Berufsberaterin Katrin Röttjer erklärt, was in eine Bewerbung gehört und was gar nicht geht

„Rechtschreibung muss sitzen“

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Katrin Röttjer hilft Jugendlichen bei der Berufswahl.

Rotenburg - Von Jessica Tisemann. Das letzte Schuljahr läuft. Noten, Klausuren und mündliche Prüfungen stehen bei vielen Schülern ganz oben auf der Prioritätenliste. An einen möglichen Ausbildungsplatz ab Sommer oder gar eine Bewerbung denken einige Jugendliche noch nicht. Doch es ist höchste Zeit, sich zu bewerben, macht Berufsberaterin Katrin Röttjer von der Agentur für Arbeit in Rotenburg deutlich.

Frau Röttjer, was gehört alles in eine Bewerbung?

Katrin Röttjer: In die schriftliche Bewerbung gehören auf jeden Fall Anschreiben, Lebenslauf und die letzten beiden Zeugnisse. Wenn etwas anderes gefordert wird, steht es meistens dabei. Ein Deckblatt kann man machen, muss man aber nicht. Wer einen Job im Handwerk möchte, kann das auch weglassen.

Ein solches Deckblatt sollte sich also nach dem jeweiligen Beruf richten?

Röttjer: Ja. Wenn ich zum Beispiel in den Verkauf möchte, ist es sinnvoll, ein Deckblatt zu gestalten, mit einem etwas größeren, netten Foto. Das könnte von Vorteil sein.

Und ansonsten gehört das Foto auf den Lebenslauf?

Röttjer: Ja, ansonsten kommt das Foto traditionell auf den Lebenslauf. Nach gesetzlichen Grundlagen muss man das gar nicht mehr machen. Unsere Erfahrungen haben aber gezeigt – in Rücksprache mit den Arbeitgebern –, dass es eher hinderlich ist, weil man denkt, die Bewerbung ist nicht komplett.

Sie haben gerade das Anschreiben angesprochen. Worauf muss ich da achten?

Röttjer: Ich würde mich auf jeden Fall darüber informieren, wer ausbildet. Vielleicht rufe ich vorher an, erfahre den speziellen Ansprechpartner, damit ich den schon in der Anrede drin habe. „Sehr geehrte Damen und Herren“ sollte man vermeiden. Dann müssen gewisse Standards eingehalten werden. Die richtige Bezeichnung des Ausbildungsberufes ist wichtig. Und es gibt bestimmte Absätze, zum Beispiel: Was habe ich bisher gemacht? Warum sehe ich mich als richtig für den Job an? Was bringe ich Besonderes mit? Dann braucht es eine nette Grußformel am Schluss. Das sind die Basics.

Welche Formulierungen gehen gar nicht?

Röttjer: Von Standardfloskeln wie „hiermit bewerbe ich mich“ rate ich ab, sondern eher dazu, es individuell für den Ausbildungsbetrieb zu gestalten. Man sollte nicht zu flapsig sein, darf aber schon für sich Werbung machen. Es sollte eine Sprache gewählt werden, die man tatsächlich spricht und sich nicht zu sehr von Eltern oder Freunden leiten lassen. Personaler merken schnell, ob die Bewerbung selbst geschrieben ist.

Sind denn auch Ausschmückungen erlaubt?

Röttjer: Ja, Bewerbung heißt, Werbung für sich machen. Es sollte aber die Wahrheit sein. Wenn ich sage, ich bin ein pünktlicher Typ und komme dann eine Viertelstunde zu spät zum Vorstellungsgespräch – das macht das Ganze unglaubwürdig.

Wie lang sollte ein Anschreiben sein?

Röttjer: Bei Azubis nicht länger als eine Seite. Es sollten mehr als drei Sätze sein, aber auch nicht zu klein gequetscht. Wenn ich eineinhalb Seiten habe und nehme einfach Schriftgröße 6, damit alles passt, geht das nicht. Zwischen Schriftgröße 10 und 11 – je nachdem, welche Schriftart – muss es sein. Die Berufsberatung oder Lehrer helfen gerne weiter. Auch die Rechtschreibung ist ein großes Thema. Die muss sitzen. Da darf man sich keinen Fehler erlauben, ansonsten ist die Bewerbung gleich auf dem Rückreisestapel.

