Solitärbienen übernehmen Bestäubungsarbeit

213 Kokons überwintern in einem Kühlschrank

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Lehm findet als Baumaterial und Werkstoff mannigfaltige Verwendungsmöglichkeiten auf dem Wendbüdel-Hof, den Dr. Wulf Carius jetzt wieder leitet. Sogar bei Insektenhotels. 

Klein Henstedt - Von Jürgen Bohlken. Der Kasten, den Dr. Wulf Carius aus dem Kühlschrank nimmt, enthält Unerwartetes – Kokons anstelle von Lebensmitteln. Der 66-Jährige hat sie gezählt. „213 Stück“, sagt er. Die kühle und parasitenfreie Umgebung bietet der Brut gute Bedingungen zum Überwintern. „Wenn hier auf dem Gelände die ersten Obstbäume blühen, setze ich sie nach draußen in einen Karton mit einem Loch. Binnen eines Tages schlüpfen schon fast alle Mauerbienen“, erläutert der Betriebsleiter des BUND-Hofes „To’n Wendbüdel“ in Klein Henstedt.

Die Faszination der Insekten hat ihn irgendwie immer schon gefesselt. Carius gilt aus ausgewiesener Libellen-Kenner. Für den Landkreis Oldenburg engagiert er sich seit 2015 als einer von mehreren Wespen- und Hornissenbeauftragten. Selten sei es erforderlich, Nester wirklich zu vernichten. In diesem Jahr musste der 66-Jährige nur ein einziges Mal zu diesem letzten Mittel greifen. „Ich mache das aber höchst ungern“, gesteht er. „Ich sehe meine Aufgabe vor allem in der Beratung.“ Gelegentliche Probleme gebe es eigentlich nur mit zwei Arten – mit der gemeinen und der deutschen Wespe. „Sie bilden große Völker und können recht aggressiv werden.“ Im Landkreis Oldenburg darf der Hornissen- und Wespenbeauftragte das Töten, wenn sich’s dann nicht umgehen lässt, selbst übernehmen. „Das kostet 30 Euro“, erläutert Carius. Anderenorts, etwa in Delmenhorst, sei der Preis ungleich höher; dort müsse der Kammerjäger kommen.

Menschen die Angst nehmen

Den Menschen die Angst nehmen und den Nutzen der für die Bestäubung so wertvollen Insekten in den Fokus rücken – das liegt Dr. Carius am Herzen. Auf dem BUND-Hof finden sich etliche Insektenhotels, in denen Wildbienen oder auch Solitärwespen ihre Brut „eingekapselt“ haben. Beim Selbstbau seien einige grundsätzliche Dinge zu beachten. „Nie in das Stirnholz, sondern immer seitlich bohren!“, rät Carius. Baumscheiben mit Löchern seien völlig ungeeignet. „Da gehen die Wildbienen nicht rein.“ Überhaupt würden die „Hotels“ nur von etwa 20 Prozent frequentiert, denn: „Rund 80 Prozent leben in der Erde.“

In einer Holzkiste im Kühlschrank überwintern diese Kokons, aus denen Mauerbienen schlüpfen werden. 

Ungefähr 560 einheimische Wildbienenarten gibt es. Einige wenige davon sind Mauerbienen. Die faszinieren den Fachmann besonders. Sie leben solitär, bilden also keine Völker. Jedes Weibchen legt für sich ein eigenes Nest an. Gleichwohl nisten Mauerbienen gern gesellig. Es kommt also zuweilen schon zu größeren Ansammlungen. Mauerbienen können zwar stechen, gelten aber – wie Hummeln – als ausgesprochen friedlich. Aus Drüsensekreten, Blattstückchen und Erde stellen sie das Baumaterial für ihre Zellen her, in denen die Brut aufwächst. Manche fliegen schon im zeitigen Frühjahr bei Temperaturen ab vier Grad Celsius und Sonnenschein. „Die Mauerbiene lässt sich sehr ortstreu für die Bestäubung einsetzen. Sie verbleibt in einem Nest-Umkreis von etwa 500 Metern“, erläutert Carius. Es gebe sogar regelrechte Zuchtbetriebe. Bei der Brut, die aktuell in besagtem Kühlschrank überwintert, handelt es sich übrigens um die Nachkommenschaft eingekaufter Mauerbienen, die ein Unternehmen aus Konstanz vertreibt.

Bienen bestäuben Obstbäume auf BUND-Hof 

In einer Holzkiste im Kühlschrank überwintern diese Kokons, aus denen Mauerbienen schlüpfen werden. 

Auf dem BUND-Hof gedeihen zahlreiche Obstbäume. Die Wildbienen übernehmen dort mit der Blütenbefruchtung eine wichtige Aufgabe. Futterpflanzen finden sie aber auch in der Umgebung: Dr. Carius hat einen BUND-Wildbienenpfad angelegt; eine Hecke mit Blühpflanzen säumt den Sandweg. Verschiedene Tafeln informieren über sandliebende Wildbienen und Solitärwespen, deren Nisthabitate und bevorzugte Nahrungspflanzen, aber auch über Pflanzen, die von den nützlichen Insekten gemieden werden.

Hölzerne „Hotels“ für Mauerbienen, die Wulf Carius verwendet, sind zweigeteilt; sie bestehen aus einer oberen und einer unteren „Hälfte“. Die Nistkammern lassen sich bequem öffnen – und die Kokons herausnehmen.

Der Fleiß, der Bienen redensartlich nachgesagt wird, zeichnet auch solitär lebenden Arten aus: „Eine Mauerbiene besucht bis zu 5 000 Blüten pro Tag“, lässt sich einem BUND-Info-Blatt auf dem Wendbüdel-Hof entnehmen.

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