Hermann Bokelmann erinnert sich

„Syke 345“ war immerzu besetzt

Anlässlich der Einweihung des neuen Wählamts im August 1954, über die damals auch unsere Zeitung berichtete, ergingen Einladungen an „alle Fernsprechteilnehmer im Ortsnetz Harpstedt“. Als Hermann Bokelmann 1946 bei der Post anfing, stand im Postamt ein Klappenschrank.

Harpstedt - Ohne Smartphone läuft schon bei Schulkindern nichts mehr. Angesichts der heutigen Möglichkeiten in der Telekommunikation mutet es fast steinzeitlich an, dass vor 60 Jahren nur rund 300 Familien und Firmen in Harpstedt und den angrenzenden Dörfern über Telefon verfügten.

Hermann Bokelmann, der seit 1946 bei der Post nicht nur als Zusteller, sondern auch im Telefondienst am „Klappenschrank“ tätig war, hat in einem alten Bericht der Kreiszeitung über die erst im August 1954 vollzogene Einweihung des damals neuen Harpstedter Wählamtes gelesen. Das veranlasste ihn, die nachfolgenden Erinnerungen niederzuschreiben.

Bis 1929 befand sich die Post mit der Telefon-Handvermittlung im Haus Grüne Straße 3. Das neue Postamt an der Kleinen Eßmerstraße (heute Burgstraße 19) wurde 1929 gebaut. Im Anbau fand die automatische Wählvermittlung ihren Platz. Sie hatte 1939 schon 195 Fernsprechanschlüsse. Als am 9. April 1945 englische Jagdbomber bei ihrem letzten Angriff auf Harpstedt neun Bomben abwarfen, zerstörte eine davon die Fernsprechvermittlung im Anbau des Postamts.

Als ich im Februar 1946 bei der Post anfing, waren die ersten Telefone wieder angeschlossen. Im Postamt stand ein „Klappenschrank“ für 100 Anschlüsse mit den Telefonnummern 0 bis 99. Die Telefone mit Wählscheibe waren durch alte Apparate mit Handkurbel aus der Kaiserzeit oder Feldtelefone der Wehrmacht ersetzt worden.

Bei nur 100 Anschlüssen war es aber nicht möglich, alle 200 alten Telefonkunden anzuschließen. Um die größte Not zu lindern, wurden zunächst für 20 Anschlüsse zwei Teile einer Wehrmachtsanlage auf den Klappenschrank montiert. Als dann in der Muna in Dünsen viele Heimatvertriebene neue Betriebe eröffneten, reichte das Telefonkabel nach Dünsen nicht für die erforderlichen Anschlüsse. 

In der Muna erfolgte 1946 in der Poststelle für 60 Teilnehmer die Installation einer Vermittlungsstelle mit einem Klappenschrank der Wehrmacht. Dort habe ich 1948/49 Dienst verrichtet. Dünsen wurde aufgehoben, als in Harpstedt der Anbau wieder errichtet war und dort für 300 Anschlüsse drei alte Klappenschränke aus Vegesack zur Verfügung standen. Letztere bedienten vier Kräfte 24 Stunden am Tag. 

Neben Ingeborg Dreja aus Twistringen waren dort Walter Huntemann, Werner Schröder, Friedrich Witscher und ich bis Juni 1952 tätig. Dann haben uns drei junge Mädchen abgelöst. Deren Zeit dauerte aber nur zwei Jahre, denn 1954 bauten Techniker in drei Monaten ein neues, modernes Wählamt auf. 

Zu dessen Einweihung am 13. August 1954 lud der damalige Bürgermeister Heinrich Knolle alle „Fernsprechteilnehmer im Ortsnetz Harpstedt“ in „Drägers Saal“ ein. Henry Eiskamp blies bei diesem Anlass zu Ehren von Franz Stadermann, der 1912 die letzte Postkutsche nach Bassum fuhr, die „Post im Walde“. Zur Aufführung kam auch ein von Rektor Robert Grimsehl verfasstes plattdeutsches Stück mit dem Titel „Dat nee Telefon“. 

Damit war in Harpstedt beim Telefon das technische Zeitalter wieder eingekehrt (den letzten Klappenschrank nahm die Bundespost erst zwölf Jahre später, 1966, in Uetze außer Betrieb; der Selbstwählferndienst mit den Vorwahlnummern war erst ab 1972 möglich).

Die Gesprächsvermittlung ist unglaublich umständlich gewesen. Auf einem Blatt für 100 Anschlüsse befand sich jeweils ein Kästchen pro Anschluss, in dem die Ortsgespräche mit je einem Strich notiert wurden. Für jedes Ferngespräch wurde ein kleiner Zettel mit Nummern, Uhrzeit und Gesprächsdauer ausgefüllt.

Noch ein paar Interna am Rande: Im Nachtdienst durfte man auf einer Liege schlafen. Aber oft verlangte eine Gastwirtschaft August Stiller. Der Heimatvertriebene hatte ein Taxi-Unternehmen aufgebaut und musste dann „Berauschte“ nach Hause fahren. Um 5 Uhr telefonierten die Viehhändler schon mit den Bauern. Abends eine freie Fernleitung für Telefonate mit den Viehgroßhändlern im Ruhrgebiet und im Rheinland zu bekommen, erwies sich als kein leichtes Unterfangen.

Schwierig gestaltete es sich auch, eine Verbindung mit dem Landratsamt herzustellen: „Syke 345“ war immer besetzt. Wenn wir endlich die Verbindung hatten, baten wir Herrn Lührs in der Vermittlung des Landratsamtes: „Schalten Sie sich bitte wieder ein! Wir haben noch mehrere Anrufer.“ Damals gab es noch nicht den Notruf 112. Bei Feueralarm mussten die Postler auch die Sirene auf dem Postamt einschalten. 

Als Oma Finke, die Mutter des späteren Landrats Werner Finke, aufgeregt anrief: „Bie Wessels brennt et“, benachrichtige Werner Schröder sofort „Nummer 18“, Feuerwehrhauptmann Hermann Hoffmeyer. Ich bin in den Postkeller gesaust und habe die Sirene eingeschaltet. Das war schnellster Feueralarm.

Zu guter Letzt etwas zum Schmunzeln im Zusammenhang mit der Störanfälligkeit der alten Telefone: Jeder Apparat bekam Strom von einer Ortsbatterie. Wenn am Wochenende zu gründlich geputzt wurde, löste sich oftmals das Kabel an der Batterie, und wir konnten den Anrufer nicht hören. Wir riefen dann: „Macht das Batteriekabel wieder fest!“ Die Störung war beseitigt, und „Entstörer“ Rohdenburg, dem Vater von Günter Rohdenburg, blieb ein Weg erspart.

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