Die Geschichte der Gerichtsbarkeit in Wildeshausen von Hans Siedenburg

Als die Wildeshauser Gilde ins Wanken geriet

Bis heute ist es so, dass jeder der Gilde beitreten kann. Unterschiede werden nicht gemacht. - Archivfoto: Dejo

Wildeshausen - Die Gerichtsbarkeit in Wildeshausen hat eine lange Geschichte. Diese hat der ehemalige Amtsgerichtsdirektor Hans Siedenburg in einem Buch zusammengefasst. Ein Kapitel darin lautet „Aus dem Vereinsregister – als die Wildeshauser Schützengilde wankte“. Ein weiteres beschäftigt sich mit der Rechtsprechung.

„Die alte Wildeshauser Schützengilde, seit langem natürlich im Vereinsregister eingetragen, hat die Besonderheit, dass der jeweilige Bürgermeister der Stadt auch General und damit Vorsitzender der Gilde ist. Nach der Machtergreifung führte dieser während der Generalversammlung am Himmelfahrtstag 1934 den Beschluss herbei, dass Nichtarier fortan von der Mitgliedschaft ausgeschlossen seien.

Das Protokoll legte er im Februar 1938 dem Justizpraktikanten Paasch zur Berichtigung des Registers vor, der das Entsprechende veranlasste. Am 25. Januar 1947, kurze Zeit nachdem das Amtsgericht seine Arbeit nach dem Krieg wieder aufgenommen hatte, schrieb derselbe Beamte – inzwischen Justizinspektor – an den Vorstand: ,Der bisherige Vorstand sei nicht mehr Bürgermeister der Stadt, die entsprechende Änderung im Vorstand sei zum Vereinsregister anzumelden‘.

Das Schreiben konnte nicht zugestellt werden. Der daraufhin angeschriebene aktuelle Bürgermeister Schröder reagierte nicht. Amtsrichter Kunst (später Senatspräsident beim Oberlandesgericht) schrieb nun an den Vorstand: ,Gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 8 Art. III sind alle Vereine, die das Ziel haben, die deutschen militärischen Traditionen aufrecht zu erhalten, verboten und werden unverzüglich aufgelöst. Das Amtsgericht beabsichtigt, den im Vereinsregister eingetragenen Verein zu löschen und gibt Ihnen Gelegenheit, binnen einer Frist von vier Wochen Stellung zu nehmen. Erfolgt eine Stellungnahme nicht, wird nach Fristablauf die Löschung des Vereins im Vereinsregister erfolgen.‘

Dieses Schreiben ging an die Schützengilde in Wildeshausen und die Schützenvereine Lüerte-Holzhausen, Altona und Brettorf. Keiner reagierte. Am 22. September vermerkte Amtsrichter Kunst in der Akte: ,Nach Rücksprache mit dem Oberlandesgerichtspräsidenten soll nichts unternommen, eine allgemeine Regelung abgewartet werden.‘

Die ist dann auch wohl irgendwann gekommen. Die alte Akte endet hier, eine neue wurde angelegt. Die Gilde und damit das große Fest der an den Pfingsttagen waren gerettet.

Über die Zuständigkeiten des Amtsgerichts ist im allgemeinen Teil alles gesagt. Was weiß man aber über die Fälle, mit denen das Gericht zu tun hatte? Besonders über Strafverfahren wurde in der Wildeshauser Zeitung (Löschen-Times) berichtet, die im Jahre 1887 durch Ludwig Löschen unter Übernahme der seit 1864 bestehenden Wildeshauser Nachrichten gegründet worden war.

Über einige Fälle sei im Folgenden berichtet. Am 14. November 1896 ging es um eine Privatklage der Ehefrau des Ziegelarbeiters R. wegen Beleidigung gegen die Ehefrau des Ziegelarbeiters H.. Diese, so die Anklage, habe die Privatklägerin dadurch beleidigt, dass sie das Gerücht verbreitet habe, Frau R. habe die Kuh des Holzwärters W. behext. Es wurden drei Zeugen vernommen. Frau H. wurde freigesprochen, die Klägerin zu den Kosten verurteilt. In derselben Sitzung verurteilte das Gericht einen Bäckergesellen wegen Bettelei zu drei Wochen Haft, spricht aber zwei Lehrer vom Vorwurf der Wilderei frei.

Der Tischlergeselle R. wurde anscheinend Opfer seines übermäßigen Alkoholkonsums. Nächtens zog er den Fischkasten des Mühlenbesitzers Dierßen auf die Brücke, brach dabei den Fischhaken ab und verdarb Aale im Werte von 13 Mark. Irgendwie kam er dann nach Hause. Er wurde überführt, weil er eine in anderer Sache gegen ihn ergangene Strafverfügung am Tatort zurückließ. Seine Einlassung: Er wisse von der ganzen Sache nichts, an dem Tag sei er sehr betrunken gewesen. 30 Mark Geldstrafe, Verfahrenskosten und Schadensersatz an den Geschädigten, so lautete das Urteil.

Interessant ist der Fall des Viehhändlers Julius S., über den die Zeitung am 13. Mai 1896 berichtete. Das Schöffengericht in Wildeshausen verurteilte ihn wegen Körperverletzung zu 150 Mark, hilfsweise zu einem Monat Gefängnis. Der Angeklagte habe am 19. September 1895 in Wildeshausen dem Bürgermeister Schetter mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Auf Berufung von S. wurde die Sache dann vor dem Landgericht Oldenburg neu verhandelt. Aufgrund der Aussage von zwei neu benannten Zeugen wurde das Urteil der ersten Instanz aufgehoben und der Angeklagte freigesprochen.“

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