der angesehensten Lungenfachärzte, ist Herausgeber einer anerkannten medizinischen Fachzeitschrift und als Vortragender in seinem Fachgebiet weltweit unterwegs.

Erfolgreicher Anwalt und Notar

Claus Buhrfeind ist erfolgreicher Anwalt und Notar mit eigener Kanzlei in Rotenburg.

Claus Buhrfeind ist erfolgreicher Anwalt und Notar mit eigener Kanzlei in Rotenburg. Sein Start ins Jurastudium erfolgte ebenfalls mit Verspätung. „Mein Engagement für die Schule war stark reduziert“, stellt er rückblickend fest. Dafür hatte er viele Hobbies, nahm die Lateinbücher zwar mit zum Tennistraining, „anschließend aber auch ungeöffnet wieder zurück“. Als einer von fünfen fiel er daraufhin seinerzeit erst mal durchs Abitur. Heute sieht er, neben aller Selbstkritik, dass das auch eine Chance war: „Ich hatte eigentlich noch gar keinen Plan, was ich mal machen wollte und konnte mich so weiterentwickeln.“ Im Studium hat er dann schnell „die Kurve gekriegt“, das Arbeiten gelernt, die Prüfungen „locker“ bestanden und war mit 28 Jahren Rechtsanwalt.

Wem hilft das Sitzenbleiben?

Befragt, ob Sitzenbleiben heute noch sinnvoll ist, meint die Leiterin des Rotenburger Ratsgymnasiums, Iris Rehder: „Unter bestimmten Bedingungen ja“ – und verweist auf den Wortlaut eines entsprechenden Erlasses, in dem es heißt, „... wenn eine erfolgreiche Mitarbeit im nächsten Schuljahr nicht mehr gewährleistet ist“. Wünschenswerter für sie ist allerdings das „freiwillige Zurückgehen“, zu dem ihre Schule beziehungsweise die jeweilige Klassenkonferenz öfter mal rät. In der Regel übrigens erfolgreich. Bewährt es sich? Rehder: „Es gibt Leute, die total aufblühen, aber ich habe auch schon das Gegenteil gehabt – Leute die aufgeben oder sich zurücklehnen nach dem Motto: „Hab’ ich alles schon gehabt ...“

Die drei „Rotenburger Prominenten“ sehen, soweit sie eine „Ehrenrunde“ drehen mussten, es für sich einmütig als einen Gewinn, eine „individuelle Reifungschance“, wie es im Pädagogendeutsch heißt.

Übrigens, auch der Autor dieser Zeilen, der im zarten Alter von 15 Jahren viele Dinge weitaus interessanter fand als ausgerechnet Mathematik und deshalb die 9. Klasse zweimal durchlaufen durfte. Aber alle sind sich auch einig: In der Schule kann (muss) man „lernen zu lernen“, und mit etwas mehr Aufwand bei den Hausaufgaben oder gar einem Einsatz wie später in Studium und Beruf hätte sich vieles locker vermeiden lassen.

„Sitzenbleiber-Atlas Deutschland“

Im Mittelfeld

Sitzenbleiben ist in Deutschland nicht unumstritten. In Berlin und Hamburg findet es so gut wie gar nicht mehr statt. Andere Bundesländer wie Bayern, Sachsen und Hessen behalten es bewusst bei. Niedersachsen liegt im Mittelfeld mit knapp zwei Prozent eines Jahrgangs, die sitzenbleiben. Realschüler erreichen häufiger das Klassenziel nicht als Gymnasiasten. Aber auch Grundschüler können eine Klasse wiederholen. Die Sitzenbleiberquote ist permanent gesunken: Lag sie vor 50 Jahren noch bei fast acht Prozent über alle Schularten, war sie vor 20 Jahren bei fünf Prozent und liegt heute unter zwei Prozent. Bundesweit blieben zuletzt 170.000 Schüler von elf Millionen sitzen. Diejenigen, die freiwillig ein Jahr zurückgehen, sind nicht eingerechnet. In vielen EU-Ländern gibt es keine „Ehrenrunden“. Nach Meinung vieler Pädagogen dort (und hier) auch nicht unbedingt ein Patentrezept: da werden manche eben einfach „durchgeschleppt“, ohne dass es sie wirklich nach vorne bringt.

Sitzenbleiber-Liste ist lang

Die Liste der „Schulversager“ ist lang: Bekannt sind die holprigen Schulkarrieren von Sir Winston Churchill oder Albert Einstein. Thomas Mann, bedeutender Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger, hat erst im zweiten Versuch seine Mittlere Reife geschafft. Christian Wulff, Edmund Stoiber, Niki Lauda – alle haben mindestens eine Klasse wiederholt wie auch Harald Schmidt und Otto Waalkes. Peer Steinbrück, der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD, kommentierte seine wenig erfolgreiche Schullaufbahn später so: „Sitzenbleiben kann einem ermöglichen, Kanzlerkandidat zu werden!“

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