Harpstedt

Nach mehr als 40 Jahren wird Heißmangel-Betrieb geschlossen

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Haben in der Heißmangel fast 20 Jahre lang Seite an Seite gearbeitet: Margot Wessels (l.) und Gisela Briese aus Harpstedt. 

Harpstedt - Von Jürgen Bohlken. Einst fragte sie sich, warum die Inhaberin der damaligen Heißmangel Schöler bis ins hohe Alter ihrer Kundschaft zu Diensten stand. Mittlerweile ist Margot Wessels selbst 89. Die Arbeit empfand sie stets als Lebenselixier. Das war schon früher so, als Mitarbeiterin in der Fleischerei Christians, und danach 42 Jahre in ihrer eigenen Heißmangel an der Mullstraße in Harpstedt. Doch alles hat seine Zeit – und die selbständige Seniorin schweren Herzens eine Entscheidung getroffen: Am 21. Dezember arbeitet sie zum letzten Mal in ihrem Betrieb. Danach steht die Mangel still. Für immer.

Wie versüßt sich ein Mensch, der Zeit seines Lebens als Workaholic galt, sich so gut wie nie einen Urlaub gegönnt hat und typisch deutsche Tugenden wie Pünktlichkeit, Fleiß und Genauigkeit verkörpert, seinen Ruhestand? Was tun in all der freien Zeit? So richtig weiß die 89-Jährige das selbst noch nicht. 

Der große Garten werde sie sicher auch künftig beschäftigen, ist sich ihre Schwiegertochter Audrey sicher. „Das wird sich bestimmt finden“, pflichtet Gisela Briese bei. Die 77-Jährige erinnert sich als ehemalige Mitarbeiterin noch gut an die Anfänge der Heißmangel, denn sie verbindet dieses Datum mit einem anderen persönlichen Lebensereignis: „Meine Tochter Ute feierte damals, 1974, ihre Kommunion. In der Woche darauf hat Margot eröffnet.“

Durch Mundpropaganda mehr Kunden

Die gemeinsame Zeit im Betrieb werden beide Seniorinnen nie vergessen. Sie sei trotz aller Arbeit und ungezählter Überstunden einfach unglaublich schön und von „sehr viel Spaß“ geprägt gewesen. „Anfangs kamen kaum Kunden, weil es damals drei Heißmangeln in Harpstedt gab“, entsinnt sich Margot Wessels. Doch das habe sich durch Mundpropaganda schnell geändert. „Meine Schwiegermutter hat ihre Arbeit immer sehr gewissenhaft verrichtet. 

Sie legte großen Wert darauf, dass die Kunden ihre Wäsche picobello zurückbekamen – hundertprozentig faltenfrei und ordentlich zusammengelegt. Eine Spezialität von ihr war das Stärken. Damit hob sie sich von den Wettbewerbern ab. Sie wusste immer, welcher Kunde seine Wäsche gar nicht, leicht oder kräftiger gestärkt haben wollte. Sie begrüßte jeden, der durch die Tür kam, mit Namen. Selbst einen unbeschrifteten Korb konnte sie dem Eigentümer zuordnen – anhand der darin liegenden Wäsche“, plaudert die Schwiegertochter ein wenig aus dem Nähkästchen.

Täglich Kuchen für die Mitarbeiterinnen

Kinder seien stets gern mit in die Heißmangel gekommen, durften sie doch ins Bonbonglas greifen und sich eine Süßigkeit herausnehmen. Im Interesse eines guten Betriebsklimas verwöhnte die Chefin ihre Mitarbeiterinnen sogar täglich mit Kaffee und Kuchen. Kunden quittierten dies mit einem wiederkehrenden Kommentar: „Ihr habt das gut!“

Anfangs gab es im Betrieb eine vergleichsweise kleine Mangel. „Später erhielten wir eine größere, die wir als Folge der Schließung von Schöler übernahmen“, erzählt Gisela Briese. Die Kunden seien aus der ganzen Umgebung gekommen, auch aus Bremen und Delmenhorst. Körbeweise hätten sie Bettwäsche, Tischdecken, Gardinen, Geschirrtücher und sogar Unterwäsche gebracht. Zu den Großkunden habe die Altenpension Grubert in Klosterseelte gezählt. Um dem Arbeitsanfall in den Zeiten, da der „Laden brummte“, Herr zu werden, sei sogar im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet worden. Die Belegschaft pro Schicht habe im Normalfall aus drei Mitarbeiterinnen bestanden, denn für das effiziente Zusammenlegen der großen Wäschestücke habe es allein schon zweier Kräfte bedurft. Bei schmaler Besetzung mit nur zwei Frauen habe die Mangel immer wieder still stehen müssen, nämlich dann, wenn eine der anderen beim „Falten“ behilflich sein musste.

Die Chefin selbst fuhr oft genug Doppelschichten, stand vom frühen Morgen bis zum späten Abend an der Mangel. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wäschestücke sind heute oftmals „bügelfrei“, und längst nicht mehr jeder legt Wert auf hundertprozentig geglättete Textilien. Mit den Jahren ging auch das Auftragsvolumen in der Heißmangel an der Mullstraße zurück. Gleichwohl bedauern etliche Kunden die nun angekündigte Schließung sehr. Margot Wessels schätzt ihre treue Klientel außerordentlich, wirbt aber zugleich um Verständnis dafür, dass sie ihren wohlverdienten Ruhestand antreten möchte.

Heidi Meyer, Ruth Brending, Martha Halm, Käthe Sparkuhl, Gitte Klare, Helga Lamm – für die Mitarbeit ihrer ehemaligen und aktuellen Kolleginnen ist die 89-Jährige außerordentlich dankbar. Das schließt natürlich auch Gisela Briese ein, die ihr fast 20 Jahre zur Seite stand und sogar gern noch länger geblieben wäre. Rückenprobleme ließen das aber nicht zu. Im Leben der heute 77-Jährigen ergaben sich neue Herausforderungen – in Person ihrer sechs Enkel.

Margot Wessels bleibt im Ruhestand nun viel Zeit, die sinnvoll gefüllt werden will. Womöglich ja auch für eine sehr persönliche Leidenschaft: Sie schreibt unglaublich gern Gedichte, darunter weihnachtlich angehauchte, und trägt diese bei passenden Gelegenheiten vor, zuweilen als Weihnachtsmann verkleidet. Ihre handschriftlich abgefassten Verse und Strophen füllen mittlerweile einen dicken Aktenordner. „Einmal, als sich die Anzeige der Sparkassen-Uhr in Harpstedt nicht mehr gut lesen ließ, hat meine Schwiegermutter sogar eine Beschwerde in Gedichtform geschrieben“, erinnert sich die Schwiegertochter – und schmunzelt.

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