Bürgerversammlung zu erhöhten Krankheitszahlen in Bothel lässt Fragen offen

Woher kommt der Krebs?

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Die Bürgerinitiativen sind sich einig: Um die Gesundheit der Bürger zu schützen, sollten die hiesigen Erdgasförderstellen sofort abgeschaltet werden.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Das Ergebnis ist eindeutig, alles andere weiter unklar. Seit vergangenem Donnerstag ist bekannt, dass in der Samtgemeinde Bothel mehr Männer an Blutkrebs erkranken als üblich. Doch wieso das so ist, ob es einen Zusammenhang mit der intensiven Erdgasförderung in der Region gibt und welche Schritte nun notwendig sind, um mehr Fakten zu schaffen und möglicherweise Gegenmaßnahmen zu ergreifen, das bleibt offen. Zur Klärung trug auch die Informationsveranstaltung des Landkreises in der Aula des Rotenburger Ratsgymnasiums am Montagabend wenig bei.

Rund 100 Zuschauer, darunter viele Bürgermeister der Region sowie Vertreter von Bürgerinitiativen, hatten sich eingefunden, um Antworten zu erhalten. Doch die gab es nicht – wie Landrat Hermann Luttmann (CDU) eindeutig formulierte: „Sie werden mehr Fragen mit nach Hause nehmen als es bislang Antworten gibt.“

Joachim Kieschke, ärztlicher Leiter der Registerstelle beim epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen, stellte den Anwesenden zunächst noch einmal die bekannten Fakten vor und verdeutlichte damit, dass die Zahl von 41 an Leukämie und Lymphonen erkrankten Männern im Zeitraum von 2003 bis 2012 kein Zufall sein könne. Diese Häufung sei hoch auffällig – Aussagen zu den Ursache ließen die Daten des Krebsregisters jedoch nicht zu. Zumindest aber dürfte es aus Sicht des Statistikers eine durchaus plausible Hypothese sein, aufgrund der erhöhten Fallzahlen nur bei Männern „beruflichen Risiken“ nachzugehen. Dies müsste ein Ansatzpunkt weiterer Untersuchungen sein. Das Rotenburger Gesundheitsamt will dafür in den kommenden Wochen versuchen, die anonymisierten Daten Betroffener durch freiwillige Angaben genauer zu fassen. Erst so könnten sich Anhaltspunkte für mögliche Ursache ergeben, hieß es am Montagabend.

Die Diskussion in der Aula des Ratsgymnasiums verdeutlichte allerdings, dass womöglich die falschen Vertreter auf dem Podium saßen. Denn auch wenn Landrat Luttmann versprach, mit den Bürgern das Thema angehen und nichts verheimlichen zu wollen, so fehlten doch diejenigen, die Adressaten der meisten Wortmeldungen waren: Verantwortliche aus der Landes- und Bundespolitik sowie Konzernvertreter insbesondere des in der Region aktivsten Förderunternehmens „ExxonMobil“. Ihre Aufgabe wäre es gewesen, Stellung zu beziehen zu den befürchteten Risiken der Gasförderung sowie des Frackings, zu möglichen Zusammenhängen mit den Krebszahlen und zum weiteren politischen Umgang mit der Thematik. Luttmann blieb als Vertreter der nicht für die Genehmigung zuständigen Behörde nur zu wiederholen: „Tragen Sie Ihr Anliegen nach Hannover!“ Ihm sei es schlichtweg nicht möglich, Erdgasförderung in der Region zu verbieten. Immerhin stellten die Beteiligten weitere Gespräche auch im öffentlichen Raum dazu in Aussicht. Elke Twesten, Landtagsabgeordnete der Grünen aus Scheeßel, sagte, dass schon am Donnerstag der Sozialausschuss der Landesregierung über das Thema unterrichtet werde. Und am Dienstagmittag wird Florian Pronold (SPD), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesumweltministerium, zu Gesprächen im Rotenburger Rathaus erwartet. Auch hier das Thema: Fracking und Erdgasförderung in der Region.

Anders als die Vertreter der öffentlichen Stellen, die Gasförderung als Ursache zwar nicht ausklammern, aber dennoch um Zurückhaltung bitten, ist die Lage für Silke Döbel eindeutiger. Sie hatte als Vertreterin der lokalen „Bürgerinitiative für Gesundheit“ die Behörden zur Untersuchung gedrängt. Und sie berichtete gestern, dass sich seit Bekanntwerden der Zahlen am Donnerstag immer mehr betroffene Menschen bei ihr meldeten – darunter auch Ex-Mitarbeiter der Erdgasindustrie. Die Zahlen des Krebsregisters seien längst nicht vollständig, sagte die Söhlingerin: „Ich habe dieses Jahr schon drei Freunde beerdigen müssen.“ Zudem müssten Zusammenhänge mit weiteren Krankheitsbildern untersucht werden. Doch da sei die Datenlage noch viel schlechter als beim Krebs.

Luttmann versprach, dass der Landkreis in den kommenden Monaten „einiges in die Wege leiten“ werde. Ob das politisch so weit gehen kann, wie von verschiedenen Seiten aktuell einmütig gefordert, und ob es letztlich das nunmehr benannte, wenngleich nicht erforschte Problem in der Samtgemeinde Bothel lösen wird, bleibt offen: Der Vorsitzende des Naturschutzbundes in Niedersachsen, Holger Buschmann, und der CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel sprachen sich in Presseerklärungen angesichts der neuen Datenlage für ein Verbot von „Fracking, egal ob mit oder ohne Chemikalien“ sowie „für ein generelles Verbot der Verpressung von giftigem Lagerstättenwasser“ aus. Die Technologien seien schlichtweg zu wenig erforscht, die Folgeschäden nicht absehbar. Grindel: „Eine Verpressung wie in Wittorf ist völlig unverantwortlich. Das müssen wir gesetzlich verbieten.“

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