Mutterhaus-Vertreter kritisieren Umgang von Agaplesion mit Diakonieklinikum

Abschied sorgt für Empörung

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Mitarbeiter des Diakonieklinikums hängen ein Transparent auf, um ihre Solidarität mit Geschäftsführer Rainer W. Werther zu demonstrieren. Dieser geht zum Jahresende – warum, ist unklar.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Was steckt dahinter, dass der anerkannte, erfolgreiche Geschäftsführer des größten Arbeitgebers im Landkreis sein Unternehmen verlässt? Eine „berufliche Neuorientierung“ auf eigenen Wunsch, wie es offiziell heißt – oder doch viel mehr? Aus dem Abschied von Rainer W. Werther vom Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg ist ein Politikum geworden: Mitarbeiter solidarisieren sich, es gibt Proteste, und höchste Kirchenkreise üben aufs Schärfste Kritik an der Geschäftspolitik des Agaplesion-Konzerns.

Keine Aussage, kein Interview, keine Details. Öffentlich wird nicht gesprochen, keine Seite ist zu einer Stellungnahme bereit. Presseanfragen zu den Gründen, warum Werther Rotenburg verlässt, werden von Rotenburg in die Konzernzentrale nach Frankfurt weitergeleitet. Von dort antwortet Tino Drenger, Leiter der Unternehmenskommunikation des Agaplesion-Aktienkonzerns, der bundesweit 100 Einrichtungen, davon 25 Krankenhäuser, betreut, kurz und knapp: „Nachdem Herr Werther sein Amt als Geschäftsführer zum 31. Dezember 2016 niedergelegt hat, bitten wir Sie um Verständnis, dass wir im Interesse der beteiligten Personen keine Stellung zu Ihren Fragen nehmen möchten.“

Transparent: „Danke, Rainer! Wir werden dich vermissen“

Dabei ist die Debatte mittlerweile eine öffentliche. Am Donnerstagnachmittag haben Mitarbeiter des Diakonieklinikums an den Hubschrauberlandeplatz – direkt gegenüber vom Büro des Noch-Geschäftsführers Rainer W. Werther – ein Transparent mit einer Solidaritätsbekundung aufgehängt: „Danke, Rainer! Wir werden dich vermissen.“ Das sagt auch Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD): „Ich bedauere diesen Schritt.“ Ob es um den Campus Unterstedt, Kinderbetreuung oder andere Kooperationen gegangen sei – „unsere Zusammenarbeit war immer von gegenseitigem Vertrauen geprägt und sehr positiv“, so Weber.

Die Zahlen, die Werther Jahr für Jahr auch öffentlich vorlegte, sind gut. Das Diakonieklinikum behauptet sich in einem schweren Umfeld, wächst, expandiert, strahlt weit ins Umland aus. Werther stellte das stets offensiv zur Schau, kämpfte für sein Haus. Vielleicht zu offensiv für die Konzernführung?

Diesen Verdacht nährt ein Schreiben, das bereits am 12. Oktober an den Agaplesion-Vorstandsvorsitzenden Markus Horneber adressiert wurde. Unterzeichnet haben es Landessuperintendent Hans Christian Brandy, der Bremer Rechtsanwalt Peter Backes, Niedersachsens Diakonie-Chef Christoph Künkel und Steuerberater Hartwig Meyer aus Rotenburg – allesamt Vertreter des Diako-Minderheitsgesellschafters, des Diakonissen-Mutterhauses. Sie werfen dem Agaplesion-Vorstand in scharfer Wortwahl vor, „sowohl die Unternehmensgrundsätze von Agaplesion als auch die Prinzipien der Diakonie auf das Gröbste verletzt“ zu haben. Denn auch wenn es sich „de iure nicht um eine Abberufung handelt“, hätte ein Gespräch, das eine entsprechende Entscheidung zur Zukunft von Werther zur Folge haben sollte, „zwingend der Abstimmung mit der Gesellschafterversammlung bedurft“.

Wirtschaftlichen Folgen für die Klinik seien unabsehbar

Die „handstreichartige Entscheidung“ des Vorstandes könne im Hinblick auf die sehr erfolgreiche Arbeit von Werther nicht nachvollzogen werden, zudem seien die wirtschaftlichen Folgen für die Klinik unabsehbar. Dass gleichzeitig mit dem Wuppertaler Krankenhausleiter Georg Schmidt ein neuer Geschäftsführer benannt worden sei „ist ein eindeutiger Bruch des Gesellschaftvertrages“. Dies sei gegenüber dem Kandidaten „respektlos“ und zudem ohne die Zustimmung der Gesellschaftversammlung „nicht rechtswirksam“.

