Zum ersten Tag an der VHS gab’s für Janko Ibrahim sogar eine Schultüte

Mit 28 Jahren drückt er noch einmal die Schulbank

Die Söhne Rodan (2.v.l.) und Raman (r.) überraschten ihren Papa Janko Ibrahim anlässlich seiner „Einschulung“ an der VHS mit einer Schultüte. Die Familie beteuert, sie sei integrationswillig. Ganz bewusst verzichtet etwa die Mutter Darin (links) auf das Tragen eines Kopftuches.

Harpstedt - Der Tag der „Einschulung“ an der Volkshochschule ist für Janko Ibrahim gekommen. Der 28-Jährige freut sich darauf, Deutsch zu lernen. Seine Söhne Rodan und Raman haben ihm sogar eine Schultüte gebastelt, wie sie hierzulande angehende ABC-Schützen bekommen. Hinter Janko Ibrahim und seiner Familie liegt ein langer, beschwerlicher Weg.

Ursprünglich stammt der Neu-Harpstedter aus dem Norden Syriens. Seine Eltern bewirtschafteten mit ihm und seiner damaligen Freundin einen gepachteten Bauernhof mit Baumwollfeldern, Gemüse, Hühnern, Kühen und einem Hund. Später baute er als Maurer Häuser und Schulen.

Nach seiner Hochzeit 2012 begann die Flucht seiner Familie – ironischerweise genau am Tag des deutschen Karnevalsbeginns. Bomben schlugen in der Straße seines Dorfes ein. Mit einem kleinen Rucksack floh er mit seiner Frau und seinem jüngeren Bruder durch ein Loch im Zaun – in die Türkei. Die Familie entschied sich, zunächst im Irak die Entwicklung abzuwarten. Als sich später auch dort die Sicherheitslage zuspitzte, zahlte sie im Herbst 2015 einem Schlepper umgerechnet 4.500 Euro, um von der Türkei zusammen mit weiteren 50 Menschen in einem kleinen Schlauchboot nach Griechenland gebracht zu werden. Das war unglaublich viel Geld; mit dieser Summe hätte Janko Ibrahim in Syrien ein kleines Haus bauen können.

Die Fahrt hat die – inzwischen vierköpfige – Familie noch gut in Erinnerung. Sie währte etwa drei Stunden. Auf See streikte mehrere Male der kleine Außenbordmotor. Immer wieder schwappten bedrohliche Mengen Wasser ins wackelige Boot. „Der jüngste Sohn schläft seitdem abends nur noch schlecht ein“, erzählt Janko Ibrahim. Die Besorgnis steht dem 28-Jährigen ins Gesicht geschrieben.

Mit Bus und Bahn durch halb Europa schlugen sich die Flüchtlinge innerhalb eines Monats über Österreich nach München durch. Zunächst in Turnhallen untergebracht, bekamen sie im Frühling eine kleine Wohnung in Harpstedt zugewiesen. Seitdem ihr Heimatland im Chaos des Krieges untergeht, hat die fleißige Familie all ihre Hoffnungen auf die Bundesrepublik gesetzt. Dank der ehrenamtlich in Harpstedt tätigen Flüchtlingshelfer und der Hilfsbereitschaft von Diakonie und Behörden konnte sie alle nötigen Papiere zusammenfinden und sich an die deutschen Sitten gewöhnen.

Ihr Herzenswunsch ist Akzeptanz

„Wir lieben hier die Freiheit und den Frieden. Wir möchten alles dafür tun, um von den Harpstedtern als ganz normale Dorfbewohner akzeptiert zu werden. Wir wollen uns anpassen. Daher trägt zum Beispiel meine Frau kein Kopftuch. Und ich knüpfe erste Kontakte beim Fußball im Sportverein“, erläutert Janko Ibrahim seine Situation. „Wenn ich dann aber in den Nachrichten sehe, dass es in Deutschland einen Terroranschlag gegeben hat, bekomme ich Angst, dass die Deutschen mich deshalb hassen könnten“, fügt er nachdenklich hinzu. Der Familienvater nimmt seine Hand zur Hilfe, um zu verdeutlichen, dass auch Muslime nicht alle gleich sind. Die Farbe jeder seiner Finger sei dieselbe; jeder einzelne unterscheide sich trotzdem von den anderen. So sei das eben auch bei den Menschen.

Gleichwohl schaut die Familie mit Zuversicht nach vorn. Janko Ibrahim beginnt motiviert den Deutschkurs. Die Sprache zu lernen – das ist ihm unglaublich wichtig, zumal er für das kommende Jahr bereits eine Zusage für eine Maurer-Lehrstelle bekommen hat. Bei einem Harpstedter Betrieb hatte er ein Praktikum absolviert. Die Firma war hinterher von der Echtheit seiner Begeisterung für den Beruf überzeugt. Janko Ibrahims Frau Darin ist schwanger. Wenn die Familienplanung im Oktober mit dem dritten Kind abgeschlossen ist, wird auch sie sich ganz dem Erlernen der deutschen Sprache widmen. Anschließend würde sie gern eine Ausbildung in der Landwirtschaft oder einer Gärtnerei absolvieren.

Was Janko Ibrahim und seinen Angehörigen aktuell fehlt, ist eine hinreichend große Wohnung, vielleicht auch ein Haus oder Resthof. Tanja und Heinz Fröhlke (Tel.: 04244/7521) haben die Patenschaft für die Familie übernommen und bemühen sich um eine Lösung.

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