Der ehemalige Berufssoldat Bernd Hamborg spricht über seine Auslandseinsätze in Krisengebieten

„Die Angst durfte nicht mitreisen“

Oberstabsfeldwebel a. D. Bernd Hamborg ist im Januar 2012 entlasen worden. - Foto: Goldstein

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Der ehemalige Oberstabsfeldwebel Bernd Hamborg ist im Januar 2012 aus der Bundeswehr entlassen worden. Während seiner 35-jährigen Dienstzeit war er von 1997 bis 2005 drei Mal im Auslandseinsatz. Das bedeutete für den heute 57-Jährigen insgesamt 15 Monate Trennung von der Familie und gefährlicher Dienst in Krisengebieten. Mehr als zehn Jahre nach seinem letzten Einsatz in Bosnien-Herzegowina im Jahr 2005 blickt der ehemalige Berufssoldat mit etwas Abstand auf die Einsätze zurück. In einem Interview mit der Rotenburger Kreiszeitung beschreibt der Oberstabsfeldwebel a.D., wie er die damalige Zeit erlebt hat.

Wann und wo war Ihr erster Einsatz im Ausland und welche Aufgaben hatten Sie? 

Bernd Hamborg: Am 6. Dezember 1997 war ich im Rahmen der Stabilisierungsstreitkräfte (SFOR) als deutscher Soldat in Bosnien und Herzegowina. Die Bundeswehr hatte, wie andere Nato-Partner auch, die Aufgabe, Feindseligkeiten im Land zu verhindern sowie für die Stabilisierung des Friedens und die Normalisierung der Verhältnisse im Land nach dem Bosnienkrieg zu sorgen. Das war ein schwieriger Auftrag, denn die politische Führung war gerade dabei, sich zu etablieren. Es herrschte Chaos. Da waren Menschen auf der Straße, die flüchteten, und andere kamen nach der Flucht wieder zurück.

Haben Sie sich freiwillig für diesen Einsatz gemeldet?

Hamborg: Nein, freiwillig im Sinne, dass ich „Hurra!“ geschrien habe, nicht. Damals lief der Einsatzbefehl nach folgendem Muster ab: Großverbände bekamen die Federführung für einen Einsatz. Da gab es Personalanforderungslisten für die Dienstposten. Wer dem Persönlichkeitsprofil entsprach, wurde gefragt. Ich habe auf eine solche Anfrage zugesagt. Ein „Nein“ wäre damals sicherlich auch nicht ohne Konsequenzen für meine Karriere in der Bundeswehr geblieben.

Wie haben Sie sich vorbereitet, als der Einsatzbefehl feststand?

Hamborg: Man musste sich in zweierlei Hinsicht vorbereiten – auf dem dienstlichem und privatem Sektor. Der Dienstherr legte ein Ausbildungsprogramm für den Soldaten fest. Ich wurde zunächst am Standort und später in Hammelburg von den Ausbildern auf alle erdenklichen Situationen, die im Einsatz auftreten könnten, vorbereitet. Mir war klar, dass vor mir und meiner Familie keine leichte Zeit lag. Für die Dauer der Abwesenheit hatte ich Vorsorge getroffen. Meine Ehefrau musste zwangsläufig die Familiengeschäfte weiterführen. Ich habe ihr eine Generalvollmacht ausgestellt. So war sie handlungsfähig, auch wenn mir etwas zugestoßen wäre.

Folgten noch weitere Auslandseinsätze?

Hamborg: Ja, noch zweimal bin ich in Krisengebieten im Ausland zum Einsatz gekommen. Im Februar 2000 war ich als deutscher Soldat im Rahmen eines Nato-Verbandes der Kosovo-Force (KFOR) auf dem Balkan. Der Krieg im Kosovo hatte im März 1999 begonnen. Als wir eintrafen, war unser Lager mit Zelten und Containern gerade etabliert worden. Das Land war für mich unwirklich. Ruinen, soweit das Auge reicht, und Menschen, die in unwürdigen Unterkünften hausten. Fünf Jahre später musste ich erneut nach Bosnien und Herzegowina am gleichen Ort, wo ich bereits 1997/1998 in Einsatz gewesen bin.

Wer oder was waren damals Ihre „Feinde“?

