Sandra Rohrer bewahrt Pferde vor dem Schlachthaus 

„Oft sind sie psychisch krank“

Sandra Rohrer mit der jungen Haflinger Stute Love, die sie in Österreich vor dem Schlachthof gerettet hat. - Foto: Röhrs

Fintel - Von Matthias Röhrs. Drei Wochen ist es nun her, dass Sandra Rohrer sich mit ihrer Freundin Claudia Schilling auf den Weg nach Österreich gemacht hat. Das Ziel: ein Gestüt irgendwo in Tirol. Der Anlass: die Rettung zweier Fohlen. „Vor der Wurst“, wie Rohrer sagt. Weil sie krank sind, weil sie nutzlos für ihren Besitzer waren, drohte den beiden Tieren das Schlachthaus. Es ist zwar die bisher weiteste, aber lange nicht die erste derartige Reise, die Rohrer unternommen hat. Um die 40 Pferde hat sie bereits gerettet; im Interview zum Wochenende haben wir mit ihr darüber gesprochen.

Sandra Rohrer steht an einer Weide am Rande ihres Bauernhofes. Einige hundert Meter weiter sieht man die Dächer Fintels, auf der Fläche davor sind sie, die beiden Fohlen: Die Haflinger-Stute Love, die sich sogleich in Richtung Rohrer bewegt, und der Noriker-Hengst Faith. Der bleibt allerdings liegen – kaputte Gelenke. Eine Streptokokken-Infektion sei das, habe man der 30-Jährigen erzählt. Sie war allerdings misstrauisch ob der Diagnose und hat ihren eigenen Tierarzt zur Rate gezogen. Der bestätigte ihren Verdacht, die kaputten Gelenke seien vermutlich angeboren – einen sogenannten Karpfenrücken habe das Pferd. Der junge Hengst steht jetzt auf. Es geht nur ganz langsam, die Beine zittern.

Frau Rohrer, auf welchen Wegen erfahren Sie von diesen Tieren?

Sandra Rohrer: Häufig über das Internet, durch Anrufe oder über das Veterinäramt. Es wissen mittlerweile viele, dass ich die Pferde rette und ein großes Herz für sie habe. Man ruft mich dann an, sagt mir, wo ein Pferd ist, was mit ihm los ist und ich hole es dann ab. Es sind in der Regel „Zeugen“, die sich melden und nicht die Besitzer. Ein krankes Pferd ist ja auch mit vielen Kosten verbunden und nicht jeder kann sich das leisten. Und auch nicht jeder kauft sich ein krankes Pferd, die wollen alle gesunde Tiere, die Leistung bringen. Deshalb droht ihnen häufig die Schlachtung.

Wo kommen die Tiere her?

Rohrer: Österreich war schon eine Ausnahme, weil das eine sehr lange Fahrt ist. Bis zu vier oder fünf Stunden fahre ich aber schon.

Pferde begleiten Sandra Rohrer schon ein Leben lang. Bereits im Alter von zwei Jahren hat sie als Tochter eines Pferdewirts mit dem Reiten angefangen. Die gebürtige Heidenauerin (Landkreis Harburg) ist 2014 mit ihrer Familie nach Fintel gekommen, zuvor haben sie in Königsmoor gelebt.

Es geht weiter, zur nächsten Koppel. Hier stehen neben den gesunden Pferden von anderen Reitern elf weitere, die die Fintelerin vor dem Schlachthof gerettet hat. Es ist das Schicksal vieler Tiere, wenn sie sich verletzen oder krank werden: Einschläfern oder schlachten ist dann die Frage. Letzteres findet Rohrer allerdings besser. Das gehe schließlich schneller mit dem Bolzenschussgerät. Ein Schuss damit, und das Pferd ist tot. Einschläfern bedeutet Leiden für das Tier. Erst wird es betäubt, bevor es die tödliche Injektion bekommt, manche Tiere würden richtig dagegen ankämpfen, so Rohrer. Wie sie sich dann winden und zappeln, das könne sie schlecht mit ansehen.