Es sollte also definitiv jemand gegenlesen?

Röttjer: Auf jeden Fall. Vier Augen sehen mehr als zwei.

Wann ist die richtige Zeit für eine Bewerbung?

Röttjer: Wer im Sommer anfangen will, konnte sich schon vor einem Jahr im Februar bewerben. Zum Beispiel für den gehobenen öffentlichen Dienst, ein duales Studium oder bei Versicherungen oder Banken. Aber es suchen noch Arbeitgeber für den Sommer. Das ist jetzt eine spezielle Zeit Die Halbjahreszeugnisse kommen. Viele Arbeitgeber warten deshalb mit der Entscheidung und gehen dann Ende Februar in die letzte Runde. Grundsätzlich gilt: Mindestens ein Jahr vor Ausbildungsbeginn sollte die Bewerbung erfolgen.

Ist das bei den Jugendlichen schon so verankert?

Röttjer: Bei vielen Jugendlichen ist das noch nicht angekommen. Das hat mehrere Gründe. Zum einen, weil man sich einfach nicht darum kümmert und den Fokus auf Schule legt. Zum anderen, weil vielfach erzählt wird, es gibt mehr Ausbildungsplätze als Jugendliche. Das impliziert, es ist noch viel Zeit. Das ist definitiv nicht so. Es gilt nach wie vor, wer einen gefragten Ausbildungsberuf möchte, muss früh loslegen. Es fehlt uns aber der richtige Weg, um Jugendliche dafür zu sensibilisieren. Wer früh genug dran ist, kann alles in die richtigen Bahnen lenken, kann noch einen Plan B machen. Denn es kann sein, dass Plan A nicht klappt.

Wie sollte die Bewerbungsmappe am besten aussehen?

Röttjer: Die Unterlagen sollten nicht verknicken können – also stabil sein. Die meisten Arbeitgeber tendieren dazu, eine Mappe zu haben, die nicht dreifaltig ist. Die nimmt viel Platz auf dem Schreibtisch ein. Wenn ein Arbeitgeber besondere Wünsche hat, wird das explizit erwähnt.

Welche Berufsgruppen sind besonders nachgefragt?

Röttjer: Hauptsächlich der kaufmännische Bereich. Und Firmen, die in der Region gut angesehen sind. Ich denke da zum Beispiel in Bremen an Mercedes Benz. Das ist ein Arbeitgeber, der zieht. In der Region würde ich da auch den Sternpartner nennen. Da muss man sich früh informieren.

Gibt es auch Berufe, bei denen die Nachfrage nicht hoch ist?

Röttjer: Definitv. Verallgemeinert gesagt: das Handwerk. Da herrscht ein erheblicher Mangel an Kandidaten.

Wir haben schon das Bewerbungsfoto angesprochen. Was ziehe ich darauf an?

Röttjer: Ich trage die Kleidung, bei der ich denke, dass ich sie später auch im Job trage. Wenn ich Zimmerer werden möchte, muss ich mich nicht im Anzug ablichten lassen. Dann reichen Hemd und Jeans, ohne Krawatte. Man darf ruhig ein bisschen lächeln, nicht wie beim Passfoto. (lacht)

Muss das Foto von einem Fotografen sein?

Röttjer: Ich tendiere zum Profi-Fotografen. Der kann mich im rechten Licht erscheinen lassen.

Stichwort: Kleidung. Was trage ich beim Vorstellungsgespräch?

Röttjer: Das ist ähnlich wie beim Foto. Ich sollte darauf achten, dass meine Kleidung ordentlich und gebügelt ist. Ich muss mich aber nicht verkleiden. Man soll sich gut präsentieren, wohlfühlen ist aber auch ein Faktor.

Was muss ich vor dem Vorstellungsgespräch beachten?

