Initiativen und Vereine fordern bei Ostermarsch in Rotenburg ein Ende des Frackings in der Region

Bürger finden: Die Zeit drängt

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Rotenburg - Von Stefanie Heitmann. „Kein Gift in unsere Erde“: Rund 220 Teilnehmer waren am Samstag zum Ostermarsch durch die Rotenburger Innenstadt gekommen, um gegen die Gasförderung und die damit eventuell in Zusammenhang stehenden erhöhten Krebserkrankungen im Landkreis zu demonstrieren.

Vertreter aus Politik, von Bürgerinitiativen, aber auch Erkrankte selbst forderten konkrete Handlungen und eine schnelle Aufklärung der erhöhten Krebszahlen in der Region. Schilder, Transparente, Trillerpfeifen: Gut sicht- und hörbar brachten die Demonstranten ihre Forderungen zum Ausdruck. Mitglieder mehrerer Bürgerinitiativen und Vereine sowie Vertreter aus Kommunal- und Landespolitik waren zu der Kundgebung auf dem Neuen Markt gekommen. Vertreter der gasfördernden Unternehmen ließen sich hingegen nicht blicken. Dafür liegt unserer Zeitung als Reaktion auf die Protestkundgebung eine schriftliche Stellungnahme von „ExxonMobil“ vor. Darin schreibt Betriebsrätin Sabine Lau aus Bellen: „Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Betroffenen Antworten auf ihre Fragen haben möchten und dass alle erdenklichen Ursachen genauestens untersucht werden müssen. Aber was hier stattfindet, ist für die Kollegen kaum noch auszuhalten. Manche fragen sich schon, ob als nächstes Steine fliegen. Wir sind überzeugt davon, dass wir mit unseren Tätigkeiten niemanden gefährden.“ Weiter heißt es in dem Schreiben, dass der Vorwurf von Mitgliedern der Bürgerinitiativen, Exxon würde ein gemeinsames Gespräch verweigern, nicht zutreffe. „Wir bieten jedem das Gespräch an, veranstalten unseren Regionaldialog und sind für jede Kritik offen.“

Ostermarsch gegen Fracking in Rotenburg

Kritik gab es an diesem Ostersamstag viel. Nicht nur an den Gasförder-Unternehmen. Dass etwa Landrat Hermann Luttmann (CDU) nicht an der Veranstaltung teilnahm, fand auch Bürgermeister Andreas Weber (SPD) bedauerlich. „Der Landkreis sollte das Verbot von Fracking zur Chefsache machen“, lautete seine Forderung. „64 Bohrstellen gibt es im Landkreis, an fast allen wurde mehrfach gefrackt, auch das Trinkwasserreservoir Rotenburger Rinne wurde mehrfach durchbohrt, es wurden tonnenweise krebserregende Stoffe und Substanzen, die die Hormonproduktion negativ beeinflussen, in das Gestein verpresst“, sagte Weber. Welche konkreten Auswirkungen etwa versickerndes Wasser an den Bohrstellen hat, habe er erst durch die Bürgerinitiativen erfahren. „Die Regelungen des Bundestages reichen nicht aus. Wir fordern ein Fracking-Verbot in Sandstein, wie er hier vorkommt, sowie die Einstellung der Erdgasförderung – bis bewiesen ist, dass die erhöhten Krebszahlen in keinem Zusammenhang mit dem Fracking stehen“, so Weber weiter.

Forderung nach unabhängiger Studie

Wie der Bürgermeister forderte ebenso Matthias Bantz, Internist und Umweltmediziner, eine von der Industrie unabhängige Langzeitstudie, die die Ursachen für die vermehrten Krebserkrankungen in einigen Orten aufklären sollen. Dem stimmte auch Kathrin Otte zu: „Nur durch solch eine Studie kann unwiderlegbar die Gas- und Ölindustrie als ursächlich oder nicht-ursächlich für vermehrte Krebsentstehung identifiziert werden“, so die stellvertretende Vorsitzende des Gemeinnützigen Netzwerks für Umweltkranke (Genuk).

Auch ein genaues Monitoring von Luft, Wasser und Boden solle aufzeigen, welche Stoffe etwa bei Verklappungen oder dem Abfackeln freigesetzt werden, forderte Bantz. Zudem müssten nur die Unternehmen selbst Auskunft darüber geben, wie hoch die radioaktive Belastung in den anfallenden Bohrschlämmen sei. „Das ist wie wenn ich meine eigene Mathe-Arbeit korrigiere“, sagte Bantz und plädierte für mehr Personal für unabhängige Kontrollen.

„Die einzig politische Konsequenz ist es, ein Fracking-Moratorium für die gesamte Region Rotenburg, Verden und den Heidekreis auszusprechen“, forderten Elke Twesten, Landtagsabgeordnete der Grünen, und Herbert Behrens, Mitglied des Bundestages für die Linken.

Was die ganze Debatte in der Realität bedeutet, berichtete Grit Leymann. Die Homöopathin wohnt in Brockel und hat die Krebszahlen für Bellen erhoben. „Bis 2004 gab es nur eine einzige Krebserkrankung in dem 52-Einwohner-Ort. In den vorherigen Generationen ist kein einziger Fall bekannt. Seit 2005 gibt es zwölf Fälle, das sind mehr als 20 Prozent der Bevölkerung – und es kommen jährlich ein bis zwei Neuerkrankungen hinzu“, berichtete Leymann. Vier Menschen seien bisher an Krebs gestorben, sieben befänden sich derzeit in ärztlicher Behandlung. Die Erkrankten seien zwischen 33 und 75 Jahre alt und überwiegend männlich. „Es erkranken aber auch Menschen, die zugezogen sind und schon rund zehn Jahre in Bellen leben“, so Leymann, und sie fügte hinzu: „Alle Todesfälle der vergangenen zehn Jahre sind durch Krebs verursacht.“ Vor allem die in Bellen geplante Reststoffaufbereitungsanlage bereitet ihr Sorgen: „Die Anwohner haben Angst, die ist real. Wir brauchen dringend die geforderten Studien, um die Ursachen herauszufinden.“

Anfang April soll es zu dem Themenkomplex ein Treffen mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in Hannover geben.

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