Sind Pferde im Vergleich zu Schweinen oder Rindern besonders schützenswert?

Rohrer: Für mich schon, weil man mit ihnen ganz anders arbeiten kann. Mit einem Rind kann ich nicht über Hürden springen, keine Dressurlektionen oder ins Gelände reiten. Pferde sind einfach mein Leben. Letztendlich sind sie Lebewesen, wie andere Tiere auch. Aber sie geben mir das, was Menschen mir nicht geben – Vertrauen zum Beispiel.

Sind Sie Vegetarierin?

Rohrer: So gut wie. Wenn ich Fleisch esse, dann nur von unseren eigenen Kühen auf dem Hof. Ich kaufe kein Fleisch aus dem Laden. Claudia ist dagegen wirklich Vegetarierin und isst gar kein Fleisch. Und ich esse halt nur das vom Hof.

Werden Pferde nicht auch speziell für die Schlachtung gezüchtet?

Rohrer: Werden sie, leider. In Österreich ist das ganz extrem und weit verbreitet. Gerade schwere Rassen wie Haflinger, Noriker oder Freiberger werden dort speziell für die Schlachtung gezüchtet, dort ist Fohlenfleisch sehr begehrt.

Müssen diese Pferde grundsätzlich gerettet werden?

Rohrer: Müssen sie nicht, aber es wäre schöner. Es sind oft gesunde Pferde mit toller Abstammung dabei, womit man als Freizeitreiter oder manchmal sogar als Turnierreiter noch viel mit anfangen kann. Diese Tiere zu schlachten ist einfach schade.

Sperren Sie sich grundsätzlich gegen das Essen von Pferdefleisch?

Rohrer: Das muss jeder selber entscheiden, ich kann da niemandem etwas verbieten. Mein Mann isst auch gerne mal eine Pferdewurst, aber ich für meinen Teil muss das nicht unbedingt mitkriegen. Ich selbst möchte und kann sie einfach nicht essen, weil mir diese Tiere so am Herzen liegen.

Natürlich, nicht nur in Österreich gibt es zu rettende Pferde. Im Prinzip könne laut Rohrer in jedem Kuhstall ein Pferd stehen, das von seinem Besitzer nicht artgerecht behandelt wird. Dort stehen sie mit den Kühen, gehen manchmal vielleicht noch an deren Futter. Auslauf gibt es für sie keinen. „Nein“, sagt Rohrer, unter Generalverdacht wolle sie natürlich keinen stellen. Doch sie kennt das Schema: Hat das Tier für den Halter keinen Nutzen mehr, kommt es in die Wurst. Oder es wird vergessen.

Auf Rohrers Koppel trifft man Tiere mit den unterschiedlichsten Schicksalen an. Ein dürrer, alter Hengst steht neben einem ausgedienten Rennpferd. Manch anderes hat Rohrer aus der Verwahrlosung befreit, wieder andere wurden von den Vorbesitzern misshandelt. Selbst sexueller Missbrauch durch Menschen ist darunter. Ihre Stimme färbt sich mit Hass, als sie darüber spricht.

Was passiert bei Ihnen mit den Pferden?

Rohrer: Generell versuche ich, bei den Pferden die Psyche wieder klar zu kriegen. Ich habe ein misshandeltes Turnierpferd, dass nach Menschen getreten hat. Das ist natürlich viel Arbeit bis es sich wieder normal verhält, es Menschen gegenüber nicht mehr aggressiv ist und nicht beißt. Wenn ich weiß, dass die Pferde auch körperlich wieder gesund sind – obwohl die meisten psychisch krank sind –, versuche ich sie wieder zu reiten. Wenn das nicht klappt, dann ist das okay. Dann dürfen sie hier stehen, ihren Lebensabend genießen und wieder Pferd sein. Faith versuchen wir jetzt erst einmal schmerzfrei zu kriegen. Der Tierarzt ist jeden Tag da.

Wie kriegt man ein Pferd psychisch wieder auf die Beine?