Röttjer: Eine gute Vorbereitung ist das A und O. Wenn ich den Termin bekommen habe, ist es sinnvoll, anzurufen und zu bestätigen, dass ich dann da bin. Dann folgt die Recherche: Was mache ich genau in dem Beruf, kenne ich jemanden, der dort arbeitet und bekomme so Insiderinformationen? Am besten fahre ich die Strecke zum Arbeitgeber vorher einmal ab, oder ich gucke mir Zugverbindungen und Alternativen an. Die Homepage des Arbeitgebers sollte ich kennen und den Ansprechpartner. Ich komme auch früher – circa zehn Minuten, damit ich mich ein wenig akklimatisieren kann.

Und wie präsentiere ich mich dabei richtig?

Röttjer: Vielleicht bereite ich mich ein wenig auf Small-Talk vor. Der wird in der Regel aber vom Gegenüber geführt. Ich empfehle immer, einen Satz Unterlagen mitzunehmen, für den Fall, dass man reingucken oder etwas vorlegen möchte, wie ein extra Zertifikat. Bestimmte Fragen gibt es immer wieder, auf die man vorbereitet sein sollte: Stärken, Schwächen, warum denken Sie, dass gerade Sie der Richtige für unser Unternehmen sind? Es gibt aber jede Menge Hilfen, bei der Berufsberatung oder beim Jugendberufscoach.

Wenn ich mich aber explizit auf diese Fragen vorbereite, kann das nicht schnell auswendig gelernt wirken?

Röttjer: Bei der Vorbereitung ist es wichtig zu schauen, welche Eigenschaften oder Interessen wichtig sind für den jeweiligen Beruf. Von daher müsste schon eine Abwechslung in meine Antworten einfließen.

Was mache ich gegen die Nervosität?

Röttjer: Dreimal tief durchatmen!? (lacht) Eine gute Vorbereitung sollte einem etwas Nervosität nehmen. Nichtsdestotrotz sind die Leute, die die Entscheidung fällen, es gewohnt, dass ihnen aufgeregte Jugendliche gegenüber sitzen. Etwas Nervosität strahlt auch aus, dass es mir wichtig ist.

Soll ich dann beim Vorstellungsgespräch lieber einmal durchatmen, bevor ich eine Frage beantworte?

Röttjer: Ich rate dazu, einmal Luft zu holen oder zum Wasserglas zu greifen, um das zu überspielen, damit ich mir den Satz im Kopf vorher zurechtlegen kann.

Gibt es eigentlich noch die klassischen Wissenstests?

Röttjer: Ja, die gibt es noch. Viele haben einen großen Block Allgemeinwissen dabei. Darauf kann ich mich auch vorbereiten. Es gibt eine Vielzahl an Fachliteratur dafür. Ich rate auch dazu, solche Aufgaben vorher zu machen, damit man weiß, was auf einen zukommt.

Am Ende eines Vorstellungsgespräch kommt ja meist die Frage: „Haben Sie noch Fragen?“ Was frage ich? Frage ich überhaupt etwas?

Röttjer: Es ist selten, dass in einem Gespräch alles geklärt ist. Was ich nicht zwangsläufig empfehle, wäre als erste Frage die nach dem Gehalt.

Wie viele Bewerbungen sollte ich denn schreiben?

Röttjer: Mit zwischen 20 und 40 Bewerbungen könnte man rechnen. Es kommt darauf an, welchen Beruf ich wähle und wie die Konkurrenzsituation ist. Wenn ich einen Arbeitgeber im Auge habe, sollte ich mich um Praktika bemühen. Damit ich alles live erleben kann.

Berufswahl-Fahrplan

Bereits im vorletzten Schuljahr müssen sich die Jugendlichen mit der Frage nach einem Ausbildungsplatz befassen. Im Februar startet der Bewerbungsbeginn bei Banken und Versicherungen, bis Herbst sind dort viele Plätze schon vergeben. Nach den Sommerferien starten die Bewerbungen bei kleinen und mittleren Betrieben. Im letzten Schuljahr geht es dann für die Schüler los, die sich an weiterführenden Schulen bewerben wollen (Februar). Einen Berufswahl-Fahrplan gibt es auch bei der Agentur für Arbeit.

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