Hamborg: Die Minen. Unzählige von denen waren dort unkontrolliert verlegt worden. Die Gefahr, dass noch irgendwo verborgene Minen liegen, war selbst in unserem Camp gegeben. Das Entschärfen war eine harte Arbeit für die Feuerwerker. Wir sind auf diese Gefahr in Deutschland vorbereitet worden. Eine wichtige Regel war: Nie die Straße verlassen, egal was passiert. Besonders schlimm war die Detonation einer Mine in unserem Feldlager, Dabei hat ein Feuerwerker seine Hand verloren.

Hatten Sie eigentlich Angst bei den Einsätzen?

Hamborg: Nein, die Angst durfte nicht mitreisen. So würde ich mein Gefühl damals nicht bezeichnen. Es schien alles so unwirklich. Angst hätte man nicht haben dürfen, dann hätte man die Belastung nicht geschafft. Ich bin am Tag vor meiner Abreise mehr als eine Stunde im Kölner Dom gewesen und bin in mich gegangen.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis?

Hamborg: Das war ganz zu Beginn. Postraumatische Belastungsstörungen (PTBS) wurden bei den Streitkräften nicht so wahrgenommen. Nachbereitungsseminare, in denen man nach dem Einsatz zusammengezogen wird, um in der Gemeinschaft die Erlebnisse noch einmal aufzuarbeiten und zu bewältigen, gab es noch nicht. Ein junger Kamerad, den ich beim KFOR-Einsatz kennengelernt hatte, war der Belastung nicht gewachsen und hat sich drei Monate nach dem Einsatz das Leben genommen. Das war für mich ein sehr schlimmes Erlebnis. Das ist heute anders, da werden diese PTBS sehr ernst genommen.

Gab es auch schöne Erlebnisse?

Hamborg: Ja. Wir haben uns an der Aktion „Lachen Helfen“ beteiligt. Dieses Projekt wurde von Bundeswehrsoldaten im Einsatz initiiert und in Zusammenarbeit mit Leuten von der zivilmilitärischen Zusammenarbeit durchgeführt. Wir erhielten viele Spenden aus Deutschland und auch durch Aktionen, die die Soldaten vor Ort durchgeführt haben. So konnten wir im Einsatzland einzelnen Personen, Familien und in Kinderheimen helfen. Manchmal war es nur ein Stofftier, das wir einem Kind schenkten. Die freudigen und glücklichen Kinderaugen sind bei mir als schönstes Erlebnis haften geblieben. Zudem haben wir das Jahresgehalt eines Lehrers an einer Schule bezahlt. Von diesen Hilfen könnte ich noch einige mehr aufzählen.

Haben sie dort etwas erreichen können und hatte sich die Situation geändert?

Hamborg: Nach acht Jahren hatte sich durch die Präsenz unserer Streitkräfte dort einiges zum Positiven hin entwickelt. Einige Häuser waren wieder aufgebaut, Schulen neu errichtet worden, und das Leben hatte etwas an Normalität gewonnen. Es war für mich eine Genugtuung, das zu sehen. Es war der Bundeswehr und den anderen beauftragten Nationen gelungen, den Auftrag der Politik, das Land zu stabilisieren, umzusetzen.

Haben Sie von der Waffe Gebrauch gemacht und auf einen Menschen geschossen, um ihr oder anderer Menschenleben zu retten?

Hamborg: Ich habe Gott sei Dank nie vor der Entscheidung gestanden, auf einen Menschen zu schießen. Es hat kritische Situationen gegeben, wo es dazu hätte kommen können. Die gute Ausbildung „Verhalten bei Stresssituationen Eskalation/Deeskalation“ hat mir und meinen Kameraden geholfen, Konflikte möglichst ohne Waffenbenutzung zu lösen. Das ist mir immer gelungen.

Warum ist es wichtig, dass Deutschland sich im Ausland militärisch engagiert?

