Bürgermeisterin punktet mit Präsentation

Das kleine Colnrade kommt in Tokio groß raus

Anne Wilkens-Lindemann (hinten, 9.v.r.) mit ihrer Tochter Sophie (links daneben) inmitten der Organisatoren des Symposiums.

Colnrade - Von Jürgen Bohlken. Was hierzulande Vereine und das Ehrenamt für das Gemeinwesen bedeuten, welche Entscheidungen Räte treffen, wie Raumordnung, Bauleitplanung und Haushaltsführung funktionieren, interessiert einen Kreis von Forschern im fernen Japan geradezu brennend.

In Tokio bekam Bürgermeisterin Anne Wilkens-Lindemann Gelegenheit, während eines zweitägigen Symposiums zur Nachhaltigkeit selbstverwalteter Kommunen ihre Heimatgemeinde Colnrade an der privaten Keizai-Universität vorzustellen – vor Akademikern, aber auch vor Regierungsvertretern und Repräsentanten des Institut Français. Knapp ein halbes Jahr lang hatte sie an der Powerpoint-Präsentation gearbeitet.

„Die sehr schöne Uni liegt im Grünen. In die Aula, wo das Symposium lief, passen bestimmt 200 Leute. Sie war nicht voll, aber gut gefüllt“, berichtet die Bürgermeisterin. Nicht nur Dozenten der gastgebenden Hochschule, sondern auch andere Professoren hätten zu den Vortragenden gezählt, fügt ihre Tochter Sophie hinzu, die vom 2. bis 9. November mit nach Tokio reiste.

Ganz unterschiedliche Fakultäten mischten mit im Symposium, das zum einen die Beziehungen zwischen Kommunalverwaltung, Bürgern und kleinen sozialen Gruppen beleuchtete und zum anderen darauf zielte, auf der Grundlage eines internationalen Vergleiches von Kommunen Zukunftsentwürfe für die japanischen Gemeinden zu definieren. 

Die Bandbreite der Wissenschaftler reichte vom Philosophen über den Landschaftsplaner und den Architekten bis hin zum Verwaltungsrechtler. Einige Gesichter kannten die beiden geladenen Gäste aus dem fernen Norddeutschland bereits von den zurückliegenden Colnrade-Besuchen japanischer Forscherdelegationen, allen voran Masami Hagai, Professor für öffentliche Verwaltung mit Lehrstuhl an der Keizai-Universität.

Vier Kommunen stellten sich in der Uni-Aula vor – zwei japanische sowie mit Lyon La Forêt und Colnrade zwei europäische. Die französische Gemeinde habe eine interessante Geschichte; „da sind schon viele Könige durchgekommen“, weiß Anne Wilkens-Lindemann. Die Japaner hätten ein „hohes Interesse“ daran, kleine selbstverwaltete Kommunen zu erforschen, zumal es bei ihnen Bestrebungen gebe, wieder zurück zu überschaubareren Einheiten zu kommen. 

In diesem Zusammenhang, so Anne Wilkens-Lindemann, legten sie ein besonderes Augenmerk auf die „lokalen Akteure“ – auf Rat und Kirche, Privatleute und Vereine. Letztere sind der japanischen Kultur völlig fremd. Das findet seinen Niederschlag sogar in der Sprache. Während des Symposiums sei stets das deutsche Wort Verein benutzt worden, weil es dafür schlicht keinen passgenauen japanischen Begriff gebe, erzählt Sophie Lindemann.

Welche Steuern darf Colnrade erheben? Wie ist die Kommune in die Samtgemeinde Harpstedt und in den Landkreis Oldenburg eingebettet? Welche dieser Gebietskörperschaften nimmt welche Aufgaben wahr? Solche Fragen beantwortete die Bürgermeisterin in ihrer Präsentation. Von allen vier Gemeinden, die sich vorstellten, habe Colnrade am besten die Erwartungen der Forscher erfüllt, findet Sophie Lindemann. 

Sie studiert Kulturwissenschaften in Vechta; ihre Mutter ist Sozialwissenschaftlerin. Genügend Raum für die Diskussion bot den Symposiumsteilnehmern der zweite Veranstaltungstag. An Colnrade interessierte sie besonders, wie die Kommune vor gut vier Jahrzehnten zur Samtgemeinde kam und welche Wendepunkte die Entwicklung seit der Gebietsreform (1974) geprägt haben.

„Es geht sehr gesittet zu“

„Ich war überwältigt“, erwidert die Bürgermeisterin indes auf die Frage nach ihren Eindrücken von Tokio. Die Metropole lasse sich mit europäischen Hauptstädten gar nicht vergleichen, sagt ihre Tochter. „In jedem Stadtteil gibt es einen Kern, vielleicht so groß wie Bremen – und davon dann wiederum 20, 30 oder 40. Man hat aber gar nicht das typische Großstadtgefühl. Es geht alles sehr gesittet zu. Man fühlt sich sicher, hat keine Angst davor, ausgeraubt zu werden, begegnet überall höflichen Menschen, hört nicht einmal kreischende Kinder auf den Straßen.“

Die Bürgermeisterin und ihre Tochter nächtigten in einem Hotel in Tachikawa, einer Stadt in der Präfektur Tokio. „Wir haben dort sehr viel Business gesehen, schöne Geschäfte, etliche Herren in Anzügen und Damen in Kostümen“, beschreibt Anne Wilkens-Lindemann Eindrücke.

Zur Deckung der Flug- und Hotelkosten gewährten die Gastgeber eine Aufwandsentschädigung. „Das kann letztlich auch als Honorierung der vielen – in die Präsentation gesteckten – Arbeit gewertet werden“, erläutert Sophie Lindemann. Lampenfieber beim Vortragen hatte ihre Mutter nach eigenem Bekunden nicht, wohl hingegen, wie sie gesteht, große Flugangst. Letztlich sei aber alles „wie am Schnürchen“ gelaufen – nicht zuletzt auch dank der Dolmetscherin Tomoko Okamoto, die den beiden Frauen aus Colnrade in Tokio zur Seite stand und ihnen mit Blick auf etwaige künftige private Japan-Reisen sogar anbot, vorübergehend bei ihr zu wohnen.

Eine gestraffte Fassung ihrer Präsentation in Verbindung mit Impressionen aus Tokio wird die Bürgermeisterin möglicherweise beizeiten in ihrer Heimatgemeinde vortragen, sofern Interesse daran besteht. Sie könnte sich das etwa im Rahmen einer Veranstaltung des Heimatbundes zwischen Dehmse und Hunte vorstellen.

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