Gerda Kümmel berät seit mehr als 25 Jahren Mobbing-Opfer

Wenn die Arbeitszeit zum Spießrutenlauf wird

Alle gegen einen: Wer am Arbeitsplatz gemobbt wird, hat jedoch Rechte, um sich zu wehren. - Symbolbild: dpa

Wildeshausen - Früher nannte man es Psychoterror am Arbeitsplatz, heute sprechen Medien und Berater gerne von Mobbing. Die Bezeichnung wechselte, zurück bleiben aber oft Menschen, die schwer erkranken und der Therapie bedürfen sowie zumeist ihren Arbeitsplatz verlieren. Gerda Kümmel ist seit mehr als 25 Jahren Mobbing-Beraterin. Seit einigen Monaten wohnt sie in Wildeshausen und bietet Vorträge, Seminare sowie auch persönliche Hilfe an.

Viele Jahre hat Kümmel in Wilhelmshaven selbstständig die von ihr gegründete Beratungsstelle „Das Ventil“ geführt. Auch jetzt bekommt sie aus ihrem ehemaligen Heimatort noch Anfragen, weil sie sich einen guten Namen als Expertin gemacht hat. Nun ist sie aus persönlichen Gründen in Wildeshausen zu Hause, das Thema lässt sie aber auch hier nicht los, weil Mobbing überall vorkommt.

„Unter dem Begriff verstehen wir Belästigungen und Benachteiligungen, die bewirken sollen, dass die Würde einer Person verletzt und ein von Einschüchterungen, Anfeindungen sowie Erniedrigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird“, so Kümmel, die seit 1980 als Gewerkschafts- und Rechtsschutzsekretärin tätig war und in diesem Rahmen feststellte, dass Mobbing-Opfer viel Zeit der Hilfe benötigen. Deshab machte sie sich selbstständig.

Mobbing am Arbeitsplatz kann durch den Chef ebenso erfolgen wie durch gleichgestelle Kollegen oder sogar Untergebene. „Für ein Mobbingopfer wird der tägliche Weg zur Arbeitsstelle ein Horrortrip, die Arbeitszeit zum Spießrutenlauf“, erklärt Kümmel, die sich darüber freut, dass es seit zehn Jahren das Gleichbehandlungsgesetz gibt. „Damit will der Gesetzgeber Arbeitnehmer am Arbeitsplatz schützen“, sagt sie. „Leider wird es aber oft noch nicht genügend berücksichtigt. Dabei muss es an jedem Arbeitsplatz öffentlich ausgehängt werden.“

Zumeist, so Kümmels Erfahrung, gibt es für ein Mobbingopfer nur die Alternativen Arzt oder Anwalt. Ein Arzt sehe oft aber nicht die Ursache Mobbing, wenn eine Erkrankung diagnostiziert werde, meint sie. Der Gang zum Gericht sei hingegen nur das letzte Mittel – und führe in der Regel zum Arbeitsplatzverlust.

Als Beraterin bevorzugt Kümmel erst einmal die genaue Analyse der Situation und die Moderation. „Es ist wichtig, den Betroffenen den Rücken zu stärken“, sagt sie. In ihrer Praxis hat sie die Erfahrung gemacht, dass sich Frauen eher melden als Männer. „Männer wollen keine Looser sein“, nennt sie als Grund. Oft steckten sie in einer „Sandwichposition“ zwischen den Ansprüchen der Familie und des Chefs und würden manchmal bis zum ernsten Zusammenbruch durchhalten.

Mobbing kann sich ganz unterschiedlich äußern. Die Bandbreite geht von Beleidigungen am Arbeitsplatz über Schikanen oder ganz bewusster Wegnahme von Aufträgen und Verantwortung. Dabei sind die Opfer keineswegs schutzlos. „Wichtig ist, dass sie aufschreiben, wann und wie sie in ihrer Ehre verletzt wurden und ob es Zeugen gab“, so Kümmel. Danach müsse man klären, warum jemand zum Opfer geworden sei. Dazu gehört die Frage: „Kann er sich allein oder mit Hilfe anderer aus der Opferrolle befreien? Der Arbeitgeber hat eine besondere Fürsorgerolle gegenüber seinen Mitarbeitern, Er muss Mobbing am Arbeitsplatz verhindern“, sagt Kümmel. Deshalb führe sie oft Gespräche mit Arbeitgebern und Personalleitern. Nach ihrer Erfahrung kommt Mobbing ganz besonders in allen sozialen Tätigkeitsbereichen vor. „Dort, wo man sich selbst stark einbringt, ist die Gefährdung groß“, so Kümmel. „Und überall dort, wo es um Karriere geht.“

Eine Erfahrung hat die Neu-Wildeshauserin aber in der neuen Heimat schon gemacht. „Ich habe den Eindruck, dass die Leute hier ausgeglichener sind als in den großen Städten.“ Immerhin das, aber Mobbing kommt ganz offensichlich auch in der Kreisstadt und Umgebung vor. Damit ist der Bedarf an Beratung ebenfalls vorhanden.

Von Dierk Rohdenburg

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