Das Fazit der Verfasser: „Der Geist einer guten diakonischen Zusammenarbeit ist durch den Agaplesion-Vorstand schwer beschädigt worden.“ Auf Nachfrage will sich jedoch auch Landessuperintendent Brandy nicht weiter zu dem Schriftstück äußern. Sein offizielles Statement: „Ich schätze Herrn Werther als Person und in der Zusammenarbeit für das Diakonissen-Mutterhaus außerordentlich. Dass er Rotenburg verlässt, bedauere ich sehr.“

Es gibt sogar einen zweiten „Brandbrief“ dieser Art – verfasst von rund 60 leitenden Angestellten des Diakonieklinikums. Auch sie beklagen sich, dass das Vertrauen für eine Zusammenarbeit zerstört sei. „Mit den Menschen wird nach Gutsherrenart umgegangen“, heißt es inoffiziell. Auch hier aber: keine öffentlichen Statements.

2.300 Mitarbeiter warten noch auf Antworten

Anfang kommender Woche wird sich der Agaplesion-Vorstand in Rotenburg den vielen Fragen der Rotenburger Klinik-Leitung stellen. Die große Zahl der 2.300 Mitarbeiter wartet indes noch auf Antworten. Genau wie die Patienten. Zur Frage, ob sich der Wechsel in der Chefetage und ein möglicher, schärferer Sparkurs auf die Behandlungen auswirkt, sagt Agaplesion-Sprecher Drenger ausweichend: „Sehr gute Qualität lässt sich nur durch angemessene Stellenbesetzungen, gut gesteuerten Personaleinsatz im Krankenhaus, durch effiziente Prozesse und Organisation sowie durch Einhaltung der gesetzlichen Regelungen erreichen. Dazu kommt, dass Krankenhäuser Mittel für Investitionen in die Bausubstanz, zum Beispiel in moderne Stationen, in die Medizintechnik und immer mehr auch für Investitionen in die Digitalisierung zur Verfügung haben müssen.“

Agaplesion und das Mutterhaus 

Das Rotenburger Diakonieklinikum gehört nach der Entscheidung des Bundeskartellamts vom 19. September 2012 offiziell seit 1. August 2013 zur gemeinnützigen Aktiengesellschaft Agaplesion mit Sitz in Frankfurt. Es wird nun von zwei Gesellschaften getragen: zu 60 Prozent von Agaplesion und zu 40 Prozent vom Ev.-luth. Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg. Das Mutterhaus war bis zum Jahr 2002 alleiniger Träger des Diakoniekrankenhauses. 2003 erfolgte die Ausgründung in die rechtlich eigenständige gemeinnützige GmbH Prodiako. Bis zur Übernahme durch Agaplesion war das Mutterhaus Mehrheitsgesellschafter der Prodiako mit Sitz in der Kreisstadt. 

Agaplesion und Mutterhaus bilden gemeinsam eine Gesellschafterversammlung, die alle wichtigen Entscheidungen des Unternehmens gemeinsam und sogar einstimmig treffen muss – so sieht es der entsprechende Gesellschaftervertrag vor. Diesem Gremium gehört der Agaplesion-Vorstand mit dem Vorsitzenden Markus Horneber und Jörg Marx an. Hinzu kommen drei der Unterzeichner des „Brandbriefs“: der Bremer Rechtsanwalt Peter Backes, Niedersachsens Diakonie-Chef Christoph Künkel und Steuerberater Hartwig Meyer aus Rotenburg. Fallen Entscheidungen in diesem Gremium nicht einstimmig, muss der Agaplesion-Aufsichtsrat tätig werden. 

Unter den 18 Mitgliedern dieses Gremiums ist aus Rotenburger Sicht nur ein hiesiger Vertreter, zudem ein ehemaliger: Ex-Superintendent Hans-Peter Daub. Der vierte Unterzeichner des kritischen Briefs an den Agaplesion-Vorstand ist der Landessuperintendent für den Sprengel Stade der evangelischen Landeskirche Hannovers, Hans Christian Brandy. Er ist der Vorsitzende des Kuratoriums des Diakonissen-Mutterhauses. Das rund zehnköpfige Kuratorium setzt den Vorstand des Mutterhauses, im Übrigen ein eingetragener Verein, ein. Diesen Posten haben aktuell Rainer W. Werther und Oberin Sabine Sievers inne – bis auf Weiteres.

Lesen Sie dazu den Kommentar „Es verlieren alle“ von Michael Krüger

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