Hamborg: Die politischen Interessen Deutschlands sind nicht nur auf das eigene Territorium beschränkt, sondern auch auf das Ausland. So sind Bosnien-Herzegowina und der Kosovo Teile von Europa. Sie sind inzwischen auch potenzielle Kandidatenländer der Europäischen Union. Für mich eine wichtige Entscheidung für die positive Entwicklung auf dem Balkan. Nach dem Zusammenbruch des Tito-Regimes hat sich das ehemalige Jugoslawien in verschiedene ethnische Richtungen entwickelt. Die militärischen und zivilen Einsatzkräfte aus den Nato-Ländern haben dort Ruhe reingebracht. So wird auch aktuell in Afghanistan weiter versucht, die Regierung zu stärken, um die Politik in freiheitliche Bahnen zu lenken.

Was macht der Soldat eigentlich im Einsatzland, wenn er keinen Dienst hat?

Hamborg: Eigentlich hatte ich zum Beispiel 1997/98 nur einen halben Tag pro Woche frei. Da konnte ich mich zurückziehen, soweit es möglich war, da wir mindestens mit zwei Soldaten in den Containern oder Zelten untergebracht waren. Ich bin dann oft zum Gottesdienst gegangen. Die temporäre Kapelle des Militärseelsorgers war immer gut besucht. Ich habe damals einen „Schutzengel“ in Form einer Medaille vom Militärpfarrer bekommen, den ich heute noch besitze. Dieser Talisman hat mich immer während der Einsätze begleitet. Die Freizeitangebote waren während meiner Zeit im Ausland dünn gesät. Ich gehörte oft zu den ersten Kontingenten, die in den Einsatz gefahren sind. Da stand zunächst die Pflicht an. Die Kür kam erst später, und nach einer gewissen Zeit waren in den Camps ein Kino und auch eine Fitnesshalle.

Was hat das mit der Dose Bier auf sich, die angeblich jeder Soldat täglich bekommen soll?

Hamborg: Ich habe noch Verbindung zu Kameraden, die in Afghanistan eingesetzt waren oder sind. Die müssen eine längere Zeit auf das Bier verzichten. Im Allgemeinen galt: Eine Dose Bier nach Dienstschluss am Abend ist erlaubt. Wir Soldaten sind in vielerlei Hinsicht sehr ideenreich, und auch da fehlte es uns nicht an Einfällen. Wenn ich mich recht entsinne, hatten einige Soldaten gute Beziehungen zum Marketenderpersonal geknüpft. Die hatten Bier, Chips und einiges mehr im Shop. Da wurden so manche Tauschgeschäfte gemacht. Die Soldaten von den EDV-Trupps waren smarte Burschen. Die Fernmeldetrupps haben in der Regel eine Klimaanlage. Bei den heißen Temperaturen im Sommer war das eine Möglichkeit, die Getränke kalt zu halten. Da sprang für die EDVler schon öfter ein extra Bierchen für das Kühlhalten der Getränke heraus.

Durften Sie ohne Uniform das Lager verlassen?

Hamborg: Nein, das war verboten. Es gab einen ,Dress-Code’, der vorschrieb, in welcher Kleidung das das Lager verlassen werden darf. Zudem durfte das Camp nie alleine, sondern je nach Gefährdungslage, nur zu zweit oder in Gruppen verlassen werden. Dazu musste mindesten einer dabei sein, der seine Waffe dabei hatte.

Was würden Sie einem jungen Soldaten geraten, der zu einem Einsatz ins Ausland geht?

Hamborg: Ich habe es selbst in der eigenen Familie erlebt. Unser Sohn war bei der Marine sechs Monate vor dem Libanon eingesetzt. Ich habe ihm viele Ratschläge aus meinen Erfahrungen erteilt. Mein Rat für alle: Haltet Euch an die alten Kameraden. Die wissen, wo es lang geht, und die können Euch sagen, wie man am Besten durch so etwas durchkommt.

War es eine gute Idee, die Wehrpflicht auszusetzen?

Hamborg: Aus meiner Sicht, nein. Die Wehrpflicht hat keinem jungen Menschen geschadet. Die Zeit war wichtig für die weitere Entwicklung auf dem Weg zum Erwachsen werden. Tugenden wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Loyalität und ein positives Sozialverhalten, wurden hier besonders geprägt.

Würden Sie heute noch einmal in den Einsatz gehen

Hamborg: Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, ein klares Ja! Ich würde nicht, wie es einige ehemalige Kameraden machen, als Reservist in den Auslandseinsatz gehen.

Haben Sie jemals bereut, Soldat geworden zu sein?

Hamborg: Nein!

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