Hedda Braunsburger (SPD) verabschiedet sich nach 40 Jahren aus der Kommunalpolitik

„Es gab auch Drohungen gegen mich“

Hedda Braunsburger verabschiedet sich aus dem Stadtrat.

Rotenburg - Von Guido Menker. Seit 40 Jahren ist sie für die SPD im Rotenburger Stadtrat vertreten. Sie ist eine Frau, die sich vor allem der Kultur verschrieben hat. Und auch als stellvertretende Bürgermeisterin war sie lange unterwegs. Jetzt zieht Hedda Braunsburger einen Schlussstrich und steigt aus der Politik aus. Sie wird am 11. September bei der Kommunalwahl nicht mehr antreten.

Frau Braunsburger, eigentlich sind Sie aus dem Rotenburger Stadtrat nicht mehr wegzudenken. Warum kandidieren Sie nicht auch in diesem Jahr noch einmal?

Hedda Braunsburger: Als ich kürzlich in der Rotenburger Kreiszeitung las, dass ich die dienstälteste Politikerin im Stadtrat bin, habe ich mich selbst erschrocken und sagte zu mir: Hedda, übertreib es nicht, jetzt ist Schluss. Jetzt müssen Jüngere ran. Die Demokratie vergibt politische Mandate nur auf Zeit. Unser Leben und all unser Tun sind endlich.

Wie kamen Sie damals eigentlich auf die Idee, für die SPD zu kandidieren?

Braunsburger: Selbst bin ich nicht auf die Idee gekommen. Es war die SPD, die mich zu einer Kandidatur überredet hat. Als ich 1970 mit meiner Familie nach Rotenburg kam und für meine Kinder einen Kindergartenplatz suchte, wurde ich überall abgewiesen, und ich war mit dieser Erfahrung nicht allein. So gründetete ich die „Aktion Kindergarten e.V“, deren staatlich anerkannte Kindertagesstätte seit nun mehr als 44 Jahren unverändert als Elterninitiative besteht und sich großer Beliebtheit erfreut. Es war allein die damalige SPD-Stadtratsfraktion, die sich hinter meine Initiative stellte, mehr Kindergartenplätze zu schaffen. Das schaffte meine Nähe zu dieser Partei und brachte mich in die politische Arbeit und den Wunsch, mitzugestalten.

Wie sehr hat in all den Jahren die Kommunalpolitik Ihr Leben geprägt? Haben Sie diese manchmal auch verflucht? Und warum?

Braunsburger: Ich habe lange gebraucht, um mich an alltägliche Politik zu gewöhnen. Nie war ich sicher – vielleicht bin ich es bis heute nicht –, ob ich eine wirkliche Politikerin bin. Denn mehr als eine Meinung hat in meinem Kopf platz. Ich scheue mich, vollständig parteiisch zu sein. Mit großer Freude habe ich auch den Streit in der Sache gesucht, immer Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen und mehrmals nicht mit meiner Fraktion gestimmt. Es ist aber besser für einen Tag eine Löwin zu sein, als ein Schaf sein Leben lang.

Wer an Hedda Braunsburger denkt, denkt sofort an das große Engagement in der Kultur. Warum ist die Ihnen so wichtig?

Braunsburger: Kunst und Kultur sind Motor des städtischen Lebens. Sie sind unverzichtbare Quellen für das Leben unserer Stadt. Aus der Unvoreingenommenheit künstlerischen Schaffens können gesellschaftliche Entdeckungen, Utopien und Innovationen hervorgehen, auf die eine städtische Gesellschaft zu allen Zeiten angewiesen war und gerade heute in Umbruchzeiten noch ist. Obendrein identifizieren sich die Bürger über die Kultur mit ihrer Stadt. Die Kultur ist zwar ein weicher, jedoch wichtiger Standortfaktor. Man sollte das nicht unterschätzen. Wenn zum Beispiel Familien aus beruflichen Gründen vorhaben, nach Rotenburg zu ziehen, ist die erste Frage immer nach Kindergärten, ob es Ganztagsbetreuung gibt und ob alle Schulen vor Ort sind. Die zweite Frage ist stets, ob in Rotenburg auch kulturell etwas geboten wird, oder wir nach Hamburg oder Bremen fahren müssen.

Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Kultur in der Stadt Rotenburg bestellt?

Braunsburger: Kleinkunst wird in Rotenburg angeboten, allein die Volkshochschule hat ihr Kulturprogramm ausgebaut. Ich erinnere an die Rotenburger Konzerte, an den Jazz-Club, die Konzerte der Stadtkirche, die vielen Angebote der Kulturinitiative Rotenburg. „La Strada“ steht wieder vor der Tür, das jüdische Museum in der Cohn-Scheune mit Ausstellungen und Lesungen, die Rotenburger Werke mit der Bildnerischen Werkstatt und für die Jugend die Veranstaltungen am Weichelsee und im „Schmidt’s“ – ich könnte die Liste fortsetzen. Das alles ist kulturelles Leben. Realität in der Utopie.

Das alles ist gewachsen. Welchen Anteil haben Sie selbst daran?

Braunsburger: Ich erinnere mich nur mühsam an das, was war. Ich gebe zu, es gab so manches Mal auch heftige Kritik. Aber von jeher konnte ich besser mit Kritik umgehen als mit Lob. Ich erinnere hier an die „Kulturwochen „Gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“. Neben der positiven Resonanz gab es auch Drohungen gegen mich und eine Veranstaltung – ein Theaterstück – fand unter Polizeischutz statt.

Warum ist es in der Politik immer noch so schwer, die Ratskollegen zu begeistern und Geld locker zu machen?

Braunsburger: Politiker haben nun mal unterschiedliche Prioritäten. Da gilt es, Meinungen auszutauschen, dagegen zu halten, zu kämpfen, zu überzeugen. Konsens ist das Ende einer langen Debatte.

Was machen Sie künftig mit der vielen Zeit, die Ihnen jetzt gegeben ist, weil Sie nicht mehr ständig in Sitzungen dabei sein müssen?

Braunsburger: Ich werde für das kommende halbe Jahr in Bremen an einem politisch-kulturellen Projekt mitarbeiten. Danach? Schau‘n wir mal. Natürlich werde ich mich auch wieder dem Reitsport widmen.

Bleibt eigentlich noch Raum für ein ganz normales Hobby, wenn man im Stadtrat einen Platz hat und diesen auch wirklich ernst nimmt?

Braunsburger: Ja schon, wenn man ein Gespür für eine gute Zeiteinteilung hat. Leider fiel das für mich flach, weil ich ja auch im Kreistag ein Mandat hatte.

Auf welches Ergebnis hoffen Sie bei der Kommunalwahl am 11. September für Ihre SPD?

Braunsburger: Was für eine Frage! Also die CDU-Fraktion darf weiterhin ruhig ihre Interessen im Stadtrat vertreten, das ist repräsentative Demokratie, aber kleiner sollte sie schon werden, deutlich kleiner. Meine Hoffnung: SPD – stärkste Fraktion!

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