Ex-Landwirtschaftsminister Funke nimmt Vegetarier und die Politik aufs Korn

Landtage Nord mit deutlichen Worten eröffnet

Die ersten Besucher waren schon vormittags auf der Messe unterwegs. So richtig voll war es aber noch nicht. - Fotos: bor

Wüsting - Von Ove Bornholt. Zur falschen Zeit am falschen Ort: Ein Porsche-Fahrer aus Westerstede klebt am Freitagmorgen mit seinem Sportwagen förmlich am Heck eines Traktors, der mit 45 Kilometern pro Stunde die Bremer Straße bei Wüsting entlang juckelt – für Autofahrer, die ihre PS-starken Boliden gerne mal beschleunigen, ist die Gegend um den Ortsteil der Gemeinde Hude an diesem Wochenende eine No-Go-Area. Denn die Landtage Nord sind gestartet, und das Treckeraufkommen auf den Straßen – Höfesterben hin oder her – ist deutlich gestiegen.

Karl-Heinz Funke während seiner Rede.

Im Steigen begriffen ist auch die Erregung im Gemüt des ehemaligen Bundeslandwirtschaftsministers Karl-Heinz Funke (ehemals SPD), während er seine Rede zur Eröffnung der Messe hält. Er hat sich vorgenommen, 20 Minuten über die Landwirtschaft und ihre Lage zu referieren. Es werden mehr, doch es ist interessant, dem erfahrenen Politiker zu lauschen, wie es das ganze Festzelt tut. Unterhaltsam ist es auf jeden Fall.

Ohne Manuskript entert der weißhaarige 70-Jährige behende die Bühne, um deutliche Worte loszuwerden. Und dazu gehört auch, dass der Begriff Höfesterben in seinen Augen nicht treffend ist. Denn jedes Jahr würden drei Prozent der Landwirte ihren Betrieb aufgeben. In gleichem Maße steige dann aber auch die Produktivität, erklärt er.

Grundsätzlich betrachtet er die öffentlich geführte Debatte über die Ausrichtung der Landwirtschaft offenbar skeptisch. Dazu äußere sich inzwischen fast jeder. Fachmann hin oder her. Das sei so, „als ob jemand einmal im Jahr ein Eisbein isst und sich deswegen für einen Polarforscher hält“. Der alte Mann hat noch mehr Sprüche auf Lager, die die Seele der Bauern ein wenig massieren, die von vielen Seiten Kritik bekommen – sei es von Umweltverbänden oder Vegetariern, die Massentierhaltung ablehnen.

Letztere dürften nach der Rede von Funke nicht gerade auf die Idee kommen, einen Fanclub zu gründen. „Vegetarier leben nicht länger, ihnen kommt das Leben nur länger vor“, kalauerte er. Gemeinsam mit Veganern, Biotikern „und weiteren Sonderformen“ würden sie nicht einmal zehn Prozent des Lebensmittelverbrauchs abdecken. Die ökologische Landwirtschaft wachse zwar kontinuierlich, aber langsam.

Funke setzt auf die konventionelle Landwirtschaft und die Veredelung ihrer Produkte, um dem Wirtschaftszweig eine Perspektive zu geben. Denn auf derartige Waren ziele das Konsumenten- und Verbraucherverhalten ab. Die Leute „wollen Rohstoffe nicht mehr einkaufen und dann be- und verarbeiten“. Außerdem sind in seinen Augen für 90 Prozent der Haushalte nicht etwa regionale Herkunft oder ökologische Erzeugung für die Kaufentscheidung maßgeblich. „Man guckt auf den Preis beim Einkaufen und auf nichts anderes“, ist er sich sicher. „Tiefkühlkost und der schnelle Einkauf, um alle satt zu machen, boomen.“

Der Politik wirft er indirekt Verlogenheit vor. So fordere ein Papier, die Reduzierung der Rinderzahlen. Gleichzeitig sollten die Bauern ihr Grünland erhalten. Das sei nicht vereinbar, „es sei denn, man findet andere Gruppen in der Gesellschaft, die bereit sind, Gras zu fressen“. Auch hier dürfen sich Vegetarier angesprochen fühlen. Und so manches Gesicht von Kreistagsabgeordneten der Grünen, die wie viele andere Amts- und Mandatsträger aus dem ganzen Landkreis Oldenburg zur Eröffnung eingeladen waren, drückte alles andere als Begeisterung für Funkes Worte aus, der nicht zuletzt wegen seiner unrühmlichen Trennung vom Oldenburgisch Ostfriesischen Wasserverband nicht überall Bewunderer hat.

Ansonsten sagten die weiteren Redner, Hudes Bürgermeister Holger Lebedinzew und Landrat Carsten Harings, das, was man eben bei der Eröffnung einer Großveranstaltung in der Region sagt. Sie lobten die „nicht mehr wegzudenkende Messe“ als „Aushängeschild der Region“ (beides von Harings) und das gute Marketing durch die Landtage für die „schöne und prosperierende Ortschaft Wüsting“, die von der „perfekten Verkehrsanbindung profitiert“ (beides Lebedinzew).

Auf dem 13 Hektar großen Gelände um das Festzelt herum bummelten derweil schon einige Leute über das Gelände, wobei der große Ansturm vermutlich erst am Wochenende erfolgt. Ob sich unter den erwarteten 70 000 Besuchern auch der Porsche-Fahrer aus Westerstede befindet, sei mal dahingestellt.

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