Rohrer: Mit ganz viel Liebe (lacht). Viele Reiter sind grob und verlangen viel von einem Pferd. Bei mir dürfen sie erst einmal ankommen, sich erholen und dann fängt man langsam an, sie anzufassen, zu streicheln und mit ihnen spazieren zu gehen. Man baut eine Bindung zu ihnen auf, dass sie einem vertrauen. Danach geht es daran, ein bisschen mit ihnen zu arbeiten.

Wie finanziert sich das alles? Rohrer überlegt nicht lange. „Das meiste bezahle ich selbst.“ Claudia Schilling ist im Tierschutzverein Netzwerk Finchen engagiert, über den Rohrer noch Spenden für die Tierarztkosten reinbekommen kann – für Faith und Love. Ansonsten ist es die Landwirtschaft, die die Pferderettung finanziert. Zudem die Einstallungen anderer Pferde und Reitunterricht. Obwohl, wenn das Pferd erst einmal gesund ist, dann ist es gar nicht mehr so teuer, so Rohrer. „Meine sind jetzt alle gesund“, sagt sie. Da gebe es nicht mehr viel zu finanzieren. „Nur noch der Hufschmied und die Wurmkur, die sie zwei Mal im Jahr bekommen.“

Was kostet ein krankes Tier?

Rohrer: Das ist unterschiedlich. Manchmal bekomme ich es umsonst, manchmal kann es bis zu 1 000 Euro kosten. Das ist die ungefähre Preisspanne. Faith hat zum Beispiel 400 Euro gekostet.

Wollen Sie sich die Pferderettung auch mal professionell betreiben?

Rohrer: Schon, wobei ich jetzt nicht unbedingt mehr Pferde haben möchte. Mit den 30, die hier auf dem Hof leben, reicht es dann auch. Ich muss mich da selbst bremsen, weil sonst habe ich hier den Hof voll und kann mich dann nicht mehr gut einzeln um sie kümmern.

Ist Ihr Hof eine Endstation?

Rohrer: Nicht immer, ich kann ja nicht alle Tiere behalten. Für die, die wirklich psychisch krank waren oder noch sind, aber schon. Eine Stute von mir unterlag einem ganz strengen Sattelzwang, leidet immer noch darunter und verhält sich entsprechend. So ein Tier könnte ich nicht vermitteln, dann landet es nämlich doch noch in der Wurst. Ein Hengst, den ich gerettet habe, ist zum Beispiel gesund. Der Vorbesitzer konnte ihn einfach nicht mehr gebrauchen, weil er nicht die erwartete Leistung erbracht hat. Würde ich an dem nicht so hängen, könnte ich ihn ohne Probleme weitervermitteln.

Welchen Nutzen hat ein gerettetes Pferd?

Rohrer: Kommt drauf an, wie krank oder wie psychisch krank das Pferd war oder ist. Der alte Hengst eben, den habe ich damals halb tot bekommen, da war es wirklich kurz vor knapp. Ich habe damals gedacht, dass der nie wieder reitbar sein wird. Doch wir haben es irgendwie geschafft, dass ich ihn doch gelegentlich nochmal reiten kann. Wobei das nicht die Hauptsache ist, sondern dass die Tiere sich hier wohlfühlen. Aber welchen Nutzen? Eigentlich kosten sie nur Geld, aber Pferde sind mein Leben und ich möchte, dass sie auch ein schönes Leben haben.

Mehr zum Thema:

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

Feuer bei Party in Oakland - bis zu 40 Tote befürchtet

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

RB Leipzig bleibt Erster vor Bayern und Hertha BSC

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Nikolausmarkt rund um die Kirche in Dörverden

Bartels hält Werder am Leben

Bartels hält Werder am Leben

Meistgelesene Artikel

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Diskussion im Rathaus über Umbenennung der Lent-Kaserne

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Kreisumlage wieder im Fokus: Zurück auf 49 – mindestens

Mann nach Unfall auf Grünabfallsammelplatz schwer verletzt

Mann nach Unfall auf Grünabfallsammelplatz schwer verletzt

Die Frage nach dem Mehrwert

Die Frage nach dem Mehrwert

Kommentare