Archäologe Dr. Jörg Eckert schaut auf die Grabungen zurück

„Wir sind Abfallwissenschaftler“

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Dr. Jörg Eckert liest in seiner Bibliothek in dem Heft über die Arbeitsgemeinschaft Archäologie der Oldenburgischen Landschaft, das zum 40-jährigen Bestehen herausgegeben wurde.

Oldenburg - Ob das Pestruper Gräberfeld, die Kleinenkneter Steine oder das Dorf Norddötlingen – für die Arbeitsgemeinschaft Archäologie (AG) der Oldenburgischen Landschaft war der Landkreis Oldenburg immer ein Schwerpunkt. Dieses Jahr feiert die AG ihr 40-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass blickt der Vorsitzende Dr. Jörg Eckert aus Oldenburg zurück. Die Fragen stellte Ove Bornholt.

Frage: Wie interessant ist der Landkreis Oldenburg archäologisch betrachtet?

Eckert: Klassische Quadratmeile der Ur- und Frühgeschichte. Das war eine Bezeichnung aus dem 19. Jahrhundert für den Raum Wildeshausen. Archäologisch ist der Landkreis eine wichtige Region, weil große und viele Denkmäler dort sind, die noch erhalten sind.

Welche denn zum Beispiel?

Das Pestruper Gräberfeld ist natürlich ein Highlight, einfach weil es so groß und so gut erhalten ist. Im Landkreis und überhaupt im ganzen Nordwesten ist es schon etwas Einzigartiges. Das gab es auch in anderen Regionen, aber dort ist es im Lauf der Jahrhunderte der Bebauung und der Landwirtschaft zum Opfer gefallen.

Was sind die bedeutendsten Grabungsstätten im Landkreis Oldenburg?

Zum Beispiel die Großsteingräber südlich von Kleinenkneten, dort hat es in den 1930er-Jahren ganz bedeutende Ausgrabungen gegeben, das Pestruper Gräberfeld auch, dort sind mehrere Grabhügel ausgegraben worden.

Wann wird die AG tätig?

Die Initiative für Ausgrabungen geht in der Regel von uns aus. Das sind Projekte, die gut organisiert werden müssen. Es ist ja nicht so, dass man sagt: „Ich habe hier einen Spaten und mache jetzt ein Loch in der Landschaft, wo ich etwas vermute.“ Ausgrabungen müssen von der unteren Denkmalbehörde, zum Beispiel dem Landkreis Oldenburg, genehmigt werden.

Was war die letzte Ausgrabung der AG?

Eine spätmittelalterliche Burganlage in Specken bei Bad Zwischenahn im Jahr 2013. Dort ging die Initiative aber vom Heimatverein aus. Dieser kam nach einer Bodenuntersuchung auf uns zu.

Und was haben Sie gefunden?

Es handelt sich um eine Burganlage – einen inneren Burghügel, auf dem die herrschaftlichen Gebäude standen, und eine Vorburg. Und drumherum ein Graben, vermutlich eine Holzpalisade, die sich nicht erhalten hat, und wieder ein kleinerer Graben. Und in diese Gräben ist alles rein geflogen an Abfällen, was die Leute nicht brauchten. Kaputte Schuhe, zerbrochene Pötte und Holzgegenstände. Wir sind Abfallwissenschaftler (schmunzelt).

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie anrücken?

Die Mitglieder der AG, die Zeit und Interesse haben, kommen. Da ist natürlich Handarbeit gefragt und man muss über etwas Muskelkraft verfügen. Für größere Flächen setzen wir Bagger ein.

Gibt es Überlegungen für neue Grabungen?

Das ist noch zu weit weg. Das Problem ist nicht, irgendein Grabungsobjekt zu finden. Sondern eines, bei dem nach zwei, längstens drei Wochen ein gutes historisches und archäologisches Ergebnis vorhanden sein muss. Mehr kann man den AG-Mitgliedern nicht zumuten. Es braucht ein Fundament aus historischen Fakten. Für einen Schuss ins Dunkle ist der Aufwand zu groß. Und es ist natürlich auch eine Kostenfrage.

Wo Sie die Kosten ansprechen, wie teuer ist so eine Grabung?

Weit unter 10.000 Euro. Wir versuchen, alles auf niedrigem Niveau zu halten und kostenlos über die Gemeinde an Geräte sowie ein Zelt und Wohnwagen zu kommen.

Wie fühlt es sich für Sie an, ein Fundstück auszugraben?

Bei so einem lang gedienten Archäologen wie mir ist das natürlich schon ein bisschen Routine. Aber es ist nicht so, dass mich das nicht berührt. Man muss sich vorstellen, man ist der erste Mensch, der das Stück nach 500, 1 000 oder 2 000 Jahren wieder zu Gesicht bekommt, was da vor langer Zeit in den Boden geraten ist.

Was war ihr bedeutendster Fund?

Die Frage habe ich schon so oft gehört, aber ich kann sie nicht beantworten. Das ergibt sich immer aus dem Kontext. Ich erwarte kein Gold oder Silber. Es geht zum Beispiel um Import-Keramik und die Frage, wie die Bewohner der Burg ihre Waren bezogen haben. Oder um ein rheinisches Pilgerabzeichen, gefunden bei der Welsburg bei Klattenhof. Es zeigt die Heiligen Drei Könige, Maria mit Jesus-Kind und den Stern von Bethlehem. Das ist ein Indiz dafür, dass die Einwohner Wallfahrten ins Rheinland unternommen haben.

Zur Person: Dr. Jörg Eckert stammt aus Königsberg und wuchs in Brake auf. Er studierte erst Slawistik und Geschichte in Münster sowie Berlin, brach das Studium aber sofort ab, nachdem er zum ersten Mal eine Ausgrabungsstätte gesehen hatte. In der Folge studierte er unter anderem Ur- und Frühgeschichte in Köln. Nach seiner Promotion arbeitete er jahrelang als Archäologe im Rheinland, bevor er für fünf Jahre Archäologischer Denkmalpfleger in Münster wurde. Die gleiche Aufgabe übernahm der heute 74-Jährige von 1986 bis zu seinem Ruhestand 2007 für den Regierungsbezirk Weser-Ems. Eckert ist verheiratet und hat einen Sohn.

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