Europäische Jazz-Elite trifft sich im Finteler Zirkuszelt

Zwischen Groove und Freejazz

Hannes Lingens (v.l.), Sebastian Beliah, Louisa Laurain und Hannes Buder zeigten hochkarätigen, innovativen Jazz jenseits großer Bühnen. - Foto: Heyne

Fintel - Manchmal spielen sich die (jazz-)konzertanten Höhepunkte nicht in der Bremer Glocke ab, im Sendesaal oder in der Hamburger Kampnagelfabrik – sondern im Zirkuszelt in einem Garten in Fintel. Dort war am Samstagabend, weitgehend unbemerkt von der Jazzszene, Großes zu hören. Bereits zum fünften Mal wurde der Garten der Familie Lingens zum Mekka für hochkarätige Jazzmusiker – und das vor allem für Freunde, Bekannte, einige Flüchtlinge und Jazzfans, die bis aus Hamburg gekommen waren.

Zum 30. Todesjahr hatten sich die vier Improvisationstalente um den Schlagzeuger Hannes Lingens der Musik des afrikanischen Jazzbassisten Jonny Dyani angenommen. Das Projektquartett „Cape Doctor“, symbolträchtig nach dem befreienden Wind am Kap der guten Hoffnung benannt, sei jedoch eher ein musikalischer Abstecher: „Sonst spielen wir eher unsere eigenen Sachen“, so Lingens.

Die Zuschauer dankten es, basieren die Improvisationen doch auf gut nachvollziebaren, durchsichtigen, zuweilen „fast naiven“ Melodien. Gastgeberin Gesine Lingens: „Sonst ist es auch schon mal etwas freier.“ Sie konnte sich freuen, ihren Sohn zum fünften Mal mit hochkarätigen Kollegen, die der Wahl-Berliner auch in seinem eigenen Label um sich schart, im heimischen Garten begrüßen zu dürfen. Neben dem Kontrabassisten Sébastian Baliah und dem Gitarristen Hannes Buder, beide bereits mehrfach hier zu erleben, gab vor allem Trompeter Louis Laurain den Ton an – und der hatte es in sich: Frische Improvisationen, gepaart mit den groovigen afrikanischen Gute-Laune-Motiven, wie sie etwa auch auf Paul Simons legendärem „Graceland“-Album Einzug hielten, vier nach nur einer Probe stimmig agierende Musiker, die sich gegenseitig solistische Freiräume einräumten – das passte.

Auch stilistisch zog das Quartett reichlich Register: Von Buders lasziv-lasziver, fetter Bluesgitarre in „House Arrest“ über behutsamen Caféhaus- statt Freejazz im „Song for Biko“, bei dem der sonst sensibel-zurückhaltende Bassist Baliah seine Qualitäten zeigte, bis zu Lingens perkussiven Drumsoli.

Der Wunsch der Gastgeberin: „Bloß keine Routine!“ – er wurde mehr als erfüllt. Und auch den Musikern, sonst in Paris, Berlin oder Warschau beheimatet und auf Bühnen zwischen New York, Tokio und Westafrika unterwegs, war der Spaß an der Atmosphäre des ungewöhnlichen Spielorts anzumerken. „Wir haben gestern in Berlin gespielt. So einen gemeinsamen Abstecher mit dem Auto nach Fintel macht man nur, wenn man sich versteht“, meint Lingens mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht. - hey

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