Arbeitsplatz auf vier Rädern: Was Taxifahrer erleben

Abschluss-Trip für eine 96-Jährige

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Am Rotenburger Bahnhof reihen sich manchmal bis zu acht Taxis hintereinander, die Fahrer warten auf Kundschaft. - Fotos: Ginter

Rotenburg - Von Jessica Ginter. „Taxi!“ Diesen Ausruf kennen viele, aber wohl eher aus einer amerikanischen Filmszene, die am Broadway in New York spielt. In Rotenburg sind Taxis häufig ganz einfach am Bahnhof zu finden. In einer Reihe stehen dort zeitweise vier bis acht dieser Wagen, die alle nur ein Ziel haben: den nächsten Kunden abfangen. Aber was tut so ein Taxifahrer, während er auf den nächsten Fahrgast wartet? Denn manchmal, so hat es unsere Befragung gezeigt, lassen die Kunden ziemlich lange auf sich warten.

Taxifahrer sind die guten Seelen des Straßenverkehrs. Sie fahren zu jeder Uhrzeit und an jedes beliebige Ziel. Ob nach einer wilden Partynacht aus dem Club nach Hause oder vom Flughafen zum Hotel: Sie sind immer und überall zur Stelle. Dabei kommt ihnen manchmal die Rolle eines Psychologen zu: Die meisten Kunden erzählen ihren Fahrern währenddessen vom Beziehungsstress, dem blöden Chef oder von Krankheiten.

Aber auch die hartgesottensten Chauffeure brauchen einen Moment zum Durchatmen, um all die „Beichten“ zu verarbeiten. Und manchmal müssen sie einfach auf Kunden warten. Aber was machen die Menschen hinterm Steuer im Leerlauf?

Kay Wiechers (51)

„Kaffee trinken, am Handy spielen, Krimis lesen“, sagt Kay Wiechers. Die 51-Jährige ist seit 25 Jahren Taxifahrerin und muss während eines Dienstes auch schon mal bis zu zwei Stunden lang auf einen Gast warten. „Hauptsächlich stehe ich am Bahnhof, am Krankenhaus oder am Neuen Markt hier in Rotenburg“, sagt sie. Wiechers’ längste Fahrt ging bis nach Cuxhaven. Das tollste an diesem Job sei für sie, dass „ich nie weiß, was mich erwartet“. Auf der Rückbank habe sie nämlich schon jegliche Art von Kunden sitzen gehabt.

„Ich fahre häufig nach Bockel zum Autohaus. Deren Kunden bestellen die Autos aus dem Ausland“, erklärt Wiechers. So hatte sie neben Deutschen, Russen und Schweden auch schon Fahrgäste, die aus Spanien, Kasachstan und Norwegen angereist sind. „Mit denen führt man gute Gespräche, manchmal auch auf Englisch. Das ist dann immer ziemlich spannend, was die so erzählen.“

In ihrer langjährigen Zeit als Fahrkraft gab es in ihrem Wagen auch sogar schon gefährliche Situationen. „Einer hatte mir mal bei 80 ins Lenkrad gegriffen“, erinnert sich die 51-Jährige. Zwei Männer sind mal aus ihrem Auto gestiegen, ohne zu bezahlen. „Da konnte ich dann nicht mehr hinterherrennen.“

Marion Wordelmann hingegen ist noch nicht lange dabei und macht den Job aushilfsweise. Die 57-Jährige empfindet die Fahrten zum oder nach dem Hurricane Festival sowie bei Bullenseetouren am 1. Mai oder beim Frühtanz in Appel als die lustigsten. „Betrunkene erzählen auch mal gerne und viel. Man muss nur darauf achten, frühzeitig das Geld zu kassieren“, so Wordelmann.

Ihre Wartezeit vertreibt sich die Fahrerein gerne mit Krimis von Joy Fielding – ihre Kunden habe sie deshalb aber noch nie vernachlässigt. „Dienst ist Dienst, egal, wie sehr man in das Buch vertieft ist.“ Das Warten gehört für sie „zu dem Job einfach dazu“. Manchmal chatte sie auch, aber das sei nicht häufig der Fall: „Ich komme aus einer anderen Generation. Ich bin ohne Handy aufgewachsen.“ Wordelmanns weiteste Fahrt war der Hamburger Flughafen.

Rainer Roloff (51) fährt seit 30 Jahren Taxi.

Da hat Rainer Roloff noch Krasseres erlebt, denn er ging sogar eine ganze Woche lang auf Tour – selbstverständlich nicht durchgehend. Einer damals 96-jährigen Dame hatte er den Wunsch erfüllt, einen Abschluss-Trip zu machen. Über Bonn, Augsburg und den Bodensee ging es nach Schaffhausen in die Schweiz und anschließend nach Salzburg in Österreich. An dieses Erlebnis würde Roloff sich wohl in 40 Jahren noch erinnern können. „Es war beeindruckend, was diese Frau so alles erzählt hat“, erinnert er sich. In den 20er-Jahren habe sie in Berlin gelebt und ihrem persönlichen Chauffeur viele Jahre später von den Ereignissen aus dieser Zeit berichtet.

In seiner 30-jährigen Erfahrung als Taxifahrer kam es auch schon mal vor, „dass ich Tage hatte, an denen ich morgens zum Bahnhof gefahren bin und abends zurück – ohne eine einzige Fahrt“. An solchen Tagen würde man dann „einfach blöd aus dem Fenster gucken“.

Dietmar Bergmann (42)

Ganz so lange Wartezeiten wie Roloff hat Dietmar Bergmann nicht. Unter seinen Kollegen ist der 42-Jährige auch als „Rolli-Fahrer“ bekannt. Denn: Er hat ein Rollstuhl-Taxi. „Häufig fahre ich ältere Menschen zum Krankenhaus oder Altenheim“, erklärt Bergmann. Eine außergewöhnliche Fahrt erlebte er gerade erst wieder. „Eine 81-Jährige hat mir auf dem Weg nach Hamburg durchgehend Witze erzählt“, erzählt der Fahrer und lacht. Aber auch negative Erfahrungen habe er während seiner sechsjährigen Dienstzeit schon gemacht. „Ein blutverschmierter Mann war um sieben Uhr morgens an diesem Tag mein erster Fahrgast“, erzählt der 42-Jährige. Aus einer Kneipe hat Bergmann ihn nach Hause gebracht und während der Fahrt ein unwohles Gefühl gehabt: „Er hatte bezahlt, jedoch habe ich danach festgestellt, dass er mir mein Handy geklaut hat.“

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