Dünsenerin geht in die Berufung / Erstinstanzlich wegen Betrugs verurteilt

Wer kann am Ende besser in die Zukunft blicken?

Dünsen/Weyhe/Verden - Von Wiebke Bruns. Weil sie ihre Mitarbeiter betrogen haben soll, muss sich die Betreiberin eines nicht mehr existenten Personaldienstleistungs-Unternehmens aus Weyhe in einem Berufungsverfahren am Landgericht Verden verantworten. Die 55-Jährige aus Dünsen ficht ein Urteil des Amtsgerichts Syke vom 7. März an: Wegen Betrugs in fünf Fällen sollte sie 8. 000 Euro Geldstrafe zahlen.

In zweiter Instanz will sich die Frau nicht zu den Vorwürfen äußern. Die Karten legt sie mittlerweile aber beruflich auf den Tisch: Sie bietet ihre Dienste als Kartenlegerin mit angeblich hellseherischen Fähigkeiten im Internet an. Im Prozess geht es um Aufhebungsvereinbarungen zu Beschäftigungsverhältnissen. Die Unterschriften soll sich die Angeklagte von den Mitarbeitern erschlichen haben, wenn diese einen Urlaubsantrag stellten. Den Beschäftigten soll gesagt worden sein, sie müssten zweimal unterschreiben. Eine Unterschrift soll auf dem oben liegenden Urlaubsantrag geleistet worden sein. Das zweite Blatt soll die Angeklagte unter das erste gelegt und so weit nach oben geschoben haben, dass nur das Unterschrift-Feld sichtbar war. Dieses zweite Blatt soll aber kein Doppel des Urlaubsantrages gewesen sein, sondern die Aufhebungsvereinbarung, die sich die Angeklagte zunutze machte. In einem Fall soll ein Mitarbeiter ins Krankenhaus gekommen sein und dort erst erfahren haben, dass er gar nicht mehr krankenversichert war.

Das Amtsgericht stützte seine Verurteilung unter anderem auf die „absolute Deckungsgleichheit der Durchdruckspuren“ von der Unterschrift auf dem oberen auf das untere Blatt. Alle Fälle sollen sich 2012 so ereignet haben. Ende desselben Jahres soll das Unternehmen aufgelöst worden sein. Die Geschädigten hatten mit ihren Klagen am Arbeitsgericht Erfolg. 200 Tagessätze legte das Amtsgericht als Strafe fest. Strafschärfend fiel dabei ins Gewicht, dass die Geschädigten teils Analphabeten waren.

Die Angeklagte machte zum Prozessauftakt am Landgericht nur Angaben zu ihrer Person und gab eine Internet-Tätigkeit als Beruf an. Dort findet man sie tatsächlich – bei einem spirituellen Online-Portal. „Es ist meine Berufung, mit meiner Gabe den Ratsuchenden eine Hilfestellung mit auf den Lebensweg zu geben“, heißt es auf ihrer Homepage. Die Frau „berät“ zu Themen wie Beruf und Finanzen. Am Dienstag, dem ersten Verhandlungstag am Landgericht, mussten die Ratsuchenden indes auf ihre Unterstützung verzichten. Spätestens ab 11.30 Uhr sei sie wieder zu erreichen, war unter dem Beratungsprofil der 55-Jährigen zu lesen. „Zahnarzttermin – Bitte Warteschleife.“ Daneben der Hinweis auf den Preis: 2,39 Euro pro Minute. Der Gerichtstermin dauerte zwar länger; für die Angeklagte war das aber anscheinend nicht vorhersehbar.

Zwei weitere Verhandlungstage stehen noch an. Ziel der Berufung ist laut Verteidiger ein Freispruch. Staatsanwältin Silvia Lühning bezeichnet dies als „sportlich“.

Der Urteilsspruch ist für den 19. August geplant. Dann wird sich zeigen, wer besser in die Zukunft blicken kann – die Hellseherin oder doch die Staatsanwältin.

Rubriklistenbild: © dpa

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