Louéser Gäste besuchen Emssperrwerk und Gedenkstätte

Wunder der Baukunst und düstere deutsche Geschichte

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Kontrastprogramm: Moderne Baukunst statt düsterer deutscher Geschichte. Das Emssperrwerk bei Gandersum war das zweite Ziel der Tagesfahrt. 

Harpstedt/Loué - Donnerstag reist die 55-köpfige Besuchergruppe aus Loué wieder ab. Das gestrige Abschlusskonzert des Orchestre de la Vègre wurde wetterbedingt von der Burginsel ins Feuerwehrhaus verlegt. Trotzdem kamen rund 120 Zuhörer. Erlebnisreiche Tage liegen hinter den Musikern und „Pompiers“ (Brandschützern) aus der französischen Partnerstadt – ebenso hinter ihren Gastgebern aus den Reihen der Feuerwehr Harpstedt. 

Zum Besuchsprogramm gehörte auch eine Besichtigung der Gedenkstätte Esterwegen, die ein Zeichen gegen Diktatur, Terror, Nationalismus und Rassismus setzt. Am Dienstag bestaunte die Gruppe aus Frankreich ein Meisterwerk der Technik und der Baukunst. Ein Tagesausflug führte sie und ihre Gastgeber zum Emssperrwerk bei Gandersum. Diese Anlage gilt als eine der modernsten ihrer Art in Europa und ist seit September 2002 in Betrieb. Sie lockt jedes Jahr Tausende von Besuchern an. Das 476 Meter lange Bauwerk verbessert den Sturmflutschutz an der Ems und im Leda-Jümme-Gebiet erheblich. Es kehrt Sturmfluten, die zwei Meter höher als das normale Hochwasser auflaufen.

Elfmal geschlossen in 14 Betriebsjahren

Das bedeutet: Die Flut kann, wenn es geschlossen ist, nicht mehr flussaufwärts vordringen. Eine Gästeführerin verriet den Besuchern, in den 14 Betriebsjahren sei das Sperrwerk bereits elfmal wegen Hochwassers geschlossen gewesen, sogar schon zweimal innerhalb von nur 24 Stunden. Zunächst schaute sich die Gruppe ein informatives Video an. Im weiteren Verlauf wurden die Besucher, aufgeteilt in drei Gruppen, auf das Sperrwerk direkt an die Hauptdurchfahrtsöffnung geführt. Dort bekamen sie viele Details erklärt. Das Dolmetschen übernahmen Wiebke Wachendorf und Mathieu Turken.

Bevor es gen Gandersum ging, hatten die Ausflügler Esterwegen angesteuert. Während eines zweistündigen Aufenthalts in der dortigen Gedenkstätte machten sich sowohl die Harpstedter als auch die Gäste aus Loué ein Bild von der Ausstellung und der Außenanlage. Esterwegen konfrontierte sie mit der Nazi-Vergangenheit Deutschlands: Zwischen 1933 und 1945 unterhielt das NS-Regime zahlreiche Gefangenenlager. Wo sich heute die Gedenkstätte Esterwegen befindet, war im Sommer 1933 ein Konzentrationslager aus dem Boden gestampft worden. Von 1934 bis 1936 unterstand diese Stätte von Terror und Mord unmittelbar Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS. Die Nazis inhaftierten dort politisch Verfolgte. Darunter war Carl von Ossietzky. Der Schweizer Diplomat Carl Jacob Burckhardt, der das Lager 1935 als Mitglied des Internationalen Rotkreuz-Komitees besuchte, traf den späteren Friedensnobelpreisträger dort an – und beschrieb ihn anschließend als „zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das gefühllos zu sein schien, ein Auge verschwollen, die Zähne anscheinend eingeschlagen“.

1934 begann „Lagerarchitekt“ Bernhard Kuiper damit, das KZ Esterwegen, wo Häftlinge in Zwangsarbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen die emsländischen Moorlandschaften kultivierten, vollständig umzugestalten. Die Inhaftierten mussten nach seinen Entwürfen unter anderem einen Park mit Blockhütte, ein Schwimmbad und ein repräsentatives Haupttor errichten. 1936 löste Himmler das KZ auf.

Sachsenhausen war das „Nachfolgelager“

Kuiper zeichnete auch verantwortlich für die Architektur des „Nachfolgelagers“ Sachsenhausen am Stadtrand Oranienburgs. Das genoss eine Sonderstellung unter den KZs, worauf schon die dortige Stationierung eines großen SS-Kontingents hindeutete. Es diente als Ausbildungsort für KZ-Kommandanten und das Bewachungspersonal im gesamten NS-Machtbereich. Einer dort im August 1941 erbauten Massenerschießungsanlage fielen zwischen 13 000 und 18 000 sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer. Die Nazis ermordeten allein in Sachsenhausen mehrere 1 0 000 Häftlinge.

Esterwegen fand derweil unter ihrer Schreckensherrschaft von 1937 bis 1945 als Strafgefangenenlager der Reichsjustizverwaltung Verwendung. Das Regime inhaftierte dort während des Krieges deutsche Soldaten, die Wehrmachtsgerichte verurteilt hatten, sperrte ebenso aber auch – im „Lager Süd“ – Widerstandskämpfer aus Westeuropa ein, sogenannte „Nacht- und Nebel-Gefangene“. Unmittelbar nach dem Krieg übernahm die britische Besatzungsmacht die Anlage, die ihr als Internierungs- und Straflager diente. Ab 1953 avancierte Esterwegen zum Durchgangslager für Flüchtlinge aus der sowjetischen Besatzungszone. Alle Gebäude aus der NS-Zeit verschwanden. Von 1963 bis 2005 unterhielt die Bundeswehr in der Liegenschaft ein Depot.

Die Hauptausstellung in der heutigen Gedenkstätte dokumentiert die Geschichte aller 15 Emslandlager von 1933 bis 1945 im Kontext der Geschichte des „Dritten Reiches“, vor allem das Leben und Leiden der Häftlinge.

Nach der Konfrontation mit düsterer deutscher Historie konnten sich die Besucher auf dem Moor-Info-Pfad über das Moor und seine Kultivierung informieren, zudem die Natur und die Sonne sowie anschließend ein Picknick auf dem Picknickplatz neben der Schutzhütte am Eingang zum Moor-Info-Pfad genießen.

Dem sich anschließenden Besuch des Sperrwerks folgte ein Abendessen in „Hackfeld’s Dorfkrug“ in Klein Ippener. Den Ausklang des Tages genoss der Großteil der über 100-köpfigen Ausflügler-Gruppe in der Harpstedter Eisdiele. 

hh/boh

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